ARIADNA GROMOWA

GÄSTE AUS DER ZUKUNFT
Δΰχνϋε γξρςθ

Aus dem Russischen von Marlene Milack © 1972
Für Leser von 12 Jahren an

Na schön, ich kann's Ihnen ja erzählen, aber Sie werden mir das alles doch nicht glauben. Sie haben ja gesehen, wie Onkel Mischa mit mir umgesprungen ist. Na, unser Abschnittsbevoll mächtigter. Der glaubt mir auch kein bißchen. Und vor allem — er hat mir die Linta weggenommen. Als Beweismittel, sagt er. Möchte bloß wissen, was der beweisen will! Was ist denn schon gewesen? Nicht die Bohne ist gewesen, was ihn angeht. Ein Riesenlärm um nichts, und er selber war dran schuld, kein anderer! Hält sich für wer weiß wie klug, tut, als ob er alles weiß und alle durchschaut. Dabei hat er von Tuten und Blasen keine Ahnung, er verdächtigt bloß alle, manchen zu Recht und manchen zu Unrecht. Nun hat er mich auf dem Kieker. Hockt da, beschnarcht die Linta und zerbricht sich den Kopf, wo ich sie annähen will.

Na ja, jetzt ist wahrscheinlich Jan schon bei ihm. Vor Jan hat Onkel Mischa Dampf. Er denkt, Jan könnte beim geringsten Anlaß einen kritischen Artikel über ihn schreiben. Wer Jan ist? Na, der Mann meiner Schwester. Er ist Schriftsteller. Haben Sie noch nie was von Jan Lutschnizki gehört? Stimmt genau, er ist Dramatiker und schreibt überhaupt keine Artikel, aber On kel Mischa weiß in so was nicht Bescheid. Jan wird sagen:

“Na, das ist ja eine prima Geschichte für das ,Krokodil'”, und Onkel Mischa wird klein beigeben. Und die Linta herausrükken. Vor der Presse hat er eine Heidenangst. “Sich Autorität erkämpfen ist schwer”, sagt er immer, “sie verlieren - das geht ruck, zuck.”

Klar, einem Wissenschaftler würde ich die Linta freiwillig geben, keine Frage! Aber doch nicht Onkel Mischa! Der verbummelt sie womöglich oder macht sie kaputt — das ist ihm doch egal! Klar, ich hab ihn gewarnt, daß er sich vor der Wissenschaft verantworten muß. Aber er hat ein Gesicht gemacht, daß ich nicht wußte, hat er nun mitgekriegt, was ich ihm sage, oder nicht. Trotzdem, ich glaube schon, er hat's kapiert. Und Jan wird natürlich nachhelfen ...

Ob ich wenig lese? Im Gegenteil, ich lese unheimlich gern! Deshalb meckern sie ja in der Schule und auch zu Hause dauernd mit mir rum und sagen, ich lese allen möglichen Schund und vernachlässige das Lernen. Aber erstens lese ich überhaupt keinen Schund, und zweitens leidet das Lernen nicht die Bohne darunter... Gar nicht, ich lese nicht nur Phantastik! Aber warum fragen Sie danach? Sie glauben mir wohl auch nicht? Dann erzähle ich nicht weiter. Na gut, meinetwegen, wenn es bloß so aus Interesse ist.

Ach du Schreck, Sie sind also auch Schriftsteller! Ist ja allerhand! Und was schreiben Sie? Krimis, wie Adamow? Ich sage Ihnen doch, ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Nein, Ihre Bücher hab ich nicht gelesen, mach ich aber demnächst, ich hab sie stehen sehen. Jan hat sie auch. Wie denn nun, wollen Sie über diese Geschichte schreiben? Ach, richtig, Sie kennen sie ja noch gar nicht! Onkel Mischa hab ich sie natürlich nur in großen Zügen erzählt, er hört einem ja sowieso nicht zu. Nörgelt nur dauernd: “Du sag mir lieber, wie es wirklich gewesen ist!” Dabei sag ich ihm die ganze Zeit nichts als die Wahrheit, aber er kann meine Wahrheit einfach nicht verdauen.

Kommen Sie, wir setzen uns dort unter der Birke auf den kleinen Huckel. Von da sieht man Jan aus der Miliz rauskommen. Ich muß ihn unbedingt abfangen, sonst geht er zum Bahnhof und ruft Alka an, und die nimmt sich natürlich gleich ein Taxi und kommt her. Und wenn Alka anfängt, mich mit ihren Fragen zu löchern, dann dauert das bis in die Puppen. Sie hat nämlich so ein System: Sie fragt einen nach irgendwas, und kaum antwortet man, unterbricht sie einen und erzählt .alles selber, und dann sagt sie plötzlich: “Warum schweigst du dich aus? Hast also nichts zu erzählen!” Bei so einem System kann man jedes Gespräch bis in alle Ewigkeit ausdehnen. Na ja, so ist meine Schwester eben. Von Beruf ist sie Biochemikerin. Nein, warum denken Sie, daß ich mit ihr nicht auskomme? Ist alles ganz normal. Sie erzieht bloß furchtbar gern an mir herum. Jan ist da ganz anders ...

Ach, wenn ich bloß gewußt hätte, daß Jan auf der hinteren Veranda schläft! Ich hätte ihn sofort geweckt, und er hätte alles mit eigenen Augen sehen können. Kurz nachdem ich zum Fluß baden ging, ist er nämlich schon nach Hause gekommen. Er hat gar nicht erst nach dem Schlüssel gesucht und ist auch nicht durchs Fenster geklettert. Unsere Veranda hinten ist immer offen, wissen Sie, und da hat er sich auf die Campingliege gehauen, zugedeckt — und ist sofort eingeschlafen. Ich hab die ganze Nacht gearbeitet, sagt er, und war müde wie ein Hund. Onkel Mischa hat ihn wie verrückt an der Schulter gerüttelt, aber er hat geschlafen wie ein Toter, trotz des Krawalls — gräßlich. Ich hatte zu Onkel Mischa gesagt, daß außer mir niemand im Haus war. Und jetzt dreht er mir daraus natürlich einen Strick und behauptet, das war gelogen. Aber daß Jan hinten schlief, hab ich ja nicht gewußt. Soll er das doch endlich mal kapieren!

Gut, jetzt erzähl ich alles schön der Reihe nach ... Also, ich kam vom Baden zurück und wollte Algebra büffeln — übermorgen ist nämlich Prüfung. Mit der Algebra, das klappte aber nicht so richtig, und da dachte ich, jetzt suchst du dir eine Adresse, griff zum Moskauer Adreßbuch der Behörden und

Branchen und las mich darin fest. Da gibt's aber auch Bezeichnungen — zum Kringeln! Zum Beispiel: GUGIS, GMII, IGERGI, IMEMO ... Nein, wirklich! Oder: REGOTMAS, GZOLIFK . . Versuchen Sie das mal zu verstehen. Und dann all die verschiedenen “Nn”: NIICH, NIIM, Nus ... Zum Totlachen. Ich blättere gern in diesem Buch und spinne mir was zusammen. Na ja, wenn da zum Beispiel steht: “Brillenreparatur und Anfertigung von Denkmälern” - das ist wie geschaffen zum Spinnen. Ich male mir aus, wie ich reingehe und sage: “Reparieren Sie mir zuerst die Brille, sonst fällt mein Denkmal anders aus, als ich dachte, und ich kann's ohne Brille nicht erkennen.” Also, wie gesagt, ich saß einfach da und dichtete mir was zusammen. Der Ausdruck ,MOSGOSSTRACH' (Die Endsilbe STRACH bedeutet im Russischen Angst, geineint ist hier aber die Abkürzung für STRACHOWANUE - Versicherung.) regte mich zu weiteren Wortbildungen an: MOSGOSSCHRECK, MOSGOSKUMMER, MosGOSGLÜCK ... Dabei las ich gar nicht im Adreßbuch, sondern saß da und sah auf die Wand. Ich sehe immer die Wand an, wenn ich denke, da fällt's mir leichter. Aber die Wand muß kahl sein, es darf nichts dran hängen. Und in der Datsche hat's Alka noch nicht geschafft, was anzuhängen. Sie hat die Wände nur verschieden gestrichen - das findet sie modern. Ich saß also am Tisch, der Tisch steht am Fenster, und links davon ist die kahle Ecke, dort stoßen zwei Wände zusammen, die eine rot gestrichen, die andere orangefarben. Jan sagt, ihm tun die Augen weh, wenn er auf die Wände guckt, aber mir macht's nichts aus, mir gefällt's sogar.

Die Sonne schien zum Fenster rein, die Ecke war leer, und wie ich so hingucke, steht er auf einmal vor mir — na, dieser Ljon, der erste. Ich hab mich nicht gemuckst, und er stand in der Ecke. Das war vielleicht was, sag ich Ihnen! Nein, an eine Wahnvorstellung hab ich nicht mal gedacht. Wahnvorstellungen haben nur Verrückte, und ich bin doch nicht beknackt. Anfangs hab ich gar nichts gedacht, hab bloß dagesessen und ihn angestarrt. Und er natürlich mich und alles dort im Zimmer.

Erst nach einer Weile hab ich gemerkt, daß er, wie soll ich sagen, daß er verdutzt war. Er begriff doch überhaupt nicht, wo er sich befand, und außerdem hatte er sich am Bein verletzt;
Alkas Tennisschläger lehnte doch an der Wand in der Ecke, er hatte ihn beim Auftauchen zerbrochen und sich'ne Schramme geholt. Dabei hat er noch Glück gehabt, sagt er, daß er in der leeren Ecke gelandet ist. Wenn er durch den Tisch gekommen wäre oder vielleicht sogar durch die Wand, dann wäre es sein Tod gewesen.

Onkel Mischa hat sie doch mit eigenen Augen gesehen! Trotzdem hat er nichts, aber auch gar nichts begriffen. Sie haben ja gehört, wie er von ihnen redet: “Deine nackten Rabauken!” Dabei waren sie gar nicht nackt, und erst recht keine Rabauken. Wenn sich hier einer wie ein Rabauke benommen hat, dann Onkel Mischa. Wir saßen ganz friedlich im Zimmer und unterhielten uns, plötzlich kletterte er ohne Erlaubnis zum Fenster rauf. Am meisten wundert mich aber, daß er sie für Menschen von jetzt gehalten hat. Er hat überhaupt nicht durchgesehen. Ich zum Beispiel war sofort im Bilde ...

Ja, da haben Sie recht... Wenn da plötzlich jemand so aus heiterm Himmel in der leeren Ecke auftaucht, den betrachtet man sich doch mit ganz anderen Augen. Trotzdem, Ljon war was Besonderes. Selbst wenn er ganz normal durch die Tür reingekommen wäre, hätte ich dumm geguckt. Schon die Sachen, die er anhatte, waren völlig anders als unsere. Er trug Shorts, so aus grünem Leder, aber es war ganz dünn und weich. Die Schuhe waren auch grün und hatten eine tolle Form. i Nackt war er nicht, das ist nicht wahr, er trug ein Nicki, körperfarben, man merkte es gar nicht, und seine Haut war ganz braungebrannt, richtig dunkel. Zuerst dachte ich, seine Haut wäre so, aber er sagt, das kommt von der Sonne und hält sich. Ihre Sachen lassen die ultravioletten Strahlen durch. Er hat's mir gezeigt: Unter dem Trikot war er genauso braun ... Na ja, über die braune Haut hab ich ganz schön gestaunt, aber das war nicht die Hauptsache ... Klar hab ich schon ausländische Touristen gesehen! War ja noch schöner! Amerikaner, Italiener, Afrikaner, Vietnamesen — jede Menge. Aber die benehmen sich alle normal, da wächst keiner wie ein Pilz aus der Erde und steht plötzlich im Zimmer. Und erst die Haare! Solche Haare hat kein einziger Tourist aufzuweisen, das steht fest. Ganz, ganz grün sind die — wie Gras. Und glänzen tun sie! Aber die Augen glänzen noch viel stärker — richtig zum Fürchten, wie strahlend klar die sind. Die Farbe dagegen ist normal, braun, wie bei mir. Die Haare, hat er mir erklärt, sind künstliche, wirken aber wie echte, sogar wachsen können sie. Seine Eltern haben sie ihm ausgesucht, als er noch ganz klein war. Seine Naturhaare haben ihnen irgendwie nicht gefallen. Die Farbe kann man ändern, wenn man will, aber Ljon sagt, er will nicht, er hat sich dran gewöhnt... Und dann ihre Stimmen, die sind so rein und klangvoll, als ob sie singen, dabei sprechen sie unheimlich schnell, ich hab gar nicht alles gleich mitgekriegt... Na ja, wie soll ich es Ihnen erklären ... Ihre Stimmen sind musikalisch, ja, so kann man sagen. Eben, wie sie sich ausdrücken ... Eben — dieses Wort bedeutet bei ihnen: richtig, gut.

Wirklich, ich erzähle wie Kraut und Rüben durcheinander. Ich saß also im Zimmer, sah auf die Wand - und plötzlich erschien vor mir aus dem Nichts ein Mensch mit grünen Haaren. Ich sah ihn an, und er sah mich an. Dann rieb er sich den Fuß, verzog vor Schmerz das Gesicht und sagte: “Was für eine Zeit ist das?”

Nicht so, wie ich es sage, sondern sehr schnell, alles zusammengezogen: Wasfüreinezeitistdas. Ich verstand Bahnhof, starrte ihn weiter an und schwieg.

“Weißt du nicht?” fragte er. “Oder verstehst du nicht? Sag was!”

“Was soll ich denn sagen?” stotterte ich.

Er freute sich und lachte.

“Du verstehst also! Die Sprachen sind kongruent. Antworte:

Welches Jahr ist jetzt bei euch? Welches Jahrhundert?”

Mir wurde ganz mulmig, aber ich nahm mir vor, mich nicht unterkriegen zu lassen.

“Das zwanzigste Jahrhundert — na und?” antwortete ich. Wieder lachte er.

“Was ,na und'? Ich muß das wissen. Das zwanzigste! Liegt weit zurück. Ist aber unwesentlich.”

Er sah sich wieder im Zimmer um, beklopfte die Wand, den Tisch, nahm meinen Füller, betrachtete ihn von allen Seiten, legte ihn hin. Dann berührte er die Tischlampe. “Strom?” fragte er. Sie drücken sich immer so kurz angebunden aus, als wären sie zu faul, was Überflüssiges zu sagen. Plötzlich hörte er auf, alles zu begucken und zu betasten, blickte auf seine Hände und krümmte sich. Seine Hände waren blitzsauber, die Fingernägel glänzten ... Er lehnte sich gegen die Wand und schloß die Augen.

“Ist Ihnen schlecht?” fragte ich.

Er schlug die Augen auf und sagte: “Nein, ihnen nicht schlecht. Mir schlecht. Sehr schlecht. Werde warten.”

Sofort fragte ich, auf wen er denn warten wollte, weil ich, wie Sie sich wohl denkep können, neugierig war, ob vielleicht noch jemand in der Ecke auftauchen würde.

“Weiß noch nicht. Man wird mich suchen. Und finden. Nach der Skala:”

Er setzte sich auf einen Stuhl. Aber bevor er sich setzte, hob er den Stuhl an, untersuchte und befühlte ihn. Er versuchte, sich anzulehnen, verzog das Gesicht and sagte: “Unbequem.” Als er saß, rieb er sich wieder den Fuß, guckte zu mir und fragte: “Kein Flink da?”

Ich fragte, was das ist, ein Flink, aber er verzog nur das Gesicht und meinte: “Natürlich nicht. Zwanzigstes Jahrhundert.” Und rieb sich wieder den Fuß. Die Schramme blutete sogar ein bißchen. Er rieb, und ich sah, wie die Rötung unter seiner Hand verschwand, die Schramme bedeckte sich mit rosa Schorf — wirklich, glauben Sie mir, ich hab's mit eigenen Augen gesehen! Wenn Sie mir nicht glauben, erzähle ich nicht weiter. Da vergeht einem ja die Lust. Nein, gekränkt bin ich nicht, bloß ... Ich verstehe ja, das Ganze ist schwer zu glauben, ich würde es ja selber nicht tun, aber es ist die reine Wahrheit!

Meinetwegen, erzähle ich eben. weiter. Aber ich erinnere mich nicht mehr an die richtige Reihenfolge. Er hat also seinen Fuß geheilt, sich wieder bequem zurechtgesetzt, was eine ganze Weile dauerte, und dann hat er sich mit mir unterhalten. Er redete wieder so kurz angebunden, aber böse war er nicht, sie haben das nun mal so an sich. Ich fragte ihn, warum er so verkürzt spricht, und er sagte verwundert: “Wieso verkürzt? Ist normal. Nichts Überflüssiges. Zeitökonomie.” Ja, seine Bewegungen waren genauso hastig.

Mag sein, daß ich nicht besonders gut erzähle, aber wenn Sie mich immerzu unterbrechen, erzähle ich überhaupt nichts mehr. Nicht, weil ich sauer bin, ich bin einfach geschafft. Nicht wegen Onkel Mischa oder Alka, nein, mir tut's leid um die Linta, und überhaupt... Das war doch ein starkes Ding! Bestimmt hat noch kein Mensch auf der Welt so was erlebt, und jetzt kann ich's nicht mal beweisen.

Zeitökonomie, so hat er sich ausgedrückt.; Ich fragte ihn dann noch, ob er vielleicht vom Mars wäre.

Hat der gelacht!

“Vom Mars! In der Kleidung? Direkt durchs Dach?”

Zugegeben, die Frage war blöd. Aber ich wußte einfach nicht, was ich von alldem halten sollte. Und dann sagte er mit vollem Ernst: “Ich bin von der Erde. Nur leben wir zwei Jahrhunderte später. Im Jahr 2183. Was habt ihr? 1979? Also 204 Jahre Unterschied. Bin zufällig hierher geraten.”

Ich kriegte vor Staunen den Mund nicht wieder zu. Aber ich riß meine ganze Willenskraft zusammen und fragte: “Und wohin wollten Sie eigentlich?”

“Nirgendshin. Versehen. Hätte noch nicht weg gedurft, noch im Versuchsstadium. Objekte losgeschickt. Rückkehr nicht gesichert.” Er verzog wieder das Gesicht, als hätte er Schmerzen am Bein, und sagte: “Sie werden mich finden. Bestimmt.”

Ich war völlig verwirrt, die Sache nahm mich ganz schön mit, und wieder stellte ich eine idiotische Frage: Ob sie dort gut leben und so. Sie leben dort nicht schlecht, antwortete er mir. Im großen und ganzen jedenfalls, obwohl es noch viel zu tun gibt... Was genau? Woher soll ich das wissen? Kriege gibt's nicht bei ihnen, danach hab ich gefragt, und er sagte:

“Nein, und wird es auch nicht geben.” Unterjochung, Ungleichheit, Exploitation des Menschen durch den Menschen und alles so ein Zeug — so was kennen die gar nicht. Das Wort Exploitation hat er nicht mal verstanden, dachte, es hat was mit Produktion zu tun. Ob sie den Kommunismus haben? Na klar. Und was noch? Nein, was sie essen, anziehen und so, hab ich nicht gefragt. Ich hab aber den Eindruck, all das gibt's bei ihnen umsonst oder kostet nur Kopeken. Halt, natürlich kostet das alles nichts; sie kennen doch gar kein Geld! Ich hab ihm nämlich unser Geld gezeigt, einen Rubelschein und allerhand Kleingeld, das hat er sich angeguckt und immer wieder gefragt, was man im Tausch dafür bekommen würde. Aber ihnen das klarzumachen ist nicht so einfach: Sie kennen die Hälfte unserer Wörter entweder überhaupt nicht oder verstehen sie nicht richtig. Für vier Kopeken, sagte ich zu ihm, kann man mit dem Bus durch ganz Moskau fahren, aber er weiß nicht, was das ist, ein Bus. Ich hab versucht, es ihm zu beschreiben, er hatte auch eine gewisse Vorstellung, fragte aber: “Warum so lange? Und überhaupt”, sagte er, “unergiebig” ... Sie benutzen zum Fahren was anderes — Glider heißt das. Ich weiß nicht, wahrscheinlich kommt das von dem Wort Gleiter. Richtig, sie benutzen Luftkissen zur Fortbewegung. Diese Glider gibt's auf Schritt und Tritt, sie sind sogar zusammenlegbar, man kann sie überall mit hinnehmen, sie wiegen so gut wie nichts. Und in den Städten braucht man sie nicht, dort bewegen sich die Bürgersteige vorwärts wie Förderbänder ...

Ja, Ljon heißt er ... Ich glaube, Ljon ist dasselbe wie Ljonja bei uns.Ganz einfach Leonid. Er fragte auch nach meinem Namen. Als ich ihm sagte, ich heiße Genka, meinte er: “Genka? Gennadi? Uneben. Unergiebig. Gen ist besser.” Aber eigentlich wollte ich was anderes erzählen. Er fing wieder an, alles anzusehen, lief im Zimmer herum, guckte zum Fenster raus und verzog wieder das Gesicht, als ob ihm was weh tat. Aber ich hatte schon so meine Vermutungen: Es gefiel ihm nicht bei uns. Ich fragte ihn danach, und er sagte: “Ja, unergiebig, uneben, untragbar.” Untragbar — das ist auch so ein Lieblingsausdruck von ihm. Aus Höflichkeit meinte er noch: “Wahrscheinlich, weil es ungewohnt ist. Habe mir zwanzigstes Jahrhundert anders vorgestellt. Kenne Geschichte schlecht. Ist das hier eine Stadt?” Ich sagte ihm, das wäre eine Datsche, aber er verstand mich nicht. Dann dämmerte es bei ihm, seine Miene hellte sich auf, und er sagte: “Aha, es gibt auch große Häuser, Massenverkehr, keine Luft zum Atmen, Lärm, Gedränge — haben wir alles gelernt.” Mir kam die Idee, mit ihm nach Moskau reinzufahren, und ich zerbrach mir den Kopf, wo ich das Geld für ein Taxi herkriegen könnte — ein Bus kam bei seinem Aufzug nicht in Frage —, aber er lehnte ab, er konnte nicht von hier weg, weil man ihn genau an dieser Stelle suchen würde.

Wie er hierhergekommen ist? Das hat er mir auch erklärt, aber ich hab's nicht ganz kapiert. Entweder hat er aus Zerstreutheit was falsch gemacht, oder seine Berechnungen stimmten nicht. Jedenfalls hat er nie vorgehabt, in die Vergangenheit zu reisen, das heißt, später schon, aber nicht jetzt, zu diesem Zeitpunkt. Sie haben gerade erst mit den Versuchen begonnen. Und Ljon war, wie ich sah, ganz schön nervös, daß sie ihn nicht finden könnten und er hierbleiben müßte.

Wie gesagt, bei uns gefiel es ihm überhaupt nicht. Besondere Angst hatte er vor Schmutz. Er konnte ihn einfach nicht ausstehen. Mir wurde das klar, als er meine Hände betrachtete. Er drehte sich angeekelt weg. Dabei sind sie gar nicht schmutzig, ganz normal. Sie sehen ja, ich bin ja gerade vom Baden gekommen. Nur die Tinte ist nicht abgegangen, mein Füller läuft nämlich, wissen Sie. Trotzdem, kein Vergleich zu Ljon. Seine Hände waren tipptopp sauber, und die Nägel glänzten wie bei einem Filmstar. Keine Ahnung, wie sie dort leben, daß sie so eine Sauberkeit erreichen.

So langsam fing ich an zu überlegen, was ich mit ihm anstellen sollte. Wann sie ihn finden würden, war ja völlig ungewiß. Aber hier würde bald Jan auftauchen, Alka würde nach Dienstschluß erscheinen, und ich wußte nicht, wohin mit ihm. Mir kamen die verrücktesten Gedanken. Sollte er sich erst mal erholen, er hatte ja allerhand durchgemacht und war bestimmt hundemüde.

“Vielleicht legen Sie sich ein bißchen hin?” schlug ich vor. Aber versuch mal einer, mit ihm klarzukommen. Zuerst stutzte er über das “Sie”. Bei ihnen sagt man zu jedem “du”. Und dann fragte er argwöhnisch: “Wieso hinlegen? Warum?” Und guckte mich dabei so komisch lächelnd an, als hätte ich von ihm verlangt, er soll auf den Händen laufen.

“Nur bißchen schlafen. Die Müdigkeit vertreiben”, sagte ich und redete schon genauso kurz angebunden wie er.

“Aha, schlafen! Träumen ...” Er schien sich an was zu erinnern und freute sich. “Ah, bei euch schläft man! Acht Stunden am Tag!”

“Je nachdem”, sagte ich. “Schläft man denn bei euch nicht?” Er lachte belustigt.

“Wozu schlafen? Neutralisation der Müdigkeit, Viertelstunde völlig abschalten. lonendusche. Fertig. Ein Drittel Leben für Schlaf— untragbar. Wozu?”

Dann machte ich den Vorschlag, einen Happen zu essen. Er wurde neugierig. Ich holte Brot, Käse, Butter, Äpfel, Konfekt, eine Schachtel Kekse, mehr konnte ich nicht auftreiben. Ich fragte ihn, ob ich Tee aufbrühen sollte, aber er verstand mich nicht, und ich hatte es satt, was zu erklären. Die Absicht zu essen hatte er natürlich auch nicht. Er beguckte sich alles, roch an allem, schnitt sich überall ein Stückchen ab und probierte. Nichts schmeckte ihm, das sah ich. Er fragte mich, wozu das alles nötig wäre.

“Wozu? Zum Essen natürlich!”

Darauf erzählte er mir was von Fermenten, Vitaminen, Kalorien und so. Ich verstand nur so viel, daß er sich wunderte, wie ich mit den Augen bestimmen kann, wieviel ich essen muß,

“Wieso mit den Augen? Ich esse, bis ich voll bin.”

Er schloß wieder die Augen und wollte sich halbtot lachen.

“Ich esse, bis ich voll bin! Eben! Und das geht immer so?”

“Immer”, sagte ich, “na und? Hauptsache, das Essen reicht.”

Das war mir bloß so rausgerutscht, weiß auch nicht, warn m. Aber er hörte plötzlich auf zu lachen und sagte: “Verstehe. Hunger. Furchtbar.”

“Hunger — ach, Quatsch! Ich persönlich hab noch nie gehungert.”

“Du nicht, andere — ja. Zwanzigstes Jahrhundert. Antagonismus. Unregelmäßigkeit der Entwicklung. Indirekter Einfluß.”

Bei diesen Worten verzog er wieder das Gesicht wie vor Schmerz, sogar auf die Lippen biß er sich. Ich wußte nun wirklich nicht, was ich antworten sollte. Stimmt schon: Antagonismus und so was alles und Hunger gibt's auf der Welt mehr als genug. Aber was haben damit diese Fermente und Vitamine zu tun? Und wie sollte ich sie berechnen? Ich fragte ihn, wie sie das machen, er erklärte es mir, aber ich kapierte nichts. Vermutlich essen sie was ganz anderes.

Er griff nach einem Apfel, wendete ihn hin und her, biß dann hinein und verzog wieder das Gesicht.

“Wozu macht man das? Wächst es? Auf einem Baum? Und ihr eßt es vom Baum?” Er lachte wieder. “Nein, ist nicht kongruent! Ist hart, ist sauer.”

Ich war beleidigt, denn es waren gute Äpfel.

“Probieren Sie den mal”, sagte ich.

Er biß ein Stück ab.

“Der ist besser. Interessante Komponenten.”

Sein unsichtbares Trikot schien Taschen zu haben — er holte ein kleines Instrument heraus, so eine Art Füller, drückte drauf. Eine Nadel sprang heraus, wie bei einer Spritze. Er stach sie in den Apfel und guckte auf das Instrument. Verschiedenfarbige Zeichen erschienen darauf — gelb, grün, fliederfarben.

“Ja, kann man berechnen ...”, sagte er.

“Was ist das?” fragte ich.

“Mikroanalysator. Mein Hobby. Selbst konstruiert. Funktioniert auf drei Ebenen, und die Größe ist minimal.”

Er nahm sich ein Stück Konfekt, kostete und stach die Nadel rein. Aber diesmal war er unzufrieden. “Nicht kongruent”, sagte er. Klar, das Konfekt hatte blödsinnige Namen — “Volleyball”, “Start”, “Schulanfängerin”. Er erkundigte sich interessiert, warum man solche Bezeichnungen wählt. Besonders wunderte er sich über “Schulanfängerin”.

“Das bedeutet .Menschenfresser', stimmt's? Kleines Mädchen aufessen. Findest du das nicht schrecklich?”

Völlig richtig. Konfekt sollte man lieber nach etwas Eßbarem benennen: “Kirsche” oder “Kaffee mit Pflaume”, wonach es wirklich schmeckt. Nein, nicht ich habe mir das ausgedacht, das hat Ljon gesagt. Dann hat er mich von seinem Konfekt kosten lassen. Aber bei ihnen heißt das irgendwie anders. So eine kleine rote Kugel war das, wie eine Erbse, sie war leuchtend durchsichtig. Ich steckte sie in den Mund, sie schmolz sofort und schmeckte nach Erdbeeren. Danach fühlte ich mich ganz frisch, als hätte ich gerade im Fluß gebadet.

Drei Stunden ungefähr saß ich mit Ljon zusammen. Natürlich sah ich, daß er unheimlich nervös war, es wurde mit der Zeit immer schlimmer. Aber helfen konnte ich ihm ja doch nicht, und die Unterhaltung mit ihm war sagenhaft interessant. Ich zwickte mich, ob das alles Wirklichkeit war, und redete und redete. Dann sagte ich mir: Das kann ja alles gar nicht wahr sein, bestimmt ist es nur ein Traum. Er merkte, daß ich mich immerzu zwickte, und fragte mich, was ich da mache. Als ich es ihm erklärte, lachte er Tränen. Am komischsten fand er, daß wir träumen. Ljon war überhaupt ein fröhlicher Typ, ganz anders als Sandr...

Von Sandr hab ich noch gar nicht erzählt, weil ich immer der Reihe nach gehen möchte, aber daraus wird ja doch nichts, deshalb erzähl ich es lieber gleich. Er erschien in derselben Ecke. Zum Glück hatte ich den Tennisschläger weggestellt, so daß er sich nicht verletzte. Er war genauso groß und braungebrannt wie Ljon, vielleicht war die Hautfarbe ein bißchen heller, und seine Haare waren blau mit einem silbrigen Schimmer. Seine blauen Augen leuchteten im Dunkeln wie bei einer Katze. Ljon sprang vom Stuhl hoch und schrie: “Sandr! Gefunden!”, und Sandr sagte ziemlich ärgerlich: “Eben! Serie kann abreißen. Bedeutet Tod.”

Sandr schien von Anfang an zu wissen, wo er war, und interessierte sich nicht besonders für das, was sich bei uns tat. Später stellte sich heraus, daß er Fachmann für Geschichte ist und unsere Zeit viel besser kennt als Ljon. Er sagte, sie hätten so was wie eine Zeitsonde zu uns ausgeschickt, aber so richtig hab ich das nicht verstanden.

Na ja, er war extra gekommen, um Ljon von hier wegzuholen. Er hatte einen kleinen Apparat bei sich, so 'ne Art Tonband, den stellten sie in die Ecke dort und drehten und schalteten ewig daran herum. Nach einer ganzen Weile sagte Sandr:

“Jetzt müssen wir warten.” Sie rückten sich jeder einen Stuhl dicht an den Apparat und setzten sich. Mir befahlen sie, mich weiter weg zu setzen, sogar weg vom Tisch. Ich verzog mich in die andere Ecke und beobachtete die beiden.

Sandr, der die ganze Zeit ernst gewesen war, lachte auf einmal und fragte mich: “Du Herr dieses Hauses?”

Ljon sah ihn so ehrfürchtig an, daß ich mir kaum das Lachen verbeißen konnte. Bei dieser Frage wurde mir klar, daß Sandr zwar so einiges über uns wußte, aber alles durcheinanderbrachte. Ob er wirklich keinen Schimmer hatte, daß ich in meinem Alter nicht der Herr dieses Hauses sein kann? Na ja, ich erklärte ihm, daß ich ein Verwandter des Hausherrn bin.

“Und Hausherr, wer ist das?”

“Der Mann meiner Schwester.”

Sandr überlegte einen Moment und fragte dann: “Was macht er? Vermietet er Zimmer gegen Bezahlung?”

Wahrscheinlich dachte er, er ist in einem kapitalistischen Land. Obwohl dort, meiner Meinung nach, auch nicht jeder Hausbesitzer Zimmer vermietet, sonst hat er ja selber nichts zum Wohnen. Ich klärte ihn jedoch nicht darüber auf, sondern sagte nur: “Nein, er ist Dramatiker.”

Sandr überlegte kurz und meinte dann zu Ljon: “Er schreibt ' Stücke. Aufführungsreife Texte. Nennt sich bei ihnen Theater... Verdient er gut?”

Sandr brachte die Wörter nur mit Mühe raus. Man sah, daß sie ihm fremd waren und er sich anstrengte, sie richtig auszusprechen. Ganz interessant, was er über die Theaterstücke gesagt hat.

“Schlecht verdient er nicht”, antwortete ich. “Habt ihr denn bei euch keine Stücke? Und auch kein Theater?”

“Es gibt Stereo. So eine Art Theater.'Aber keine fertigen Texte. Nur ein allgemeines Schema, wird immer wieder neu abgewandelt.”

Ich ließ mir das eine Weile durch den Kopf gehen und fand diese Methode schlecht, was ich ihm auch sagte.

“Wieso schlecht? Viel besser so. Glaubwürdiger. Unwiederholbar.”

So sind die. Alles ist bei ihnen anders. Ich betrachtete sie mir und bedauerte, daß ich aber auch gar nichts hatte, keinen Fotoapparat, kein Tonband! Und plötzlich guckten sie so komisch, ihre Augen wurden ganz verschwommen, als ob sie nichts mehr sehen könnten. Ljon schüttelte den Kopf, Sandr zuckte die Schultern und lächelte. Ich bekam einen Schreck und fragte: “Was habt ihr?”

“Keine Angst”, sagte Ljon. “Haben Tele eingeschaltet.”

Zuerst dachte ich, sie meinen einen Fernseher, aber dann stellte sich heraus, es war der Telekontakt, Telepathie ... Ach, es war zum Verrücktwerden! Ich fragte: “Macht ihr das immer so? Ich meine mit dem Tele?”

“Nein”, antwortete Ljon. “Nicht immer bequem. Psychologisch untragbar. Pannen nicht ausgeschlossen. Perspektivlos.”

Ich hatte den Eindruck, Sandr war sauer über Ljons Bemerkungen.

“Tele noch im Anfangsstadium. Wie bei euch zur Zeit Kybernetik!”

Ljon lachte und sagte: “Sandr kennt eure Geschichte sehr gut, nicht?”

Ich fand, in Geschichte reichte es bei ihm höchstens für eine Drei. Stimmt schon, alle Kleinigkeiten behält man eben nicht. Wenn man unsere Historiker zwei Jahrhunderte zurückschikken würde, würden sie sich bestimmt auch in manchen Kleinigkeiten irren. Aber bei denen dort, im zweiundzwanzigsten Jahrhundert, soll das Lernen doch viel leichter sein. Sandr hat mir erklärt, dort kann jeder in Geschichte und überhaupt in jedem Fach gut sein, weil sie die Hypno haben. Das bedeutet Hypnopädie. Gerade gestern hab ich in “Technik und Jugend” einen Artikel zu dem Thema gelesen, deshalb wüßte ich gleich, was er meinte. Das mit der Hypnopädie leuchtete mir schon ein, aber was die Telepathie angeht; hab ich früher immer gedacht, das ist ein Lügenmärchen. Deshalb hab ich sie gefragt:

“Und warum hapert es bei uns mit der Telepathie?”

“Weiß nicht”, sagte Ljon. “Wahrscheinlich Technik noch nicht so weit. Ex durchführen?” Er sah zu Sandr hin.

Daß “Ex” Experiment bedeutet, soviel wußte ich schon, und ich bat sie, es durchzuführen. Sandr war einverstanden. Mir fuhr nun doch der Schreck durch die Glieder. Aber Ljons Augen bekamen so ein herrliches Leuchten, daß ich dachte:

Nein, zum Kneifen ist es jetzt zu spät, sonst halten sie dich noch für feige.

Ljon lachte und sagte: “Nein, halten wir dich nicht. Du machst dir unsystematische Gedanken. Wie alt bist du — zwölf?”

Sie hatten mich älter geschätzt, als ich bin, aber ich sagte:

“Irrtum, ich bin schon vierzehn!”

Sandr nickte und sagte: “Verzögerte Entwicklung.”

Ich war beleidigt und wollte mich schon aufregen, aber da hörte ich direkt in meinem Gehirn die Worte: “Ruhig! Konzentriere dich! Stell dich auf mich ein!” Ich merkte, Ljon gab die Kommandos, obwohl er ganz still dasaß, nicht mal die Lippen bewegte er. Mir wurde auf einmal ganz mulmig, es lief mir kalt den Rücken runter, und ich sagte leise: “Besser nicht.”

Ljon sagte, es wäre wirklich besser, auf das Experiment zu verzichten, ich hätte Angst, und dadurch kommt kein richtiger Kontakt zustande. Und er schaltete sich aus. Sofort merkte ich:

Mein Gehirn war wieder frei.

Wo Jan nur so lange bleibt? Er besorgt mir die Linta wieder, da bin ich ganz sicher. Onkel Mischa hatte kein Recht, sie mir wegzunehmen! Sie gehört mir!

Ja, ich selbst habe sie darum gebeten. Für die Wissenschaft! War doch klar, daß mir sonst keiner glaubt, wenn ich nichts beweisen kann, und für die Wissenschaft ist das doch sehr wichtig, daß uns Menschen aus der Zukunft besucht haben. Wenn ich wenigstens einen Fotoapparat gehabt hätte!

Ich habe ihnen das alles gesagt, aber sie schwiegen und unterhielten sich über Tele. Ihre Augen wurden wieder ganz trübe. Dann sagte Sandr zu mir: “Nicht nötig. Wozu geben.”

“Wieso nicht, für die Wissenschaft ist das sehr wohl nötig. Überlegt bitte, was ihr mir geben könnt!” Und ich guckte mir selbst die Augen aus, was ich ihnen abluchsen könnte. Da entdeckte ich an ihren Shorts Knöpfe — je zwei Stück auf der linken Seite. Natürlich waren es gar keine Knöpfe, aber das erfuhr ich erst hinterher. Sie waren so groß wie Fünfkopekenstücke und schillerten wie ein Regenbogen.

“Gebt mir wenigstens so einen Knopf!” sagte ich. “Knopf.” Sandr wiederholte das Wort und erklärte Ljon:

“Ist Teil von Kleidung. Hält Zerschnittenes zusammen.” Sie sahen mich an und lachten.

“Zuerst zerschneiden, dann wieder befestigen”, sagte Ljon. “Warum?” — Ihre Sachen hatten wirklich keine Schlitze. Auch keine Reißverschlüsse. Alles aus Silastik! Und ohne Verschlüsse! Sowieso trugen sie nur Shorts und Nicki.

Sie beratschlagten über Tele hin und her, und endlich schien Ljon Sandr überredet zu haben, denn er nickte zustimmend. Ljon griff nach dem Knopf, aber Sandr hielt seine Hand fest.

“Nicht die Mure. Gib die Linta. Ist ungefährlicher.”

Ljon machte diese komische Linta ab, reckte sich vor, um sie auf den Tisch zu legen. Dabei rührte er sich nicht vom Fleck, und mir befahl er, ja nicht näher zu kommen. Gerade wollte er mir erklären, was es mit dieser Linta aufsich hat - buhis! -, da taucht doch Onkel Mischa vorm Fenster auf. Jetzt weiß ich es, aber in dem Augenblick war es für mich ein Rätsel. Was klettert der bloß dort am Fenster rum? dachte ich.

Komisch, wie das alles zugegangen ist! Ungefähr eine halbe Stunde war ich am Fluß, länger nicht, und inzwischen war Jan unbemerkt nach Hause gekommen und hatte sich hinten auf der Veranda schlafen gelegt. Onkel Mischa hat gesehen, daß die Datsche leer ist und die Fenster offenstehen. Da mußte er natürlich sofort nach dem Rechten sehen. Die Fenster liegen bei uns hoch, aber er hat sich auf den Hauklotz gestellt und reingeguckt. Er hätte sogar gerufen, sagt er, ob Jan nicht zu Hause ist. Weil er noch was Eiliges zu erledigen hatte, beschloß er, auf dem Rückweg noch mal bei uns reinzuschauen. Und ist natürlich gleich wieder auf den Hauklotz gestiegen.

Ich in meinem Schreck hab mir als erstes die Linta geschnappt. Er hat mich dann auch beschuldigt, ich hätte aus Angst vor der Miliz die Spuren verwischen wollen. Die Hauptsache aber war, daß er Ljon und Sandr in der Ecke gesehen hat.

“Wer sind die? Woher kommen die?” fragte er.

Was geht ihn das an, er hat kein Recht, unsere Gäste auszufragen, dachte ich, sagte aber in meiner Verwirrung nichts. Na ja, er dachte sich natürlich seinen Teil: Gerade war das Haus noch leer gewesen, und plötzlich war ich da und hatte noch dazu irgendwelche Leute angeschleppt, die ihm nicht ganz geheuer vorkamen ... “Zeigen Sie Ihre Dokumente!” forderte Onkel Mischa die beiden auf, aber sie verstanden nichts. Meiner Meinung nach kennen die dort bei sich so was überhaupt nicht. Ich aber saß da und zerbrach mir den Kopf, was ich tun sollte. Jetzt verlangte er sogar, sie sollten mit zur Miliz kommen, dabei durften sie auf keinen Fall aus der Ecke raus, wer weiß, was dann passieren würde ... Und ich saß noch immer stockstumm und brachte kein Wort heraus.

Ljon und Sandr merkten, daß irgendwelche Scherereien drohten, und fragten, was los ist. Da ich nicht wußte, wie ich es ihnen beibringen sollte, sagte ich bloß: “Miliz!” Ich sah, wie Sandr krampfhaft versuchte, sich zu erinnern, was das Wort bedeutet. Onkel Mischa war schon ganz schön in Brast und hatte Verdacht geschöpft, er sprang vom Hauklotz und rief:

“Los, los, Genka, bißchen fix, mach die Tür auf. Und keine Zicken!” Er zog die Trillerpfeife raus und trillerte wie verrückt. Als ich zum Fenster trat, wo sein Kopf gerade verschwunden war, pfiff er mir direkt ins Gesicht. Sauerei, davon kann man ja taub werden! dachte ich und schämte mich richtig vor Ljon und Sandr. Was sollten die bloß von uns denken! Aber wie ich mich umdrehe, um es ihnen zu erklären, sehe ich — die Ecke ist leer! Mir hat's fast die Luft verschlagen. Ich stand wie angewurzelt und starrte in die Ecke, auf die rote und die orangefarbene Wand und auf den Fußboden, und Onkel Mischa wummerte mit den Stiefeln gegen die Tür, und im Hof liefen schon die Leute zusammen, weil sie dachten, es ist jemand ermordet oder beraubt worden.

Langsam kam ich wieder zu mir und ging die Tür aufmachen. Onkel Mischa stürmte ins Zimmer und brüllte: “Sie haben sich versteckt! Umstellt das Haus!” Selber stampfte er durch alle Räume, öffnete alle Schränke, guckte sogar unter die Betten. Zu einer anderen Zeit war ich vor Lachen geplatzt. Na ja, schließlich fand er Jan, der ganz verschlafen war und nichts begriff— was für nackte Rabauken, wieso versteckt, und überhaupt - was ist passiert? Als er endlich munter war, schüttelte er den Kopf und fragte: “Wurde jemand ermordet? Beraubt? Verprügelt? Nein? Warum schlagen Sie dann so einen Lärm und lassen einen müden Menschen nicht schlafen?”

Das traf den Nagel haargenau auf den Kopf! Ein anderer Milizionär hätte nach diesem Donnerwetter sofort klein beigegeben und wäre gegangen, aber nicht Onkel Mischa, der Dickschädel, der gab nicht nach. Er blies sich auf, wurde rot wie ein Ziegelstein und erklärte als erstes, ein Mensch hat nachts zu schlafen und nicht am hellichten Tage, wenn er nicht gerade von der Nachtschicht kommt.

“Ich habe aber Nachtschicht geschoben”, protestierte Jan.

Onkel Mischa konterte mit einer Schimpfkanonade gegen die Schriftsteller, die sich vom Volk losgelöst hätten.

Jan hörte geduldig zu, schüttelte wieder den Kopf und sagte:

“Hören Sie, unterbrechen Sie mal zwischendurch Ihren Vortrag über die Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Wirklichkeit, wir werden Sie in den Schriftstellerverband einladen, dort können Sie sich zu dieser Frage alles vom Herzen reden, mir aber hat der Arzt streng verboten, solche Tiraden auf leeren Magen über mich ergehen zu lassen, und Sie werden sich für den Schaden verantworten müssen, den Sie meiner Gesundheit zufügen. Klar?”

Onkel Mischa ließ den Kopf hängen und sagte, vor Leuten, noch dazu vor Schriftstellern, könnte er keinen Vortrag halten, dazu wäre er zu ungebildet.

“Eben drum! Würde ich Ihnen auch nicht raten. Um Unannehmlichkeiten zu entgehen. Und nun erklären Sie mir mal, in welcher Absicht Sie mit all diesen Leuten in mein Haus eingedrungen sind. Nackte würden hier herumsitzen, sagten Sie? Genka, stimmt das? Warum redest du nicht?”

Jan sah mich forschend an, merkte, daß was nicht astrein war, und sagte: “Selbst wenn's so war — sie haben doch im Zimmer gesessen und nicht auf der Straße — oder? Wie kommen Sie dazu, in fremde Fenster zu gucken? Wenn es nun nackte Frauen gewesen wären? Was dann? Sie sind doch Familienvater! Wenn Ihre Gattin Wind davon bekommt, setzt es bestimmt was wegen Ihres unmoralischen Verhaltens!”

Onkel Mischa wurde wieder knallrot — gleich platzt er, dachte ich —, aber trotzdem ließ er nicht locker, sondern meinte, ganz nackt wären sie ja nicht gewesen, dafür sehr verdächtig, sie hätten sich nämlich bei Erscheinen der Miliz versteckt und dem da — erzeigte auf mich — einen Gegenstand zugeschoben. Die Linta hatte ich in der Faust, und die war in meiner Hosentasche. Um keinen Preis würde ich sie hergeben. Aber nun wurde Jan langsam nervös.

“Genka”, sagte er, “was hör ich da noch für eine Geschichte? Nun zeig mal, was hast du in der Tasche?”

Ich zeigte ihm die Linta, und alle guckten, aber sie wußten natürlich nichts damit anzufangen. Sie sah aus wie ein großer Knopf, Sie wissen ja, ganz glatt, aber ohne Löcher. Und geglänzt und geschillert hat sie, sage ich Ihnen! Jan hat sie sich genau angesehen und gesagt: “ Vermutlich ein Knopf von einem Damenmantel.''

Da hatte er gar nicht so unrecht, ich hatte solche Knöpfe schon gesehen. Plötzlich schnappte sich Onkel Mischa die Linta von meiner Hand, drehte sie hin und her und sagte:

“Schöner Knopf! Der hat ja gar keine Öse oder Löcher zum Annähen! Wir müssen jetzt endlich ernsthaft an die Sache rangehen!”

Jan überlegte kurz, schüttelte wieder den Kopf und sagte:

“Meinetwegen, machen Sie, was Sie wollen, aber mich lassen Sie gefälligst ausschlafen. Und bitte, ziehen Sie Ihr Freiwilligenkorps von hier ab.”

Damit meinte er all die Leute, die mit Onkel Mischa aufgekreuzt waren. Wirklich, was suchten die eigentlich hier? Lauter fremde Leute, die dastanden und uns anglotzten. Dabei sahen sie doch, daß nichts passiert war, aber standen rum. Jan sagte, er haut sich noch ein bißchen aufs Ohr, und wenn er ausgeschlafen hat, gehen wir zur Miliz und unterhalten uns. Onkel Mischa war einverstanden, aber die Linta rückte er nicht raus. Ich bat ihn so sehr darum und hätte beinahe losgeflennt, aber er ließ sich nicht erweichen und ging weg.

“Wie du willst, aber die Linta muß er mir wiedergeben”, sagte ich zu Jan, “die ist aus der Zukunft. Ich erzähl dir dann alles.” Und dann rannte ich hinter Onkel Mischa her.

“Genka, nimm's nicht so tragisch. Halt durch, Junge! Gleich rasier ich mich, zieh mich an und beschaff dir deinen Zukunftsknopf wieder!” rief Jan mir nach.

Was weiter war, haben Sie ja selbst miterlebt.

Natürlich hatte ich Glück, einverstanden, aber nicht hundertprozentig. Warum ich das finde, fragen Sie? Aus zwei Gründen. Erstens habe ich sie nicht genug über ihr Leben ausgefragt. Wenn Jan zum Beispiel dabeigewesen wäre, hätte sich alles ganz anders entwickelt. Außerdem hätte man mir geglaubt, aber so ... Was ich am meisten bedaure, ist jedoch, daß ich nicht nahe genug an Ljon herangekommen bin. Wenn Onkel Mischa nicht dazwischengefunkt hätte, war ich zu ihm in die Ecke gekrochen, und wenn ich mir ein Bein dabei ausgerissen hätte. Ehrenwort! Wissen Sie, was ich für einen Plan hatte? Ich hätte so getan, als ob mir ein Schräubchen runtergefallen und in ihre Ecke unter die Scheuerleiste gekullert wäre. Dann wäre ich zu ihnen hingekrochen und hätte nach dem Schräubchen gesucht und gesucht...

Zu welchem Zweck, fragen Sie? Um mit ihnen dorthin zu fliegen! Ich hätte doch zu gern gesehen, wie es bei ihnen ist! Für immer war ich natürlich nicht dort geblieben, nur mal gukken und wieder zurück. Sowieso hätten sie mich nicht dabehalten, aber ein Weilchen, so drei, vier Stündchen vielleicht doch, nicht?

Glauben Sie mir, sie kommen bestimmt bald wieder. In einem Monat oder in zwei. Sie haben mir selbst gesagt, es ist schon soweit alles fertig, bloß das Problem der sicheren Rückkehr ist noch nicht ganz gelöst. Aber dicht dran sind sie schon, schließlich hat Sandr Ljon gefunden, das heißt, sie können alles genau berechnen. Ganz sicher sind sie gut zu Hause angekommen, wetten? Und dann kreuzen sie wieder hier bei mir auf, sie kennen mich ja jetzt und können sich darauf verlassen, daß die Ecke immer leer sein wird. Dafür sorge ich schon, daß dort nichts rumliegt! Jan und ich werden aufpassen, und dann schalte ich noch Slawka Miljutin in die Sache ein. Hm, das ist mein Freund. Den ganzen Sommer über rühr ich mich nicht von der Datsche weg. In drei Monaten werden sie sich wohl aufgerafft haben, was meinen Sie?

Ab jetzt werden wir also abwechselnd im Zimmer sitzen und die leere Ecke und die rote und die orangefarbene Wand beobachten, bis eines Tages wieder ein Mensch mit grünen oder blauen Haaren erscheint. Das wird in Zukunft meine Hauptbeschäftigung sein.

Das und die Linta. Jan holt sie mir zurück, da bin ich sicher. Möchte bloß wissen, was für ein Ding das ist. Sie konnten es mir doch leider nicht mehr erklären ...

Meinetwegen, schreiben Sie ruhig alles auf, ich hab nichts dagegen. Bin sogar sehr dafür, es kann nur nützen. Vielleicht glaubt man mir dann doch, und vielleicht piesackt Alka mich dann nicht so. Aber schreiben Sie es nicht als Erzählung, sondern als wahre Begebenheit. Und verwechseln Sie nicht meinen Namen. Schreiben Sie — Gennadi Sacharow Ja?

So, jetzt muß ich los. Jan kommt aus der Miliz. Scheint alles in Ordnung zu sein. Ach so, wollen Sie die Linta mal ansehen? Gut, ich bringe sie gleich her.

Bitte, das ist sie. Aber Vorsicht beim Anfassen! Sehen Sie, unten hat sie solche Buckel. Ob das Tasten sind?

Na egal, ich übergebe sie auf jeden Fall Wissenschaftlern! Vorher behalt ich sie allerdings noch ein bißchen. Nein, keine Bange, Versuche mache ich nicht damit. Nur ein bißchen dasitzen und sie ansehen. Und denken: Linta, Linta, wieso heißt du Linta, und wozu bist du bloß gut?

Wer weiß, vielleicht krieg ich es doch noch raus ...


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