Beim Schicksal geliehen
An diesem Junitag stand J. Lessowalow unter einer Kiefer am Wegrand, Schutz suchend vor einem Wolkenbruch und auf den Vorortbus wartend. Die Chaussee war hier abschüssig, und über den Asphalt lief ein flacher Strom, der eine Menge Waldmüll mit sich führte — kleine Zweige, gelbe Tannennadeln, Zapfenschuppen. Es sah aus, als gleite die ganze Chaussee bergab, wie ein Fließband. Und hoch oben am Himmel liefen die Arbeiten für den Einzug des Sommers. Dort wurden in aller Eile Fenster geputzt, wobei Ströme von Wasser auf die Erde flössen; dort wurden donnernd unsichtbare Möbel gerückt, wurden mit tonnenschwerem Hammer unsichtbare Nägel in unsichtbare Wände geschlagen, waren Nachbesserungsarbeiten im Gange, himmlische Elektroschweißer machten Überstunden. Der Himmel schwankte, es donnerte und flammte.
Bei Gewitter unter Bäumen zu stehen ist gefährlich, aber daran dachte J. Lessowalow jetzt nicht. Er überlegte, wie er seine Reportage möglichst gut schreiben könnte, suchte nach einer möglichst interessanten Überschrift: "So handeln ehrliche Menschen" oder "Anders handeln konnte er nicht". Oder vielleicht so: "Der edle Rückgeber"? Das war schon gar nicht übel.
Die Sache war die, daß vor kurzem in der Redaktion ein Brief eingegangen war, in dem ziemlich zusammenhanglos mitgeteilt wurde, der Nachtwächter eines Leningrader Klubs habe bei einem Rundgang eine liegengelassene Aktentasche mit dem Inhalt von 10 000 Rubel entdeckt. Dieses Geld hatte, wie sich im weiteren herausstellte, der Kassierer D. M. Peritschko im Kinosaal liegengelassen. Er vermißte es erst am nächsten Morgen und stürzte in den Klub, wo er den Nachtwächter N. Lessowalow antraf, der ihm mitteilte, daß er die Fundsache bei der nächstgelegenen Filiale der Staatsbank gänzlich und unversehrt abgeliefert habe. Den Brief hatte M. I. Bakschejewa, die Geschäftsführerin des Klubs, geschrieben und unterzeichnet.
Redaktionsleiter Sawejkow hatte beschlossen, an den Ort des Geschehens den angehenden Journalisten J. Lessowalow zu schicken, damit der einen Artikel über den ehrlichen Nachtwächter schreibe. "Um so mehr, als er Ihr Namensvetter ist", fügte Sawejkow hinzu. "Das ist doch interessant: Lessowalow über Lessowalow."
"Nein, nicht Lessowalow über Lessowalow, sondern Anakonda über Lessowalow", korrigierte ihn der angehende Journalist energisch. Er mochte seinen Familiennamen nicht sonderlich und hatte sich darum ein literarisches Pseudonym zugelegt. Übrigens waren bislang noch keine Artikel und Glossen mit dieser exotischen Unterschrift in der Zeitung erschienen; all seine eingereichten Arbeiten hatten nicht viel getaugt. Es wurde geargwöhnt, er habe kein Talent. So war nun diese Aufgabe von entscheidender Bedeutung. Sollte diese Reportage genauso schlecht ausfallen wie die vorangegangenen, würde J. Lessowalow entlassen werden.
Am nächsten Tag ging Anakonda (wir werden ihn hin und wieder so nennen, da er es nun mal möchte) in den Klub. Hier sammelte er einige Angaben über N. Lessowalow. Wie sich herausstellte, hatte der Wächter so seine Fehler. Er trank gern einen über den Durst. Manchmal gröbste er sogar die Obrigkeit an. Was die gefundene Aktentasche anging, ja, das war an dem. Aber das gehörte ja zu seinen Pflichten. Letztes Jahr hatte er im Saal ein Damentäschchen mit 58 Rubel gefunden und ebenfalls bei der zuständigen Stelle abgegeben.
Den Nachtwächter selbst traf Anakonda im Klub nicht an, nicht nur, weil er am Tage hierher gekommen war, sondern weil der Wächter vor zwei Tagen ins DorfGnesdowo gefahren war, dreißig Kilometer von der Stadt entfernt; sein Urlaub hatte begonnen. Als J. Lessowalow die genaue Adresse von N. Lessowalow erfahren hatte, ging er sogleich zum Busbahnhof und traf nach kurzer Zeit in Gnesdowo ein.
Der Wächter N. Lessowalow hatte sich bei Verwandten einquartiert, in einem Bretteranbau. Auf das Klopfen hin öffnete seine Frau, ein älteres Muttchen in einem abgetragenen und für ihr Alter zu bunten Kleid. Sie bat J. Lessowalow, sich einen Moment zu gedulden - ihr Mann schlief. Er hatte am Abend zuvor Besuch gehabt. Der Kassierer Pentschko, der die verlorengegangene Aktentasche zurückerhalten und die Lohngelder ausgezahlt hatte, war gekommen, um N. Lessowalow zu danken. Er hatte eine große Torte mitgebracht und drei Päckchen Kaffee. "Na, was mein Mann ist, der war natürlich sauer — der braucht was andres", verriet die Frau. "Aber der da sagt zu meinem Mann: ,Ich nehm nach diesem verhängnisvollen Vorfall keinen Wodka mehr in den Mund und werd auch andre davon abbringen.' Das muß ihm in die Knochen gefahren sein", beendete sie ihre Rede und ging ihren Mann wecken.
Schließlich trat ein hochgewachsener alter Mann aus dem Anbau. Er machte ein finsteres Gesicht — vielleicht wegen der Torte, vielleicht, weil es seine Wesensart war. Die Mitteilung, daß der Besucher über ihn schreiben wolle, nahm der Alte ohne die gebührende Freude auf.
"Wie heißen Sie überhaupt?" fragte er mürrisch. "Juri Lessowalow ... Genauer gesagt... Anakonda."
"Was?" fragte der Alte brummig zurück. "Wieso heißen Sie Anna Konda?"
"Anakonda — das ist so eine Schlange. Sie lebt im Flußbekken des Amazonas, einzelne Exemplare werden bis zu fünfzehn Meter lang."
"Wieso nennen Sie sich nach 'ner Schlange?" fragte der Wächter taktlos.
"Das ist mein literarisches Pseudonym, es klingt mutig und romantisch", erklärte Juri geduldig und schlug den Notizblock auf. "Erzählen Sie mir mit eigenen Worten, was Sie zu dieser edlen Tat getrieben hat."
"Nichts hat mich getrieben", antwortete der Alte gleichmütig.
"Aber dann erzählen Sie vielleicht, wie alles war?" "Also, ich sitz nachts im Vestibül. Plötzlich kommt's mir vor, als ob's nach Rauch riecht. Na, denk ich, guckst mal in den Kinosaal. Die Reinemachfrau Ljudka, das faule Stück, muß sonst immer nach der letzten Vorstellung saubermachen, aber an dem Tag war sie schon weg, ,ich mach's morgen früh', hat sie gesagt. Na, in der letzten Reihe paffen die Jungs manchmal — Ganoven, die. Ich denke, vielleicht haben die 'n Zigarettenstummel fallen lassen. Also ich in den Saal - scheint alles in Ordnung zu sein. Ich geh den Mittelgang lang - da seh ich, in der letzten Reihe glänzt was unterm Sitz. Also, ich hin. Da steht 'ne Halbliterflasche, an die fünfzig Gramm sind noch drin, vielleicht auch sechzig. Ich guck genauer hin — eine Tasche liegt da. Also, die fünfzig oder sechzig Gramm hab ich natürlich gepichelt, so was Gutes kann man ja nicht umkommen lassen. Und die Flasche hab ich in die Jackentasche gesteckt. Zwölf Kopeken liegen ja auch nicht auf der Straße rum ..." "Und die Tasche, die Aktentasche?"
"Na, die Tasche, die hab ich aufgemacht. Ich seh, Geld ist da drin und irgendwelche Begleitschreiben. Da bin ich zurück ins Vestibül und hab die Miliz angerufen. Aber der dort Dienst hatte, sagt mir: "Wenn Dokumente bei dem Geld sind, bringen Sie's lieber morgen früh zur Staatsbank." Na, da hab ich's eben hingebracht und 'ne Quittung dafür gekriegt."
"Und welche Gedanken sind Ihnen in diesem Moment durch Bewußtsein und Unterbewußtsein geschossen?"
"Nichts ist geschossen, ich war hundemüde."
Aus dem Alten war nicht viel herauszuholen gewesen. Und jetzt stand Anakonda unter der Kiefer und überlegte, wie er aus dem wenigen eine markante, vollblütige Reportage verfassen könnte.
Das Gewitter war vorbei. Da der Bus immer noch nicht in Sicht war, beschloß Juri, bis zur nächsten Haltestelle zu Fuß zu gehen. Der Asphalt war noch feucht, aber der Wasserstrom hatte sich schon verlaufen. Es atmete sich leicht. Die Welt war frisch gewaschen und gelüftet. In Juris Hirn zeichnete sich, im Takt seiner Sehritte, bereits das Gerippe der künftigen Reportage ab. Ihn irritierten lediglich die moralischen Mängel des Alten: finsterer Charakter, unzureichende Intelligenz, Kleinlichkeit ("... Zwölf Kopeken liegen ja auch nicht auf der Straße rum"), Mißachtung eines Pressevertreters ... Da mußte etliches zu Ende gedacht und schöpferisch verallgemeinert werden, um eine vollgültige Gestalt des edlen Rückgebers zu schaffen.
Plötzlich blieb Anakonda stehen.
Zwei Schritt vom Straßenrand entfernt lag eine braune Aktentasche. Eine neue Tasche mittlerer Qualität. Sie konnte dem Schüler einer höheren Klasse gehören, einem Studenten, vielleicht auch einem Ingenieur. Vollgestopft war sie nicht, sie hätte sogar völlig flach ausgesehen, wäre nicht in der linken unteren Ecke eine Ausbuchtung gewesen; dort mußte ein Gegenstand sein. Die Tasche war ganz trocken. Irgendwer mußte sie eben erst verloren haben, nach dem Gewitter, obwohl doch die ganze Zeit niemand die Chaussee entlanggegangen oder - gefahren war.
Anakonda blickte sich nach allen Seiten um, bückte sich und hob die Tasche auf. Sie war erstaunlich schwer. Wenn nun Gold drin ist? fuhr es Juri durch den Kopf.
Wieder blickte er sich nach allen Seiten um, bog rasch von der Straße ab und ging in den Wald. Das feuchte Moos schmatzte unter seinen Füßen. Erbsengroße Wassertropfen, gleichsam auf Kiefernnadeln gespießt, schienen ihm zuzuzwinkern. Juri hatte das Gefühl, als starre ihn der ganze Wald an. Die Vögel, die während des Gewitters geschwiegen hatten, sangen jetzt erschreckend laut.
Endlich fand er einen Baumstumpf, der ringsum von jungen Kiefern umstanden war. Er setzte sich. Öffnete das Schloß. Die Tasche hatte zwei Fächer. In dem einen lag ein großer grünlicher Umschlag, im ändern — ein dunkler Ball, etwas größer als eine Billardkugel. Juri nahm den Ball heraus und legte ihn sofort wieder zurück. Er war ungewöhnlich kalt und schwer. Dann zog er den Umschlag heraus. Auf dem oberen Teil war ein Firmenstempel mit einer langen und schwer lesbaren Bezeichnung, weiter unten stand ein kleingedruckter Text. Mitten auf den Umschlag war mit Bleistift groß und nachlässig geschrieben: 10 000 R. Sollte da wirklich Geld drin sein?
Anakonda riß den Umschlag an der Seite auf. Ihm fiel ein Bündel Zehnrubelscheine mit der Bankbanderole 10 x 100 in die Hand. Dann ein Bündel Fünfzigrubelscheine (50 x 100). Dann wieder ein Bündel Zehnrubelscheine ... Es waren insgesamt Zehntausend, wie auf dem Umschlag stand. Juri versank ins Grübeln. In ihm stritten zwei absolut entgegengesetzte und absolut synchrone Gedanken:
ist unbedingt
bei der Bank abzugeben.
ist durchaus nicht unbedingt
Er steckte sich eine Zigarette an, machte einen tiefen Lungenzug und sagte leise zu einer jungen Kiefer neben dem Baumstumpf: "Hätte ein anderer das Geld gefunden, hätte der
vielleicht auch überlegt, ob er's zurückgibt oder nicht?"
Nach dem Gewitter war es windstill, die kleine Kiefer stand reglos und stumm. Zigarettenrauch verfitzte sich in dem Zweig, der über dem Umschlag hing, die Nadeln wurden gleichsam stumpf und verschwammen. Ein paar Tröpfchen fielen leise auf das grünliche Papier. Von der Chaussee drangen gedämpfte Geräusche herüber — ein Personenwagen. Vielleicht hatten die in dem Auto die Tasche verloren und suchten sie jetzt. Aber das Auto fuhr weiter. Von der Chaussee drang kein Laut mehr herüber. Juris Gedanken flössen hastig und verworren: Der Alte kann das Geld leicht zurückgeben... Endlich Material, das was hergibt. Er hat keinerlei kulturelle Bedürfnisse ... Wenn ich daran denke, wie alle staunen werden ... Dem Alten hat's überhaupt nichts ausgemacht, das Geld zur Bank zu bringen . . . Das wird eine Sensation: Junger Journalist, der eben erst über dieses Thema ein Interview gemacht hat... Aber ich brauche dieses Geld wirklich. . . findet ebenfalls eine Tasche mit Geld und bringt sie ehrlich ... Es wird mir als materielle Basis dienen . . . zur Bank, nein, vorher in die Redaktion, und alle gratu ... Aber von dem Geld weiß bloß ich . . . lieren zu dem Ereignis und dem literarischen Erfo ... Ich kann mir einreden: Ich hab das Geld gewonnen . . .
Er stopfte die Geldbündel wieder in den Umschlag und legte ihn mit der Rückseite nach oben aufseine Kme, damit er auch nicht zufällig den Stempel mit der Bezeichnung der Institution las. (Wenn ich das lese, werde ich wissen, wem das Geld gehört, und dann ist es wie Diebstahl; wenn ich's nicht lese, weiß ich nicht, woher das Geld kommt, und es ist einfach ein anonymer Fund.) Dann steckte er sich eine Zigarette an, warf sie halb aufgeraucht weg, holte wieder das Geld aus dem Umschlag, betrachtete es. Dann stand er auf und machte sich daran, die Päckchen, in den Hosen- und Jackentaschen zu verstauen. Das Jackett wurde gleich enger, umspannte fest seinen Körper, wie eine Rettungsweste. Anakonda faltete den Umschlag zusammen und steckte ihn in die Gesäßtasche. Jetzt mußte er noch die Aktentasche loswerden, sie irgendwo verschwinden lassen, wo sie nie ein Mensch finden würde. Auf die Chaussee kehrte er lieber nicht zurück, er mußte durch den Wald gehen, um eine andere Straße zu erreichen.
"Aber ich nehm ja die Zehntausend nicht für immer!" sagte er fest entschlossen zu sich. "Ich leihe sie mir beim Schicksal. Irgendwann werd ich gut verdienen, dann les ich, was auf dem Umschlag steht, erfahre, wem das Geld gehört, und gebe es zurück. Ich bring es auf die Staatsbank und sage: Nehmen Sie.die Summe von einem unbekannten ..."
Er stapfte tiefer in den Wald, bemüht, geradeaus zu gehen. Aber bald mußte er einen Bogen machen; er war auf Stacheldraht gestoßen. Dunkel, wie aufgequollen vom Rost, hing er an halbverfaulten Pfählen. Juri bog nach rechts ab und kam zu einem Schützengraben. Auf der Brustwehr wuchsen kleine Espen. Im Graben, der mit hohem Gras bewachsen war, stand kaltes, durchsichtiges Wasser. Hier werf ich die Tasche rein, dachte Anakonda, überlegte es sich aber anders: Ich finde noch einen ändern Platz. Das hier ist nicht das Richtige ...
Rasch ging er weiter, ging immer schneller. Eine Niederung tat sich auf: Bülten, mickrige kleine Sumpfbirken. Ein kleiner Pfuhl mit rötlichem torfhaltigem Wasser. Er ging den morastigen Sumpf entlang. Die Tasche wird sofort untergehen, weil der schwere Ball drin liegt, überlegte er. Da ist der alberne Ball wenigstens zu etwas nutze. Er holte aus und schleuderte die Tasche in den Pfuhl. Sie beschrieb eine Parabel, schlug schwer auf dem Wasser auf und ging unter. Über den See liefen Kreise, vom Grund stiegen Blasen auf, platzten, dann wurde alles ruhig. Nun würde keiner je etwas erfahren.
Das Erscheinen des Balls
Nachdem Juri eine Weile in der morastigen Niederung herumgeirrt war, stieß er endlich auf einen ausgetretenen Waldweg. Er führte offenbar zu einer befahrenen Straße. Juri schritt zügig aus. Es wurde bereits Abend. Ihm war kalt, im Sumpf hatte er nasse Füße bekommen. Seine Schuhe waren hinüber. Halb so schlimm, dachte er, gleich morgen kaufe ich mir neue, und überhaupt muß ich allerhand kaufen. Auf alle Fälle — einen guten Anzug, dann ein Tonbandgerät, dann ... Da hörte er hinter seinem Rücken ein Rascheln und drehte sich im Gehen um..
Hinter ihm her rollte ein Ball. Ein dunkler Ball, etwas größer als eine Billardkugel.
Anakonda blieb stehen. Der Ball blieb drei Schritte von ihm entfernt ebenfalls stehen. Anakonda wurde es unheimlich. "Ich hab ihn doch zusammen mit der Tasche in den Pfuhl geworfen, er ist nach allen Gesetzen der Physik untergegangen", sagte er, ging auf den Ball zu, bückte sich und nahm ihn in die Hand. Es war derselbe Ball! Sehr schwer war er, und sehr kalt! Juri erinnerte sich, wie die Sportler die Kugel stoßen, schleuderte den Ball aus Leibeskräften ins Moos und ging rasch weiter.
Weiter vorn war eine winzige Schlucht, ein Flüßchen, über das eine schmale Brücke führte. Ich muß schnell über die Brücke, sagte sich Juri und blickte sich um.
Der Ball folgte ihm. So was Hartnäckiges! ging es Juri durch den Kopf. Der reinste Konstantin! (Konstantin — so hatte ein Junge aus seinem Haus geheißen. Alle Jungs hatten ihn gehänselt: "Kostja, Kostja, Konstantin, mit dem wollen wir nicht spieln!", aber er war immer hinter ihnen hergerannt — kahlgeschoren, mit rundem Kopf, erstaunlich zäh, hatte sich nicht abschütteln lassen. Jetzt war er Boxer im Federgewicht.)
Ja, der Ball rollte auf dem Weg hinter Juri her.
"Nein, so geht das nicht!" schrie Anakonda und stürzte sich auf den Ball. Er packte ihn, rannte zur Brücke — zwei über das Flüßchen gelegten Holzstämmen — und warf ihn ins Wasser, in den dunklen Strudel. Der Ball verschwand in der Tiefe. "Da gehörst du auch hin!"
Juri machte zwei Schritte, blickte sich um, und was mußte er sehen? Der Ball tauchte auf und rollte übers Wasser auf ihn zu, gegen die Strömung.
Da rannte Juri davon, so schnell er konnte. Während er den Hang der kleinen Schlucht hinauflief, blickte er sich^wieder um. Konstantin (so werden wir den Ball der Abwechslung halber hin und wieder nennen, um den Leser nicht durch häufige Wiederholungen des Wortes "Ball" zu ermüden) rollte ohne Anstrengung hinter ihm die schiefe Ebene hoch. Anakonda stürmte in den Wald und schlug zwischen den Bäumen Haken, um den Ball von der Spur abzubringen. Aber bald merkte er, daß der Ball sich jetzt durch die Luft bewegte, in Höhe von seinem, Juris, Kopf. Konstantin hatte seinen Platz im Raum gewechselt, wählte zwischen den Baumstämmen die kürzeste Gerade. Es waren weniger Flugbewegungen als lautlose Sprünge in der Horizontale. Manchmal machte er, entgegen dem Trägheitsgesetz, eine Wendung um neunzig Grad. Er berührte kein einziges Mal den Zweig eines lebenden Baumes, aber stand ihm eine verdorrte Kiefer im Weg, so durchstieß er in unvermindertem Tempo den Stamm und hinterließ darin ein gleichmäßiges rundes Loch.
Anakonda lief auf eine Lichtung, wo ein Lagerfeuer ausbrannte. Offenbar hatten hier kurz nach dem Regenguß Jäger aus der Stadt gerastet. Juri setzte sich auf einen Baumstumpf, um sich zu verpusten. Konstantin verharrte drei Schritt von ihm entfernt in der Luft, er hing reglos über der Erde, als ruhe er auf einem unsichtbaren Kristallstab.
Da kam Anakonda eine Idee. Er ging in den Wald und sammelte Reisig. Der Ball folgte ihm in immer gleicher Höhe. Als Juri einen Armvoll Holz beisammen hatte, warf er es ins Feuer, es loderte auf, eine Flamme schlug hoch. Da ging Anakonda zu dem in der Luft schwebenden Ball, versuchte ihn niederzudrücken, um ihn ins Feuer zu stoßen. Aber Konstantin rührte und rückte sich nicht. Anakonda drückte mit aller Kraft auf den Ball, aber der hing, als sei er festgelötet. Erschöpft ließ sich Juri auf dem Baumstumpf nieder und starrte verbittert vor sich hin. Da plötzlich senkte sich der Ball herab, als habe er erraten, was von ihm verlangt wurde, und rollte freiwillig ins Feuer, mitten hinein, unter die brennenden Zweige.
"Das ist genau der richtige Platz für dich!" sagte Anakonda erleichtert.
Er zündete sich eine Zigarette an und hielt die ausgestreckten Beine ans Feuer. Von den feuchten Schuhen stieg Dampf auf, die Füße erwärmten sich. Es war still ringsum, die Vögel hatten sich schon schlafen gelegt. Abendliches Blau kam aus dem Wald auf die Lichtung gekrochen und vermischte sich mit dem Rauch des Feuers. Eine helle Flamme züngelte. Die Mechanik des Balls muß doch von der Hitze schon durchgeschmort sein, da kann ich ja bald gehen, überlegte Juri. Wie weit die Technik bei uns ist, so einen Ball zu konstruieren! Kluge Köpfe, die das ausgetüftelt haben, aber irgendwas haben sie nicht bis zu Ende durchdacht: Der Trottel ist von allein in die Flammen gerollt... Na, jetzt kann ich wohl gehen. Ich muß bloß noch das Feuer ausmachen. Ich breche einen Zweig ab und schlage die Flammen aus.
Anakonda stand auf und machte zwei Schritte. Plötzlich bewegten sich die brennenden Zweige, und Konstantin tauchte aus dem Feuer, hing über den roten Flammenzungen. Juri spuckte sich auf die Finger und berührte den Ball. Der war genauso kalt wie vorher! Vielleicht hab ich den Verstand verloren? dachte Anakonda. Aber wie kann es bloß dazu gekommen sein? Ich hab mir doch nie über irgendwelche Bälle den Kopf zerbrochen. Mich hat überhaupt nichts Rundes interessiert. Als wir den Globus durchgenommen haben, hat mir der Geographielehrer eine Fünf verpaßt. Ich spiele weder Fußball noch Basketball. Und daß ich einen Kugelschreiber benutze, wie alle heutzutage ...
Juris Gedanken unterbrechend, kam aus dem Ball, wie ein Wasserstrahl aus einem Feuerwehrschlauch, aber völlig lautlos, ein runder zitronengelber Lichtstrahl geschossen. Der Ball richtete ihn auf das Feuer — und das erlosch augenblicklich, ins die rotglühenden Holzkohlestückchen wurden schwarz, kein einziges glimmte mehr. Da erlosch auch der zitronengelbe Strahl. Und obwohl es die Zeit der weißen Nächte war, wurde es hier, im Wald, augenblicklich dunkel. Anakonda stand verloren mitten auf der Lichtung und wußte nicht, in welche Richtung er gehen mußte.
Da sauste der Ball in der Luft hin und her, als wollte er die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Er sandte einen bläulichen Lichtkegel auf den Boden. Dann bewegte er sich gleichmäßig vorwärts, und Juri folgte ihm. Gras und Moos, alles, was von dem bläulichen Strahl erfaßt wurde, leuchtete, auch wenn der Ball schon vorbei war, noch eine Weile weiter. Anakonda ging auf einem Leuchtpfad, der erst allmählich hinter ihm erlosch. Der Ball verfolgt mich, aber er hilft mir auch, dachte Juri im Gehen. Als hätte er die Patenschaft über mich übernommen. Doch vielleicht wird gerade dadurch alles noch schlimmer?
Kaum hatte Konstantin ihn auf die Chaussee geführt, erlosch sein Strahl. Rechts hinter den Dünen rauschte das Meer, vorn war ein Betonbüdchen zu sehen — die Bushaltestelle. Dort standen etliche Leute.
Wenn ich ihn schon nicht loswerden kann, muß ich ihn wenigstens verstecken, damit ihn die Leute nicht sehen, dachte Juri. Er nahm die Baskenmütze ab und ging auf den Ball zu, um ihn zu ergreifen. Der legte sich friedlich in die Mütze. Aber ihn zu tragen war nicht so leicht, er hatte ein beachtliches Gewicht.
Und wenn jemand fragt: Was hast du denn da? — sage ich:
Ich habe einen interessanten Stein gefunden ...
Und wenn ihn jemand sehen will?
Aber keiner interessierte sich dafür.
Erst nach Mitternacht stieg Anakonda in seinen fünften Stock hinauf. Aufgrund der späten Stunde war an der Wohnungstür die Kette vorgelegt, er mußte klingeln. Ihm öffnete Wawilon Viktorowitsch, der Nachtschwärmer der Gemeinschaftswohnung. Wawik (wie ihn die ändern Wohnungsmieter hinter seinem Rücken nannten) trug einen blauen Pyjama, auf seiner Brust prangte ein großes Nachtglas, das an einem lakkierten Riemchen hing.
"Was ist denn das?" fragte er Juri, kaum daß er die Baskenmütze sah. "Haben Sie einen Igel eingefangen?"
"Nein, das ist kein Igel... Nichts weiter ...", murmelte Juri verlegen.
Aber Wawik hatte schon vergessen, wonach er gefragt hatte. Er eilte auf sein Zimmer zu, das neben Juris Zimmer lag.
"Angelika hat eine neue Frisur", sagte er im Gehen bekümmert. "Vielleicht kommen Sie auf einen Sprung zu mir, Juri? Ich leihe Ihnen für drei Minuten das Zeissglas."
"Wawilon Viktorowitsch! Ich halte es für unmoralisch, die Mädchen heimlich zu beobachten!" erklärte Anakonda in gewohnt-empörtem Ton und hantierte mit dem Schlüssel.
"Ich rühre sie doch nicht an!" entgegnete Wawik schon hinter der Tür. "Hindern Sie mich nicht, in der Welt des Schönen zu leben!"
Anakonda ging in sein Zimmer und legte die Mütze mit dem Ball auf einen Stuhl. Dann machte er Licht und riegelte die Tür zu. Er mußte das Geld verstecken. Die Einrichtung des zehn Quadratmeter großen Zimmers war nicht eben reich an Verstecken. Es gab ein Metallbett, ein altmodisches Bücherregal, einen gelbgestrichenen Schrank, zwei Stühle und einen modernen Schreibtisch. Alles, bis auf den Schreibtisch, hatte Juri von seiner Tante geerbt, die ihn aufgezogen hatte. Sie war vor zwei Jahren gestorben. An seine Eltern konnte sich Juri nicht erinnern.
Fürs erste versteck ich das Geld im Bett, beschloß Anakonda und legte die Bündel, nachdem er sie nachgezählt hatte, am Kopfende auf den Federboden, wobei er die Matratze leicht anhob. Kaum zu glauben, wie reich ich jetzt bin! Und die Hauptsache, keiner weiß davon ...
Er hörte ein leises Geräusch und blickte sich um. Die Mütze war vom Stuhl gefallen. Der Ball schwebte drei Schritt von Juri entfernt in der Luft, in Höhe seiner Augen.
Das Geld laß ich mir gefallen, nur diese Gratiszugabe ist nicht grade mein Geschmack, dachte er. Aber wenn ich's nüchtern betrachte, hab ich auch keinen Schaden davon. Ich muß bloß aufpassen, daß ihn niemand sieht.
Der Ball hing stumm mitten im Zimmer. In der Wohnung schliefen alle. Nur Wawiks Stimme war von nebenan zu hören:
"Von den Papuas stammt er her, der Shimmy,
viele nannten schamlos ihn, den Shimmy,
heute tanzt ihn schon die ganze Welt!"
Wawilon Viktorowitsch war frischgebackener Rentner, er ging auf die Zweiundsechzig zu. In diese Wohnung war er vor anderthalb Jahren auf dem Tauschwege eingezogen. Er trank nicht, spielte nicht Domino, dafür hatte er ein seltsames Hobby. Abends, wenn er das Licht in seinem Zimmer ausgemacht hatte, saß er stundenlang mit dem Fernglas am Fenster. Vor dem Haus war eine große rechteckige Grünanlage, und dahinter, schon in einer anderen Straße, stand ein hohes, sechsstöckiges Gebäude. In den beiden oberen Stockwerken (mit je 14 Fenstern) wohnten Studentinnen des medizinisch-ökonomischen Technikums. In der Annahme, visuell nicht erreichbar zu sein, zogen sie selten die Gardinen zu, und Wawilon Viktorowitsch hatte dank seiner Optik die Möglichkeit, in ihr Alltagsleben einzudringen. Seit langem kannte er alle Mädchen von Angesicht, und für jedes hatte er sich einen klangvollen Namen ausgedacht. Dort, in den bescheidenen Vierbettzimmerchen, wohnten Odette, Habanera, Traviata und Aida. Die anderen Mieter der Kommunalwohnung hatten Wawiks abendliche Beobachtungen mitbekommen und verhielten sich ihm gegenüber ablehnend. Aber es war schwer, ja beinah unmöglich, ihn dafür zu belangen. Wurde Wawilon Viktorowitsch aufsein unschönes Tun angesprochen, so antwortete er:
"Ich habe nicht die Mittel, mir einen Fernseher zu kaufen. Darum ist das Wohnheim mein Fernseher mit achtundzwanzig Bildschirmen. Ich tu den Mädchen ja nichts zuleide. Ich sehe sie nicht an, wenn sie im Neglige sind, ich wende mich taktvoll ab! Ich liebe sie väterlich, optisch und platonisch."
Juri spürte plötzlich, daß er großen Hunger hatte. Kein Wunder, hatte er doch so viele Stunden im Wald zugebracht, ohne etwas zu essen. Er nahm den Teekessel vom Fensterbrett und wollte zur Küche. Der Ball schwebte hinter ihm her. Juri mußte ihn durch die Tür lassen. Er ging auf leisen Sohlen über den Korridor, in die Küche, machte das Gas an. Der Ball war auch da, blieb nicht zurück. In seiner Begleitung ging Anakonda ins Bad, wusch sich und kehrte dann zum Herd zurück. Der Kessel zischte schon.
Plötzlich waren vom Korridor leise Schritte zu hören. Offenbar hatte Wawilon Viktorowitsch seinen Beobachtungsposten verlassen und wollte sich stärken. Gleich würde er hereinkommen und Konstantin sehen! Was tun? Juri machte die Herdtür auf und stieß den Ball in die kalte Röhre. Gerade noch rechtzeitig. Wawik kam herein.
"Sie wollen auch ein Täßchen Tee zu sich nehmen?" fragte er und zündete Gas an. "Aber Brötchen haben Sie wohl keine ... Kommen Sie zu mir, ich leih Ihnen welche, wie ein Assistent dem ändern." Diese Wendung bedeutete in Wawilon Viktorowitschs Mund höchste und edelste Form menschlicher Beziehungen.
Er verließ die Küche. Juri folgte ihm. In Wawilon Viktorowitschs Zimmer roch es nach Pfeifentabak und guter Toilettenseife. Das Fenster stand offen. Unten, in der Grünanlage, standen stumm die Bäume, das junge Laub flirrte. Jenseits der Grünanlage, über die Bäume hinweg, waren die Fenster des Wohnheims zu sehen. Fast alle waren schon dunkel.
"Da, nehmen Sie ein Brötchen", sagte Wawik. "Mit mir gehen Sie nicht unter... Aber was ist denn das? Sieh mal einer an! Ist das Ihrer?"
Wawilon Viktorowitsch nahm den Ball in die Hand. Der leistete keinen Widerstand. Dann ließ Wawik ihn los, und der Ball hing wie zuvor in der Luft.
"Ist der aber schwer und kalt", sagte Wawik, "und außerdem fällt er nicht. Erstaunlich, wie der Fortschritt fortschreitet! Elektrische Bahnen, synthetische Stoffe, Atomkraft, Transistoren ... Diesen lieben Ball haben Sie wohl nicht im Gostiny Dwor erworben?"
"Nein. Ich habe ihn geschenkt bekommen. Ich bitte Sie ..."
Aber Wawilon Viktorowitsch hörte nicht mehr zu. Er hatte bemerkt, daß in einem Fenster des Wohnheims Licht angegangen war, stürzte zur Stehlampe, knipste sie aus und stand dann mit erhobenem Fernglas, den spähenden Blick in die Ferne gerichtet, an seinem Fenster, wie ein Kapitän auf der Kommandobrücke.
"Adelheid ist endlich nach Hause gekommen", verkündete er. "Wie's aussieht, kommt sie von einem Rendezvous zurück, so spät. Ihr macht mir ganz schön zu schaffen, Mädchen, mein Herz bangt um euer moralisches Niveau! Aber Leoncavalla sitzt immer am Fenster, liest..."
"Das war doch so ein Komponist, Leoncavallo", wandte Juri zaghaft ein. "So einen Mädchennamen gibt's nicht."
"Aber ja doch! Die Welt des Schönen hat ihre eigenen Gesetze", parierte Wawik. "Da, sehen Sie selber!" Er drückte Juri das Fernglas in die Hand.
Anakonda, aus Angst, Wawilon Viktorowitsch zu verärgern, von dem er jetzt in gewissem Maße abhängig war, führte das Fernglas an die Augen. Dort, sehr fern und zugleich sehr nah, saß an einem Tisch ein blondes Mädchen in blauem Pullover. Die Brillengläser warfen einen zarten Regenbogenschimmer auf ihr Gesicht, verliehen ihr so etwas wie einen Heiligenschein. Das Mädchen las. Ihr Gesicht war nachdenklich.
"Ein nettes Mädchen", sagte Anakonda. "Sehr sympathisch."
"Das sag ich ja: eine richtige Leoncavalla", behauptete Wawik. "Die Perle des Wohnheims! Und dabei von untadeligem Betragen. Die ändern treiben sich auf Tanzböden rum, aber sie liest immerzu. So kleine Büchelchen."
"Weiß ich nicht. Den Text holt das Fernglas nicht ran. Ich brauchte schon längst eine stärkere Technik. Hier in der Gegend bietet ein Mann ein Fernrohr an. "Ein Beutestück, von einem deutschen Unterseeboot. Bloß, daß meine materiellen Mittel nicht reichen ... Aber das Teewasser, es kocht bestimmt schon!"
"Wawilon Viktorowitsch, ich habe eine kleine Bitte an Sie", stieß Anakonda hervor. "Ich bitte Sie sehr, sagen Sie niemandem etwas von diesem Ball."
"Von dem Ball! Ich werde schweigen wie ein Fisch oder sogar wie ein Grab. Aber tun auch Sie ein edles Werk. Leihen Sie mir das Geld für das Fernrohr. Ich benötige fünfundachtzig Dublonen, wie die alten Griechen sagten."
"In Ordnung", antwortete Juri. "Ich leih's Ihnen."
Wawilon Viktorowitsch ging zur Tür, ihm folgte Anakonda, begleitet von Konstantin. Plötzlich sagte Wawik erstaunt:
"Aber was ist denn das? Ein Loch in der Tür! Ich möchte bloß wissen, wer sich diese Eigenmächtigkeit geleistet hat!"
Wirklich, im Türflügel war ein Loch, kreisrund, mit gleichmäßigem Rand. Auf dem Boden lagen keinerlei Holzspäne.
"Das war der Ball", erklärte Juri mit zitternder Stimme. "Als wir ins Zimmer kamen, haben wir sofort die Tür hinter uns zugemacht, aber er fliegt mir überall nach."
"Na schön, ich beßre das morgen früh mit Sperrholz aus. So daß keiner was merkt... Aber die Piaster, wie die alten Römer sagten, könnten Sie mir die vielleicht schon heute geben?" "Ja."
In der Küche trat noch ein Streich Konstantins zutage. In der Herdtür gähnte ein rundes Loch. Konstantin hatte mühelos die zwei Eisenplatten der Tür durchbrochen. Die Ränder des Lochs waren absolut glatt, ohne einen Grat und ohne Schweißspuren.
"Ein tüchtiges Kerlchen, Ihr Ball", sagte Wawilon Viktorowitsch. "Na, macht nichts, ich hab einen Bekannten, der wechselt die Tür aus. Übrigens, dieser Mann hat einen Zahnarztstuhl zu verkaufen, von so einem träum ich schon lange. Er verlangt für ihn ganze fünfundsechzig ..."
"Aber was wollen Sie damit?" fragte Anakonda erstaunt. "Sie sind doch kein Zahnarzt."
"Natürlich bin ich kein Zahnarzt", gab Wawik bereitwillig zu. "Aber der Stuhl hat sehr bequeme Armlehnen, und außerdem kann man die Kopfneigung regulieren, damit der Nacken nicht steif wird. So ein Stuhl ist wie geschaffen zum Beobachten, dann komme ich weniger aus meinem Zimmer, also gibt es auch weniger Chancen, daß ich zufällig was über den Ball ausplaudere."
Der größte Flaschenlieferant
Als Juri endlich zu Bett gegangen war, wurde er augenblicklich ein Untertan des autonomen Reichs der Träume, wo es kein Geld gab und keine Konstantins. Er wachte erst am frühen Nachmittag auf — so hatte ihm der Vortag zugesetzt. Drei Schritt von seinem Kopfende hing in Augenhöhe der dunkle Ball.
Und das Geld?! Juri fuhr hoch. Wenn er sich das nun bloß eingebildet hatte? Der Ball war da, aber das Geld nicht?! Er sprang aus dem Bett, hob die Matratze an. Die Bündel lagen friedlich da. Eins war etwas dünner als die anderen, ihm hatte er in der Nacht fünfzehn Zehnrubelscheine für Wawik entnommen.
Bevor er in den Brotladen ging, wickelte er den Ball in eine Zeitung und steckte ihn ins Einkaufsnetz. Konstantin ließ es geschehen. So schlecht ist das gar nicht, überlegte Juri. Konstantin muß die ganze Zeit bei mir sein, aber in welcher Lage und Verpackung, ist ihm egal. Er will keine Selbstreklame. Also werd ich ihn nachts freilassen, und am Tage trag ich ihn mit mir herum, was soll's. Er ist zwar ganz schön schwer, aber da kann man nichts machen.
Als Juri an Wawiks Tür vorbeikam, stellte er befriedigt fest, daß in das Loch akkurat Sperrholz eingesetzt und Zinkweiß gestrichen war. Dann ging er in die Küche und warf als erstes einen Blick auf die Tür des Gasherds. Sie war neu, ohne Loch. Wawilon Viktorowitsch hatte Wort gehalten. Hat er also doch ein Gewissen, dachte Anakonda. Freilich ist es teuer, hat mich hundertfünfzig Rubel gekostet, aber besser so eins als gar keins.
Als Juri endlich gefrühstückt und seine Zimmertür sorgfältig abgeschlossen hatte, machte er sich auf den Weg zum Gostiny Dwor, um Einkäufe zu tätigen. Während er im Taxi zum Kaufhaus fuhr, durchblitzte ihn ein Gedanke: den Chauffeur bezahlen, rasch die Autotür hinter sich zuschlagen und den Ball im Netz auf dem Sitz zurücklassen. Aber gleich darauf wies er die Versuchung von sich. Mit Konstantin war nicht zu spaßen:
Der brachte es fertig, die Tür des "Wolga" zu durchschlagen, dann war der Skandal da. Es war schon besser, sich nicht mit ihm anzulegen.
Im Gostiny Dwor kaufte Anakonda als erstes eine Tasche — eine Kreuzung von Rucksack und Einkaufstasche; er konnte sie in der Hand tragen und auf dem Rücken. Nachdem er das Netz mit Konstantin in dieser bequemen Rucksacktasche verstaut hatte, schritt Juri zu weiteren Anschaffungen. Da er bislang nie viel Geld gehabt hatte, beschloß er, sich zuerst an leichten Bagatellausgaben zu trainieren und dann zu teuren Sachen überzugehen. Um in Schwung zu kommen, kaufte er einen Teeglasuntersatz, ein Zigarettenetui mit der Abbildung der Peter-Pauls-Turmnadel, einen Plastepinguin, Socken, einen Schuhanzieher, eine Zuckerdose aus Glas, eine Taschenlampe, ein Gasfeuerzeug, einen ewigen Kalender, einen Porzellanfuchs und ein Tischthermometer. Dann ging es in die zweite Runde: Er kaufte gute Schuhe für 35 Rubel, vier Oberhemden, einen Pullover für Kira (45 Rubel), einen Pullover für sich zu 37 Rubel, einen Anzug zu 178 Rubel, einen Fotoapparat "Kiew". Das reicht für heute, entschied er. Morgen setz ich diese angenehme Beschäftigung fort, aber jetzt eß ich erst mal eine Kleinigkeit, irgendwo auf dem Newski-Prospekt, und dann fahr ich nach Hause.
Mit Einkäufen beladen, verließ Anakonda das Kaufhaus. Bald darauf saß er an einem Tischchen, aß genüßlich eine Stulle mit Räucherwurst und spülte sie mit Kaffee hinunter. Plötzlich hörte er an seinem Ohr eine heisere, aber laute Säuferstimme:
"He, grüß dich, alter Schwede, sollst froh und glücklich sein, sollst stets zu futtern haben und abends kühlen Wein."
Juri zuckte zusammen und blickte auf. Vor ihm stand ein junger Mann mit leicht gedunsenem Gesicht. In der Hand hielt er ein Netz voll leerer Schnapsflaschen.
"Überheblich bist du geworden, Jurka, kennst deinen alten Schulfreund nicht mehr!" rief der Unbekannte und ging wieder zu Versen über:
"Als Flaschenlieferant bin ich der Größte, als Dichter ein Avantgardist. Leg du mir die Hand um den Nacken und fühle dich herzlich begrüßt!"
Anakonda legte ihm nicht die Hand um den Nacken. Er erkannte in dem jungen Mann seinen Klassenkameraden Tolik Drewesny. In der Schule hatte Tolik als angehender Dichter gegolten. Die Wandzeitung brachte ständig Gedichte von ihm, er nahm an Poetenturnieren und Vernissagen teil; große Hoffnungen wurden auf ihn gesetzt. Nach der Abschlußfeier war ihm Anakonda weder persönlich noch in Druckerzeugnissen wiederbegegnet. Jetzt war Drewesny in höchst unerwarteter Form und in einem höchst unpassenden Moment aus dem Nichtsein aufgetaucht.
"Gruß dich, Tolja!" sagte Juri und machte ein interessiertes Gesicht. "Wie geht's, wie steht's? Wo arbeitest du?" Drewesny antwortete lautstark in Versen:
"Als staatlicher Weinbrenner hab ich
die Hacken mir abgerannt,
dann haben sie mich gefeuert,
jetzt spüre ich ständigen Brand."
Von den Nebentischchen blickten sie schon zu ihnen herüber. Bloß kein Aufsehen, dachte Juri beunruhigt. Die schleppen einen zur Miliz, und dort entdecken sie den Ball.
"Jetzt gehen wir in den Lebensmittelladen und von dort zu mir. Ich mach dich mit Tussja bekannt", verkündete Drewesny und fuhr in Versen fort:
"Ein himmlischer, lieblicher Engel,
der lebte im himmlischen Blau,
er war in jeder Beziehung
eine einzigartige Frau.
Sie wurde Objekt der Begierde,
meine Frau, und ich bin voller Glück ..."
"Los, komm schon!" sagte Anakonda und griff hastig nach seiner Tasche mit Konstantin und den Einkäufen. Drewesny schritt hinter ihm her.
Der Ball ist nicht untätig
Am nächsten Tag erwachte Anakonda mit schwerem Kopf. Ihm war übel. Am Boden lagen zerknautscht und zerfetzt die Pakete mit den Einkäufen. Der Ball hing drei Schritt vom Bett entfernt in der Luft. Juri drehte sich auf die andere Seite, versuchte wieder einzuschlafen, aber da übermannte ihn solche Schwermut, daß der Schlaf verflog. Das Leben kam ihm häßlich und sinnlos vor. Ihm fiel ein, daß er bis jetzt seiner redaktionellen Aufgabe nicht nachgekommen war. Er fühlte sich von allen schöpferischen Kräften verlassen. Dann erinnerte er sich an das blöde Besäufnis am Vorabend und daran, wie ihn der Schwätzer Drewesny davongejagt hatte. In seinem Kopf stampften Preßlufthämmer, kreischten Kreissägen, schepperten Kästen mit leeren Schnapsflaschen.
Das beste wäre, einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen, dachte Anakonda schwermütig. Dann gäbe es keine Kopfschmerzen mehr, keinen Ball und auch mich selber nicht. Was mußte ich mich von dem Geld verlocken lassen!
Das Zimmer wurde für einen Moment von rosa Licht erhellt. Konstantin näherte sich Anakonda, blieb etwa achtzig Zentimeter vor seinem Gesicht stehen. Auf dem Ball bildete sich eine kleine Beule. Sie streckte sich in Richtung Juri und verwandelte sich in eine straffe Spirale. Am Ende der Spirale entstand eine winzige Platte. Aus der Platte wuchs ein kleiner durchsichtiger Meßzylinder. Er füllte sich mit blauschillernder Flüssigkeit.
"Vergiften willst du mich!" sagte Anakonda. "Na los, dann vergifte mich, ich Schuft hab's nicht anders verdient!"
Er nahm den Zylinder, trank die bitterliche Flüssigkeit in einem Zug aus und warf das Gefäß weg. Die Platte schnellte an der Spirale nach vorn, fing den Zylinder ein, und alles verschwand im Ball. Er war wieder glatt, ohne den geringsten Huckel. Juri aber wartete auf sein trauriges Ende.
Doch die Flüssigkeit zeitigte eine andere Wirkung. Die Kopfschmerzen ließen nach, die Schwermut ebbte ab. Anakonda schlief ein. Nach einer Stunde wachte er gesund und munter auf. Er beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen, und setzte sich an den Schreibtisch. Er schrieb seine Reportage. Bald daraufwar sie fertig. Sie begann so:
Der edle Rückgeber
Verschmitzt, mit munterem Humor und fröhlichem Lachen empfing mich der edle Rückgeber N. I. Lessowalow in seiner bescheidenen, aber gemütlichen Vorstadtwohnung. Das hohe Lebensethos des edlen Rückgebers disponiert ihn zu einer weitgefächerten rückgeberischen Tätigkeit. Als ich ihn besuchte, trank
dieser hervorragende Rückgeber auf der Veranda Eichelkaffee. Dem Plattenspieler entströmte eine melodische Geigenrhapsodie. Vom Tonband rieselte eine grüblerische Klaviermelodie.
"Ich mag dieses nützliche Getränk", vertraute mir der ehrbare Rückgeber mit freundlichem Zwinkern an. "Besonders angenehm trinkt es sich bei der gemütvollen, ins Wehmütige gehenden Musik von Bach, Rimski-Korsakow und anderen hervorragenden Komponisten. Seit meiner barfüßigen Kindheit liegen bei mir zwei Hobbys vor: Musik und die Rückgabe von Fundsachen. Ich liebe es, den Menschen die von ihnen verlogenen Münzen, Gegenstände und Nahrungsmittel einzuhändigen ..."
Die Reportage füllte elf handgeschriebene Seiten. Also werden es ungefähr neun Schreibmaschinenseiten, gerade soviel wie nötig, dachte Juri. In den nächsten Tagen schaff ich mir eine Schreibmaschine an, Geld hab ich ja. Aber es wäre schön, wenn ich die Reportage heute schon abtippen könnte. Er wandte sich scherzhaft an den Ball: "Wenn du mir wenigstens helfen wolltest, Konstantin. Aber du hängst hier bloß tatenlos in der Luft."
Konstantin blinkte mit lila Licht. Aus dem Ball schoben sich zwei gewundene Auswüchse und einige Stäbe. Sie senkten sich auf den Tisch, begannen zu wachsen, sich zu verflechten, bildeten ein kompliziertes Arbeitssystem. Vierzehn Sekunden später hielt einender Auswüchse bereits eine Manuskriptseite in seinen dunklen Klemmgreifern. Ein feiner bläulicher Strahl kroch über die Zeilen. Das leere Blatt Papier war in einen Komplex von Schienen und Federn gespannt, darüber bewegte sich lautlos ein kleiner Zylinder und hinterließ in klarer Schrift einen Schreibmaschinentext.
Nach drei Minuten und siebenundvierzig Sekunden war das Manuskript in dreifacher Ausfertigung abgeschrieben. Dann begann das Arbeitssystem zu verschwimmen, zu schrumpfen. Der Ball nahm die Stäbe und Auswüchse in sich auf und wurde wieder glatt. Anakonda verglich sein Manuskript sorgfältig mit dem maschinegeschriebenen Text. Kein einziger Druckfehler.
An zwei Stellen hatte Konstantin sogar Schreibfehler verbessert. Diese Korrekturfähigkeit des Balls berührte Juri unangenehm.
Am nächsten Morgen fuhr Anakonda in die Redaktion. Oje, die Reportage wurde kühl aufgenommen.
Sawejkow sagte: "Viel Verlogenheit und Schönfärberei. Sie packen es nicht. Auch der Alte ist Ihnen nicht gelungen. Er ist warm, aber blaß. Versuchen Sie, ihn abzukühlen und zu beleben. Ich hab da einiges angestrichen."
Juri nahm das von Sawejkow vollgekritzelte Manuskript und trottete niedergeschlagen nach Hause — den Alten zu beleben. Aber wie er das machen sollte, wußte er nicht. Er fühlte, daß er nicht besser schreiben konnte. Vor Kummer ging er ins Frunse-Kaufhaus und kaufte zwei Nylonhemden, dann grübelte er eine Weile und erwarb einen Tallinner Leuchter und einen Ziehharmonikaspieler aus Porzellan. Da die Einkäufe nicht sehr umfänglich waren und in der Tasche Platz fanden, beschloß er, dieses Mal kein Taxi zu nehmen, sondern mit dem Obus nach Hause zu fahren. Der Bus war nicht voll, und Juri bekam einen Fensterplatz. Aber er war keine zwei Stationen gefahren, als aus dem Rucksack ein klägliches Miauen kam. Was zum Teufel ist das? dachte er erstaunt. Eine Katze kann ja wohl nicht reingekommen sein. Kein Zweifel, das ist wieder ein Streich von Konstantin.
Inzwischen wurde das Miauen immer lauter und kläglicher.
"Eine Gemeinheit so was!" sagte, an Juri gewandt, eine Frau, die auf der anderen Seite des Ganges saß. "Sich erst eine Katze anschaffen und sie dann quälen. Sie haben sie mit Ihren Einkäufen eingequetscht! Sie erstickt ja in Ihrem Rucksack."
"Entschuldigen Sie, liebe Bürgerin, ich habe keine Katze bei mir", entgegnete Anakonda höllich.
"Sind wir vielleicht taub, wie! Der lügt, ohne rot zu werden!" erklangen empörte Stimmen.
"Er hat irgendwo einen wertvollen Kater geklaut, und jetzt
versteckt er ihn. Ich hör's an der Stimme: Das ist ein Angora-kater", äußerte ein älterer Bürger, ein Katzenkenner.
"Zur Miliz müßte man ihn bringen!" sagte irgendwer. "Dort werden sie herausfinden, wo der Hund begraben liegt!"
Anakonda ergriff seinen Rucksack und stürzte zum Ausgang. Er stieg fünf Haltestellen vor seinem Haus aus. Kaum hatte er den Fuß auf den Asphalt gesetzt, da hörte das Miauen auf. Aber fahren mochte er nicht mehr, er ging zu Fuß. Er ging und dachte über Konstantins Schrullen nach.
Als er in seine Straße kam, erblickte er eine Menschenmenge. Sie begann sich bereits zu zerstreuen, nachdem sie das Ereignis ausgiebig erörtert hatte. Da stand der Bus, ebenjener - Juri hatte sich die Nummer gemerkt -, stark zur Seite geneigt. Rechts hatte er eine große Delle. Ein Fenster war völlig eingeschlagen — das Fenster, an dem noch vor kurzem Juri gesessen hatte.
"Ein Lkw wollte gerade noch durchbrausen", erklärte eine Bürgerin Anakonda. "Die Passagiere haben es alle überlebt, sind mit Prellungen und dem Schrecken davongekommen. Bloß gut, daß an dem Fenster da niemand gesessen hat - der war hingewesen!"
Juri begriff, daß Konstantin ihn gerettet hatte. Aber als die Welle der Freude zurückgeflutet war, dachte er beklommen:
Wenn er retten kann, kann er auch vernichten.
Der Bruch mit Kira
Zu Hause fand Juri ein Telegramm vor: "Bin zurück von Krim erwarte Dich morgen Datsche Kira." Der Text erfreute und beunruhigte ihn. Voriges Mal hatte ihm Kira vom Süden ein Telegramm über ihre bevorstehende Rückkehr geschickt, damit er sie vom Flugplatz abhole. Vielleicht war sie diesmal in irgendwessen Begleitung zurückgeflogen?
Anakonda hatte Kira vor zwei Jahren auf einer Studentenparty kennengelernt. Das Mädchen hatte ihm sehr gefallen. Sie waren gemeinsam ins Kino, ins Theater und an den Strand gegangen. Aber von Liebe hatten sie noch nicht gesprochen. Kira war ein selbständiges und arrogantes Mädchen, an sie heranzukommen war nicht so leicht. Sie hatte vor kurzem ein Universitätsstudium beendet und arbeitete jetzt in einem biologischen Institut. Ihr Vater war ein angesehener Professor der Galvanotherapie, hatte eine Datsche und einen Wagen. Zu Juris Ehre sei gesagt, daß er, als er Kira kennenlernte, weder vom Titel ihres Vaters noch vom "Wolga", noch von der Datsche wußte. Im Gegenteil, er war ganz verdattert, als er von dem hohen materiellen Niveau des Mädchens erfuhr. Das war mit der Grund, daß er sich nach Abschluß des Instituts keine Arbeit auf seinem Fachgebiet gesucht hatte, sondern in der Redaktion. Er hatte vor, ein berühmter Journalist zu werden, um damit Kira zu beweisen, daß auch er nicht auf den Kopf gefallen war. Aber leider wollte es mit dem Journalismus nicht klappen. Schon drei Monate gehörte er der Redaktion an, doch alle seine Artikel wurden verworfen. Einzige Hoffnung blieb jetzt die Reportage über den "edlen Rückgeber".
Juri zwang sich an den Schreibtisch und ging daran, die Reportage umzuarbeiten. Aber es flutschte nicht. Konstantin hing daneben, ohne ihm bei der Arbeit behilflich zu sein. Offenbar wollte er sich nicht in den schöpferischen Prozeß einmischen. Anakonda war sehr müde. Bevor er sich schlafen legte, überprüfte er die Bündel unter der Matratze. Alles in Ordnung! Noch viel Geld!
Er wachte zeitig auf. In aller Eile wusch er sich, trank Tee, steckte dann Konstantin in den Rucksack, legte den Pullover für Kira darüber und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Unterwegs kaufte er einen Strauß südlicher Rosen.
Als Juri aus der elektrischen Vorortbahn stieg, hatte er noch zehn Minuten bis zu Kiras Datsche. Kira saß auf der Veranda, in einem sonnengelben Kleid, das ihr sehr gut stand. Auch die Sonnenbräune stand ihr. Sie empfing Anakonda nicht gerade feindselig, aber doch recht kühl. Juri hatte gleich das Gefühl, daß sich Kira nicht sehr über sein Kommen freute. Die Blumen nahm sie gnädig an, den Pullover aber wies sie zurück.
"Juri, ich brauche keinerlei materielle Geschenke. Nimm es mir bitte nicht übel. Von dir ist wohl endlich was gedruckt worden, wie's aussieht?"
"Vorschuß für eine kleine Reportage", warf Anakonda lässig hin. "Ich hab einen ganz passablen Bericht über einen edlen Rückgeber geschrieben."
"Rückgeber? So ein Wort gibt's überhaupt nicht", sagte Kira mit monotoner Stimme. "Übrigens, in Feodossija hab ich am Strand einen interessanten Mann kennengelernt. Er ist auch Leningrader, Journalist, aber er ..."
"Deine Strandbekanntschaften interessieren mich nicht", unterbrach Anakonda sie unzufrieden.
"Bitte keinen Streit", antwortete Kira ruhig. "Wollen wir baden gehen?"
"Fürchtest du nicht, dich zu erkälten, nach dem Süden?" fragte Juri diplomatisch. Er mochte nicht zum Fluß gehen. Wußte er doch, daß sich Konstantin im Wasser an seine Fersen heften würde.
"Ganz und gar nicht", antwortete Kira lächelnd. "Ich fürchte, du bist sehr faul geworden. Schnapp dir einen Spaten, dort neben der Garage, und grab im Garten ein Loch für einen Zaunpfahl. Wir werden jetzt alle Gäste zur Arbeit anstellen. Ich geh inzwischen und helfe meiner Mutter, das Mittagessen vorzubereiten."
Anakonda zog das Jackett aus, nahm automatisch die Tasche mit dem Ball auf und holte den Spaten.
"Wozu nimmst du den Rucksack mit?" .fragte Kira lachend. "Du kannst wohl nicht ohne ihn leben?"
"Ich hab mich einfach schrecklich an ihn gewöhnt. Ohne ihn komm ich mir vor wie ohne Hände", sagte Juri mit gespielter Unbekümmertheit, nahm den Spaten und ging ans andere Ende des Gartens.
Der alte Zaun war umgestürzt, und an der Grenze des Grundstücks waren in gleichmäßigen Abständen viereckige Löcher für die Pfähle des künftigen neuen Zauns ausgehoben. Einige Löcher waren noch nicht gegraben, nur der Rasen war ausgestochen, dort, wo sie zu graben waren. Anakonda legte den Rucksack neben sich und machte sich geruhsam an die Arbeit. Plötzlich hatte er eine Idee. Er verließ das Grundstück, stach mit dem Spaten hastig ein viereckiges Stück Rasen aus und begann schnell ein neues Loch zu graben. Jetzt arbeitete er mit voller Kraft, die Erde flog nur so. Als das Loch etwa achtzig Zentimeter tief war, nahm Juri, nachdem er sich verstohlen nach allen Seiten umgeblickt hatte, den Ball aus dem Rucksack und warf ihn in das Loch. Der Ball legte Sich schwer und fügsam auf den feuchten Grund. Anakonda schüttete ihn mit Erde zu.
Diesmal hab ich dich überlistet, wie's scheint, dachte er. Schlaf in Frieden, teurer Konstantin! Die Erde sei dir leicht!
Nachdem Juri Konstantins Grab zugeschüttet hatte, trampelte er die Erde fest. Sodann trat er ein Stück beiseite und weidete sich am Werk seiner Hände und Füße. Wie licht und weit auf einmal die Welt ohne Ball war! Wie fröhlich die Vögel sangen! Wie leicht es sich atmete!
Anakonda hob den leicht gewordenen Rucksack auf und machte einen Schritt in Richtung Datsche. Zum Abschied drehte er sich um — und sofort erlosch der Tag. Die festgestampfte Erde blähte sich, dann erschien Konstantin. Ohne Hast schwebte er empor und nahm den gewohnten Platz in der Luft ein, drei Schritt von Juri entfernt. Kein einziges Sandkorn klebte an ihm. Er war genauso wie vor seiner Beerdigung.
Um das Maß voll zu machen, ertönten ganz in der Nähe Schritte, und Kira rief erstaunt: "Juri, was ist das? Warum fällt er nicht?"
"Das ist ein Ball... Ein Ball wie jeder andere", stammelte Juri vor Schreck. "Du kannst ihn in die Hand nehmen." Kira nahm vorsichtig den Ball und ließ ihn gleich wieder los. "Ist der aber schwer! Und kalt wie ein Frosch. Wo hast du den her?"
"Kira, ich werde dir alles erzählen, aber schwöre, daß du keinem Menschen was sagst." Mit diesen Worten führte Juri das Mädchen zu einer Gartenbank und erzählte ihr die ganze Wahrheit.
Kira hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, dann sagte sie:
"Natürlich werde ich keinem was sagen. Das ist eine sehr unschöne Geschichte. Ja, ich zweifle seit längerem an dir, und wie's aussieht, zu Recht... Sei nicht böse, aber ich bitte dich um eins: Solange du diesen schrecklichen Ball bei dir hast — komm nicht mehr zu mir."
"Kira, aber wenn mich dieser Ball nun nie mehr freigibt?" fragte Anakonda voller Verzweiflung.
"Dann komm nie mehr zu mir."
Eine wissenschaftliche Konsultation
In tiefer Niedergeschlagenheit kehrte Anakonda heim. Seit er der Macht des Balls anheimgefallen war, hatte er teuflisches Pech. Wie sollte er sein Leben in die frühere Bahn lenken? Wie sollte er Konstantin loswerden?
Er erinnerte sich an den Umschlag, den er in der Aktentasche gefunden hatte, und griff in die Gesäßtasche. Aber die Tasche war leer. Anakonda erschrak. Er hatte ihn verloren ... Da jedoch fiel ihm ein, daß er längst einen neuen Anzug trug, den alten hatte er in den Schrank gepackt. Er stürzte zum Schrank und zerrte die alte Hose heraus. Sie roch nach Wald, ein paar Kiefernnadeln fielen auf den Boden, als Juri die Gesäßtasche abtastete und den Umschlag herauszog.
Darauf stand geschrieben:
planet X (Der Name unterliegt der Geheimhaltung)
institut zur erforschung ferner planeten unterabteilung untersuchung des planeten erde gruppe psychologie und ethik
Verehrter Finder! Verfahre mit dem Geld, wie Du es für richtig hältst. Wenn Du diese Zeilen liest, hast Du vielleicht schon einen Teil des Geldes ausgegeben, aber fahre fort, es nach eigenem Ermessen zu verbrauchen (oder aufzuheben).
Dieser Text klärte nichts, im Gegenteil, er stiftete in Anakondas Herzen noch größere Verwirrung. Da fiel ihm ein, daß er dieser Tage in der Zeitung von der Gründung eines neuen Wissenschaftlichen Instituts zur Erforschung Ungeklärter Naturerscheinungen (WIEUN) gelesen hatte. Er beschloß, sich gleich am nächsten Tag dahin zu wenden. Womöglich konnten sie ihm dort helfen?
Juri wurde ohne jegliche Bürokratie sofort ins Arbeitszimmer des Institutsleiters Rasswetow geführt. Als Juri ihm seinen Journalistenausweis zeigte, sagte Rasswetow: "Es ist verfrüht, über das Institut zu schreiben. Wir haben noch wenig Fakten, Genösse Lessowalow."
"Eigentlich bin ich Anakonda", präzisierte Anakonda sofort. "Wissen Sie, das ist so eine Schlange. Sie lebt am Oberlauf des Amazonas, einzelne Exemplare werden bis zu vierzehn Meter lang."
"Zehneinhalb Meter", korrigierte Rasswetow. "Haben Sie das schon lange?"
"Was?"
"Nun, daß Sie sich für eine Schlange halten."
"Ich halte mich keineswegs für eine Schlange", sagte Juri beleidigt. "Das ist lediglich mein literarisches Pseudonym."
"Ach so ist das! Denn sehen Sie, gestern ist ein Bürger zu uns gekommen, der sich für einen Pinguin hält. Das ist nicht unser Ressort."
"Aber ich bin nicht so einer. Ich komme in einer Sache ... Ich möchte Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Nur, erforschen Sie auch wirklich unerklärliche Erscheinungen?"
"Ungeklärte", verbesserte Rasswetow. "Ja, die erforschen wir. An uns sind schon einige . .. nun, wie soll ich sagen ... seltsame Dinge herangetragen worden. Die Bevölkerung kommt uns bereitwillig entgegen. Am dritten Tag zum Beispiel hat uns ein junger Naturforscher ein interessantes Objekt gebracht. Er hat es auf der Straße aufgegriffen."
Mit diesen Worten öffnete Rasswetow eine Tür. Aus dem Nebenzimmer kam ein Dackel hereingelaufen und legte sich auf" den Teppich neben dem Tisch.
"Was soll das für ein Objekt sein? Ein gewöhnlicher Hund!" sagte Juri ärgerlich. "Ich rede mit Ihnen von Mensch zu Mensch, und Sie kommen mir mit irgendwelchen Hunden!"
"Das ist kein Hund, sondern eine bioelektronische Konstruktion, ausgeführt in Form eines Hundes und auf die Erde gesandt, um Informationen zu sammeln", erklärte Rasswetow mit gesenkter Stimme. "Sehen Sie ihn genauer an."
"Großer Gott, er hat ja sechs Beine! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" ereiferte sich Anakonda. "Wozu hat er sechs Beine?"
"Rückversicherer von der Venus", warf Rasswetow hin. "Das ist ihr Werk. Im großen und ganzen keine üble Konstruktion, aber um den Haltbarkeitskoeffizienten zu erhöhen, haben sie ein Paar Beine hinzugefügt... Also, was wollten Sie mir mitteilen? Haben Sie keine Scheu, wir haben diesem Dackel sofort das Sendesystem herausgeschraubt, so daß die auf der Venus nichts erfahren werden."
"Ich möchte, daß auch auf der Erde keiner was erfährt", erklärte Anakonda. "Gleich zeige ich Ihnen auch eine Konstruktion. Aber lesen Sie erst, was hier geschrieben steht." Und er drückte Rasswetow den geheimnisvollen Umschlag in die Hand.
Rasswetow las, was auf dem Umschlag stand, schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.
Da nahm Juri den Ball aus der Tasche, und der hing sogleich in der Luft. Der bioelektronische Hund sprang bei Konstantins Anblick vom Teppich; zog den Schwanz ein und rannte kläglich winselnd ins Nebenzimmer.
"Ein höchst seltsamer Ball", sagte Rasswetow nachdenklich. "Ist er nicht aggressiv?"
"Nein, Sie können ihn in die Hand nehmen. Er beißt nicht. Das war mir noch lieber als so was."
Rasswetow hielt den Ball eine Weile in der Hand und ließ ihn dann los. Konstantin nahm seinen Platz in der Luft wieder ein.
"Ein höchst seltsamer Ball", wiederholte Rasswetow. "Soviel ich weiß, gibt es in der Geschichte keine analogen Fälle. Das spezifische Gewicht scheint höher als bei Blei zu sein. Sagen Sie, ändert sich häufig seine Temperatur?"
"Sie ändert sich überhaupt nicht. Nicht mal, wenn er ins Feuer geworfen wird. Er bleibt immer so kalt."
"Ein seltsames Objekt", sagte Rasswetow zum drittenmal. "Erzählen Sie, wie und wann Sie mit ihm in Berührung gekommen sind. Was ging dem Augenblick voraus, als er Kontakt mit Ihnen aufnahm? Sagen Sie mir alles ohne Vorbehalt, wie einem Arzt."
"Ich werde Ihnen die ganze Wahrheit erzählen", erklärte Juri, "aber Sie müssen mir versprechen, daß außerhalb des Instituts niemand von dem Ball erfährt."
"Das will ich Ihnen gern versprechen", antwortete Rasswetow. "Aber sollte sich im Prozeß der Erforschung des Balls herausstellen, daß durch Wahrung des Geheimnisses Leben und Gesundheit anderer Menschen bedroht sind oder die Möglichkeit besteht, daß Informationen von der Erde auf einen anderen Planeten gelangen, muß ich mein Versprechen zurücknehmen."
"Ich verstehe Sie", sagte Anakonda. "Natürlich, wenn der Ball anderen Menschen Schaden zufügen kann, muß das Geheimnis geopfert werden ... Aber nun hören Sie."
Juris Erzählung dauerte lange. Rasswetow hörte aufmerksam zu. Dann führte er Anakonda in ein Laboratorium, wo der Ball verschiedenen Tests unterzogen wurde. Gegen Abend verließ Juri mit Konstantin das Institut, und von nun an ging er die ganze Woche zum Institut wie zur Arbeit. Was wurde mit Konstantin nicht alles angestellt! Er wurde in einen Thermo-
stat gelegt, in schärfste Säuren und Laugen getaucht, wurde elektrischem Strom ausgesetzt, mit einem Vorschlaghammer bearbeitet, in Zement gemauert, mit Stahl- und Bleiplatten abgedeckt. Gegen Ende der Woche faßte Rasswetow die Untersuchungsergebnisse zusammen und händigte Juri eine Kopie des Berichts aus.
Forsch ungsinstitut
Registrierkarte Nr. 19V s
Arbeitsbezeichnung des zu untersuchenden Objekts:
AEASB (alldurchdringender exterritorialer außerirdischer selbstgelenkter Ball)
Analoga in der Kartei ungeklärter Erscheinungen:
keine Analoga.
Erscheinungsbild des Objekts im Zustand der Ruhe:
ein Ball von ebenmäßiger Form und dunkler Farbe
Gefährlichkeitsgrad nach dem 12 stußgen Kargersystem für Aggressivität:
12 Stufe nach Karger
A. Physikalisch-chemische Eigenschaften
1. Durchmesser: 77,631 mm
2. Atomgewicht: 265,24
3. Spezifische Wärmeaufnahmefähigkeit: keine
4. Schmelzpunkt: nicht geklärt
5. Reaktion auf Säuren: keine
6. Reaktion auf Laugen: keine
7. Radioaktivität: keine
8. Elektrische Leitfähigkeit: keine
B. Psychologische Eigenschaften:
1. Vernunftbegabt
2. Nicht emotional
3. Nicht aggressiv (s. "Besondere Merkmale", Pkt. l)
4. Befähigt, Ereignisse vorauszusehen
5. Befähigt, vielseitige Schutzfunktionen gegenüber dem Wesen auszuüben, mit dem er Kontakt aufgenommen hat
C. Mechanisch-funktionelle Besonderheiten und Anomalien
1. Obwohl der Wichte nach schwerer als Wasser und atmosphärische Luft, schwimmt er und schwebt in der Luft
2. Überwindet mühelos jedes beliebige Medium
3. Zu vielseitigen physikalischen, chemischen und mechanischen Handlungen befähigt
4. Universell
5. Autonom
6. Nicht durch irdische Mittel zerstörbar
Besondere Merkmale
1. Ist entweder nicht auf Zerstörung lebendigen Stoffes programmiert oder hat selbständig den Entschluß gefaßt, Eiweißverbindungen keinen Schaden zuzufügen
2. Physikalisch exterritorial
3. Quelle der Energiespeisung unbekannt
4. Entstehungsort ungeklärt
Anakonda las den Bericht aufmerksam durch.
"Wie ist das zu verstehen - .physikalisch exterritorial'?" fragte er Rasswetow.
"Als wir den AEASB untersuchten, mußten wir diesen wissenschaftlichen Arbeitsbegriff einführen. Der AEASB ist in dem Sinne exterritorial, daß er, obwohl er sich auf der Erde befindet, nicht den physikalischen Gesetzen der Erde unterworfen ist, sondern den Gesetzen jenes Sternensystems, von dem er gekommen ist."
"Das alles macht mir wenig Freude", sagte Juri. "Hier in dem Bericht steht kein Wort darüber, wie ich den Ball loswerden kann. Denken Sie, es fällt mir leicht, ihn immer mit mir herumzuschleppen? Er hat mir schon sämtliche Sehnen ausgedehnt. Von der psychischen Seite ganz zu schweigen."
"Leider kann ich Ihnen keine praktischen Empfehlungen geben. Der Fall ist zu ungewöhnlich. Ich fürchte, die beste Variante für Sie wird sein, den Status quo beizubehalten und sich mit dem Gedanken zu trösten, daß Sie der einzige Mensch auf der Welt sind, der mit einem so ungewöhnlichen interplanetaren Objekt Verbindung aufgenommen hat."
"Zum Teufel mit solchen interplanetaren Kontakten!" rief Anakonda. "Und warum hat er sich ausgerechnet an mich gehängt?"
"Vielleicht hat der AEASB Sie schon früher beobachtet. Er brauchte für sein Experiment einen Menschen mit ganz bestimmtem Charakter ... Nun, sagen wir, einen, der im Grunde seines Wesens rechtschaffen ist, aber einer Versuchung nicht immer standhalten kann. Der Kontakt war in dem Moment hergestellt, als Sie beschlossen, das Geld zu verwenden. Von da an nahm der AEASB Sie unter Beobachtung und Schutz. Solange der Kontakt besteht, läßt der AEASB nicht zu, daß Ihnen ein Haar gekrümmt wird. Er ist so allmächtig, daß er Ihr Leben und Ihre Unversehrtheit sichert, selbst wenn Sie in das Epizentrum einer Atombombenexplosion geraten sollten."
"So eine Unversehrtheit brauche ich nicht. Genösse Rasswe-tow! Ich möchte, normal leben und dann normal sterben ... Und wenn ich mich dem Gericht stelle. Genösse Rasswetow? Soundso, ich hab mir Zehntausend angeeignet, sollen sie mich zu einer Gefängnisstrafe verurteilen. Vielleicht läßt der Ball im Gefängnis von mir ab?"
"Ein irdisches Gericht droht Ihnen nicht", antwortete Rasswetow. "Vom juristischen Standpunkt aus gesehen, haben Sie keinen Diebstahl begangen, sich nicht mal eine Fundsache angeeignet. Der AEASB hat Ihnen faktisch das Geld untergeschoben, oder, wenn Sie so wollen, angeboten. Da der AEASB materiell existiert und als denkendes und vernunftbegabtes Wesen auftritt, kann er vollauf als juristische Person und vorheriger Besitzer des Geldes angesehen werden. So daß Sie de jure und'de facto die Zehntausend von einer juristischen Person — dem AEASB — als Geschenk erhalten haben. Folglich haben Sie weder vor dem Gesetz noch vor den Menschen ein Verbrechen begangen. Sie haben ein Verbrechen vor sich selber begangen, genauer gesagt, an sich selber."
"Moment mal. Genösse Rasswetow, der Ball kann dieses Geld doch nicht durch ehrliche Arbeit verdient haben. Er hat es irgendwo gestohlen oder aber gefälscht. Also habe ich das. Recht, als Mittäter verurteilt zu werden."
"Nach einer Woche Umgang mit dem AEASB bin ich zu folgendem Schluß gekommen: Wenn er auch den physikalischen Gesetzen der Erde nicht unterworfen ist, so verhält er sich zu den menschlichen Gesetzen und Regeln doch mit dem nötigen Respekt. Er ist zu klug und zu mächtig, um die Erde in überflüssiges Chaos zu stürzen. Natürlich könnte er alle Banken der Welt ausrauben oder Milliarden Falschgeld drucken, aber ich glaube, er geht nicht diesen Weg ... Verehrter AEASB, sagen Sie bitte, wie sind Sie zu den zehntausend Rubeln gekommen?" wandte sich Rasswetow an den Ball.
Konstantin erstrahlte in grünem Licht, und an der Wand erschien eine Leuchtschrift, die langsam wieder erlosch:
1=0; 0=1
"Jetzt ist alles klar", sagte Rasswetow. "Er erneuert Banknoten. Täglich und stündlich geht ein physikalischer Verlust von Geldscheinen vor sich; sie verbrennen bei Feuersbrünsten, versinken bei Schiffskatastrophen, sind nicht mehr im Umlauf. Und diese Banknoten stellt der AEASB wieder her. Machen wir einen kleinen Versuch."
Mit diesen Worten zog Rasswetow einen Dreirubelschein und Streichhölzer aus der Jackentasche. Er notierte die Seriennummer des grünen Geldscheins und zündete ihn an. Als das Papier verbrannt war, bat Rasswetow Konstantin: "Stellen Sie ihn bitte wieder her!"
Der Ball leuchtete für einen Augenblick blau auf, dann fuhr er eine Schiene mit einer kleinen Platte aus. Von der Platte fiel ein Dreirubelschein auf den Tisch. Der Ball zog die Schiene wieder ein.
"Es ist derselbe Geldschein, die Seriennummer stimmt überein", verkündete Rasswetow. "Haben Sie vielen Dank, verehrter AEASB! Ich werde diesen Schein bis ans Ende meiner Tage aufheben ... Aber vielleicht sagen Sie uns trotzdem, woher Sie zu uns gekommen sind und weshalb?"
Der dunkle Ball hing stumm und reglos in der Luft,' drei Schritt von Anakonda entfernt.
"So hängt er mir dauernd vor Augen, und ich kann nichts dagegen machen", sagte Juri. "Gibt es denn wirklich keinen Ausweg, Genösse Rasswetow?"
"Ich habe kein Recht, Ihnen Ihr Verhalten vorzuschreiben", antwortete Rasswetow. "Aber da alles mit dem Geld angefangen hat, scheint mir, daß man bei diesem Punkt mit den Überlegungen ansetzen muß. Also, der AEASB hat Ihnen zehntausend Rubel eingehändigt. Ihn interessiert, wie Sie sich bei Besitz des Geldes verhalten. Solange Sie noch eine Kopeke von dieser Summe haben, bleiben die Beziehungen des AEASB zu Ihnen so, wie sie jetzt sind. Das heißt. Sie werden unter der Obhut des AEASB leben; er wird Sie beobachten und Sie gleichzeitig vor allen physischen Gefahren schützen. Ihnen vielleicht sogar medizinische Hilfe leisten. Solange Sie noch .Geld des AEASB besitzen, sind Sie praktisch unsterblich. Aber das ist eine ziemlich traurige Unsterblichkeit. Stellen wir uns nun eine andere Variante Ihres Verhaltens vor. Sie geben auf schnellstem Weg das ganze Geld aus, und der AEASB verläßt Sie, denn nach logischem Ermessen ist dann seine Mission beendet, das Experiment durchgeführt. Aber in diesem Fall sind mehrere Varianten denkbar. Variante A: Der AEASB verläßt Sie, ohne daß es Folgen für Sie hätte; Variante B: Der AEASB verläßt Sie, nachdem er eine letale Aktion an Ihnen vorgenommen hat, um keinen unnötigen Zeugen auf der Erde zurückzulassen. Denn wenn Sie nicht mehr sein Mündel sind, oder, um es genauer zu sagen, sein Versuchsobjekt..." "Ach so sieht das aus! Er kann mich also auch umbringen?" "Ja. Vergessen Sie nicht, daß der AEASB bei all seinem Verstand keinerlei Emotion hat, er ist ein reiner Pragmatiker. Wenn er es für zweckdienlich hält..."
"Na, da bin ich ja in was reingerasselt!" sagte Anakonda und nahm den Rucksack mit dem Ball. "Also dann, Genösse Rasswetow, vielen Dank für die Aussprache ... Aber Sie werden doch Wort halten? Ich hoffe, daß mein Kontakt zu dem Ball nicht in der Presse ausposaunt wird."
"Nein, nein. Das hätte nur dann Sinn, wenn die Menschen über irgendwelche Mittel verfügten, auf den AEASB einzuwirken. Aber der ist allmächtig, alldurchdringend und unzerstörbar. Pressemitteilungen würden nur eine weltweite Panik auslösen. Zum Abschluß möchte ich Ihnen eine Bitte vortragen. Der AEASB kennt vorzüglich die materielle Welt und ist imstande, sie umzugestalten und sich gefügig zu machen. Die psychische Welt des Menschen aber kennt er unzureichend und studiert sie in gewissem Maße an Ihnen. Vielleicht sind Sie für ihn das Normale. Aber wenn dem so ist, kann er nach diesem Normalen ein Urteil über die gesamte Menschheit fällen. Also verhalten Sie sich dem AEASB gegenüber möglichst taktvoll, oder, wie man früher sagte, tolerant."
Eine unverhoffte Variante
Am ändern Tag ging Juri, seinen Konstantin in der Tasche, zur Vertretung der Aeroflot. Er hatte beschlossen, nach Sotschi zu fliegen. Die Weintraubenzeit hatte noch nicht begonnen, und Anakonda erstand ohne weiteres ein Ticket für die TU-104. Dann ging er ins Kaufhaus, wo er einen halbwegs brauchbaren Koffer erwarb.
"Sie wollen verreisen?" fragte Wawik, als er Juri mit dem Koffer nach Hause kommen sah.
"Ja, ich fliege morgen ans Schwarze Meer."
"Ich freue mich für Sie ... Im Süden gibt es so viel Schönes, das der Beobachtung wert ist. Ach ja, Sonne, Meer, braungebrannte Mädchen am Strand, Festtag des Seins und des Bewußtseins! Wie schade, daß Sie nur ein Ticket gekauft haben! Sie haben nicht an Wawilon Viktorowitsch gedacht, an den Menschen, der fremde Geheimnisse so zuverlässig hütet!"
"Na schön, Wawilon Viktorowitsch, nehmen Sie mein Tikket. Und hier haben Sie Geld für den Rückflug und alle sonsti-, gen Ausgaben. Ich will nicht mehr fliegen", sagte Anakonda mit fester Stimme. Er hatte begriffen, die beste Methode, Wawik wenigstens für eine Weile loszuwerden, war, ihn in den Süden zu schicken und selber in der Stadt zu bleiben. Konstantin hätte ihm das Kurortleben ohnehin sehr erschwert.
"Danke, Juri!" stieß Wawik hervor und wandte sich hastig, ab, um Tränen der Ergriffenheit zu verbergen.
Am nächsten Morgen fuhr Wawilon Viktorowitsch, nachdem er Strandutensilien und Fernrohr in den von Juri entliehenen Koffer gepackt hatte, zum Flugplatz und erhob sich in die Luft. Unten schlummerte in leichtem Dunst, wie in ein hauchdünnes Nylonhemd gehüllt, eine grüne Ebene. Bald darauf zeigte sich unter der rechten Tragfläche das Mattgrün des Meeres; links lagen brünette Berge in Büstenhaltern aus ewigem Schnee.
Am selben Tag nahm Anakonda verstärkte Geldausgaben in Angriff. Hatte er sich aber noch kürzlich Dinge gekauft, die einen praktischen Sinn besaßen, so floß das Geld jetzt durch andere Kanäle. Erging auf den Markt, kaufte dort alle Blumen auf und verteilte sie sodann auf der Straße an vorbeikommende Mädchen. Am Abend suchte er eine Grillbar auf und verkündete lautstarker habe Geburtstag und wolle darum alle freihalten. Die meisten wiesen solch einmaliges Anerbieten beleidigt zurück, aber es fanden sich auch welche, denen es überaus gelegen kam. Juri war im Handumdrehen von Schmeichlern und Schmarotzern umschwärmt. Von dem Tage an begann das Geld dahinzuschmelzen wie Zucker im Tee.
Nach einer Woche stellte Anakonda fest, daß ihm noch dreißig Rubel geblieben waren. Und zwei Tage später — Juri wachte mit schwerem Kopf nach einem Zechgelage mit seinen neuen Freunden auf - fand er in seiner Jackentasche nur noch einen Zehnrubelschein. Er durchwühlte die übrigen Taschen, es kamen noch zwei Rubel und sechzig Kopeken zusammen. Da wußte er, daß der entscheidende Tag angebrochen war. Er würde nun das letzte Geld ausgeben — und der Ball würde entweder fortfliegen und ihn von seinem Joch erlösen oder... Komme, was wolle!
Anakonda nahm die Tasche mit Konstantin und betrat das nächstgelegene Restaurant. Nachdem er kräftig zu Mittag gegessen hatte, streifte er durch die Straßen, bis es Abend wurde. Die weißen Nächte gingen zu Ende, und warme Finsternis senkte sich auf die Stadt. In der Newa spiegelten sich die Lichter der Brückenlaternen. Leuchtreklamen strahlten auf dem Newski-Prospekt in fröhlichen Farben. Auf den Gehsteigen flanierten glückliche Pärchen, gingen schöne Mädchen spazieren. Das alles sehe ich vielleicht zum letztenmal, dachte Juri mit Abschiedskummer, während er nach Hause schlenderte.
Im Lebensmittelgeschäft an der Ecke kaufte Anakonda eine Flasche Kognak — wenn schon zugrunde gehen, dann mit Kognak! Außerdem kaufte er noch ein Päckchen Zigaretten Marke "Opal" und Streichhölzer. Jetzt besaß er noch ein Fünfkopekenstück. Nur dieses Fünfkopekenstück verband ihn noch mit Konstantin — und vielleicht auch mit dem Leben.
Zu Hause ließ er den Ball aus der Tasche, und der hing wie immer drei Schritt von ihm entfernt in der Luft. Dann goß sich Juri ein Wasserglas voll Kognak, trank es in einem Zug aus, ohne etwas nachzuessen, und steckte sich eine Zigarette an. Gleich darauf trank er ein zweites Glas. Trunkene Wärme breitete sich in seinem Körper aus, die Welt begann zu pulsieren. Die Zimmerwände liefen bald auseinander, bald rückten sie zusammen, als wollten sie Juri zerquetschen. Schließlich nahm er den verheißungsvollen Fünfer aus der Tasche und trat ans Fenster.
Die Häuser vor dem Fenster schwankten, die Stadtlichter flammten auf und erloschen, flammten auf und erloschen, wie SOS-Signale. Im Wohnheim gegenüber brannte nur in einem Fenster Licht, im vierten von außen. Anakonda kam es vor, als sitze auf dem Fensterbrett das Mädchen in Blau — Leonca-valla. Plötzlich raste das Fenster in die Höhe und erlosch. Juri warf den Fünfer. Der fiel mit stillem Klang aufs Pflaster. Aus, vorbei...
Er drehte sich um. Konstantin hing wie immer in der Luft, drei Schritt von ihm entfernt. Die wissenschaftliche Voraussage Rasswetows hatte sich nicht erfüllt. Der Ball hatte eine eigene unerwartete Variante gewählt: Er hatte beschlossen, für immer bei Juri zu bleiben. Ein krankhafter Gedanke schoß Anakonda durchs Hirn: Wie wär's, wenn ich mich aufhänge? Freilich geh ich dabei drauf, aber anders kann ich Konstantin nicht loswerden.
Er torkelte zum Bett, bückte sich und zog ein Seil darunter hervor. Früher hatte er einem Zirkel junger Alpinisten angehört, und dieses Seil war Bestandteil seiner Ausrüstung gewesen. Juri machte eine Zerreißprobe - aber von wegen, es war sehr stabil. Er mußte nicht lange überlegen, wo er es befestigen könnte. Über der Tür ragten zwei dicke Eisenhaken, an denen früher eine Portiere gehangen hatte. Er brauchte sich bloß" einen auszusuchen.
Der Ball leuchtete lautlos- in traurig-bläulichem Licht auf. Im selben Moment verwandelte sich das Seil in grauen Mulm, zerfiel zu fasrigem Staub. Die Haken verschwanden. Dort, wo sie gesessen hatten, waren jetzt kleine dunkle Löcher.
"Sich ganz normal aufhängen, nicht mal das gönnst du einem!" schrie Anakonda und drohte Konstantin mit der Faust. "Aber ich überliste dich!"
Er rannte zum offenen Fenster, sprang aufs Fensterbrett, umfaßte den Kopf mit beiden Händen und stürzte sich hinunter. Die menschenleere Straße, die dunklen Bäume der Grünanlage, die schwarzen Gitterstäbe der Umzäunung — alles raste ihm entgegen. Im selben Augenblick hielt eine elastische Kraft sein Fallen auf. Er blieb über der Straße in einer Hängematte stecken, geknüpft aus feinsten eiskalten Sprungfedern, und der Ball schwebte über ihm. Dann hob Konstantin Juri aufs Fensterbrett, holte die Leinen ein und zog ihn ins Zimmer.
Anakonda warf sich weinend aufs Bett.
Ein schimpfliches Leben
Juri wachte gegen Mittag auf. Er hatte einen Brummschädel. Ihm war schlecht. Der Ball hing wie immer in der Luft, drei Schritt vom Bett entfernt. Juri dachte an die Erlebnisse vom Vorabend und stöhnte auf. Was sollte er jetzt tun? Konstantin würde immer und ewig bei ihm bleiben. Vom Geld war keine Kopeke mehr da, sein Leben war zerstört, und sterben durfte er auch nicht... Was sollte er tun?
Er stand widerwillig auf, zog sich träge an, ging zum Tisch und warf einen Blick auf die leere Flasche. Als er das Geld mit vollen Händen ausgab, hatte er sich angewöhnt, morgens einen Ernüchterungsschluck zu trinken, aber jetzt hatte er ja keine Kopeke mehr. Freilich besaß er noch alle möglichen Sachen — das Tonbandgerät, den Fotoapparat, einiges an Kleidung. Er könnte es in einen Kommissionsladen bringen. Aber da würde er das Geld nicht gleich bekommen, mußte warten, bis die Sachen verkauft waren. Und was sollte er solange essen! Aus der Redaktion war er entlassen, dort um etwas zu bitten wäre peinlich. Was sollte er tun?
Der Ball erhellte das Zimmer mit blauem Licht. Er fuhr wieder die Schiene mit der viereckigen Platte aus. Von der Platte fielen zwei abgegriffene Rubelscheine auf den Tisch.
"Du hast also beschlossen, für meinen Unterhalt aufzukommen." Anakonda grinste schief. "Großzügig bist du nicht grade, Konstantin. Aber auch dafür danke ... Was soll's, kriech in die Tasche, wir kaufen was zu essen und zu trinken."
Zuerst kaufte Juri eine Viertelliterflasche "Moskowskaja" , und ein Päckchen Zigaretten Marke "Pamir", dann dreihundert Gramm drittklassige Leberwurst und Brot. Wieder zu Hause, nahm er die Einkäufe und Konstantin aus der Tasche, stellte den Wodka auf den Tisch. Nach dem ersten Gläschen aß er etwas Wurst, steckte sich eine Zigarette an und dachte über sich nach: So schlecht ist das gar nicht. Mit Wodka kann man leben. Und vor allem, an Wodka kann man sterben, und dagegen bist du machtlos, mein Freund Konstantin. Ich werde systematisch trinken, werde mich zu Tode trinken, und dann
ist dieses schimpfliche Leben vorbei.
Der Ball leuchtete in grünem Licht auf. Ein dünnes Strahlenbündel schoß zur Flasche und erlosch. Schlimmes ahnend, goß sich Anakonda mit zitternder Hand ein zweites Gläschen ein, führte es an die Lippen und spuckte gleich darauf die Flüssigkeit angewidert auf den Boden. Der Wodka hatte sich in Wasser verwandelt.
Für Juri begann ein alkoholloses, arbeitsloses, trostloses Leben. Jeden Morgen bekam er von Konstantin zwei Rubel, legte den Ball in den Rucksack und ging einkaufen. Dann nahm er ein bescheidenes Frühstück zu sich, ergriff den Rucksack mit Konstantin und irrte in der Stadt herum. Ohne nach links und rechts zu blicken, die Augen auf den Asphalt geheftet, trottete er dahin und wußte selber nicht, wohin — bloß nicht zu Hause sitzen. In seinem Zimmer befiel ihn Schwermut, außerdem
konnte er nicht die ganze Zeit in der Wohnung zubringen, die Nachbarn sahen ihn schon schief an, wunderten sich, daß er nicht zur Arbeit ging. Also strich er durch die Straßen. Den Rucksack mit Konstantin trug er jetzt auf dem Rücken. Er hatte sich schon fast daran gewöhnt, so wie sich ein Buckliger an seinen Buckel gewöhnt.
War Anakonda bis zum Umfallen in der Stadt herumgeirrt, kehrte er heim, machte sich unlustig ein einfaches Mittagessen, aß es unlustig — und zog wieder los. Er ließ sich gehen, rasierte sich nicht mehr; sein neuer teurer Anzug wurde dreckig und glänzte speckig, aber er säuberte ihn nicht. Er erhoffte nichts mehr und erstrebte nichts mehr und ging den Menschen immer mehr aus dem Weg. Seine Bedürfnisse reduzierten sich auf die Nahrung, und auch da war ihm gleich, was er aß. Die zwei Rubel, die ihm Konstantin gab, reichten ihm zum Leben. Natürlich, er hatte Sachen, die er verkaufen konnte, aber er war zu faul, sie in den Kommissionsladen zu bringen. Und was sollte er jetzt auch mit überschüssigem Geld? Wenn er abends nach Hause kam, trank er Tee, aß Brot dazu, legte sich ins Bett und schlief sofort ein. Er träumte nichts. Der Ball schien sogar die Träume von ihm fernzuhalten.
Leoncavalla - Tanja
Es war Mitte August. Juri war durch die Stadt gestrichen und fühlte, daß es Zeit zum Mittagessen war. Den Rucksack auf den Schultern, ging er durch die Grünanlage aufsein Haus zu. Er hatte es nicht eilig. An diesem Tag zog es ihn überhaupt nicht unter den Schutz seines Daches. Am Vortag nämlich war Wawik aus dem Süden heimgekehrt, und es hatte eine unangenehme Szene gegeben.
Wawik war abgemagert wiedergekommen, sein linkes Augenlid zuckte nervös. Er war höchst unzufrieden, daß ihn Juri in den Süden geschickt hatte; keine zehn Pferde würden ihn da wieder hinbringen. Wie sich herausstellte, war er von einer Frau beobachtet worden, als er im Pyjama und mit Fernröhr wie ein Scharfschütze Position auf einem Felsen bezog, der sich unweit des Frauen-Nacktbadestrandes befand. Die Frau erhob Geschrei, andere Frauen kamen herbeigelaufen. Sie kreischten, kniffen Wawik und schlugen ihm sogar das Fernrohr um die Ohren. Das Fernrohr wurde stark beschädigt und mußte repariert werden.
"Aber Wawilon Viktorowitsch, Sie haben doch noch das Fernglas und das tragbare Teleskop", bemerkte Juri.
"Das bestreite ich nicht. Aber jeder Mensch möchte doch gern ein vollständiges Sortiment an optischen Instrumenten haben. Außerdem habe ich mich völlig verausgabt im Süden, wo Sie mich ja hingeschickt haben ..."
"Wawilon Viktorowitsch, meine materielle Lage ist sehr wacklig geworden. Wenn Sie wollen, nehmen Sie das Tonbandgerät. Sie können es verkaufen. Und hier den Pullover. Es ist zwar ein Frauenpullover, aber den kriegen Sie auch los."
"Sie machen mich froh, mein junger Freund. Aber könnten Sie mir nicht auch mit Bargeld aushelfen?"
"Wawilon Viktorowitsch, ich hab kein Bargeld. Der Ball gibt mir zwei Rubel am Tag."
"Juri, wenn Sie mir jeden Tag ein Viertel dieser Summe überlassen, wird es nur zu Ihrem Vorteil sein."
"Aber Wawilon Viktorowitsch, was nutzen Ihnen meine fünfzig Kopeken?"
"Ach, Juri, ich bin nicht habgierig. Aber die Optik fordert Opfer. Ich habe beschlossen, für ein Scherenfernrohr zu sparen. Dann werde ich die Welt des Schönen noch besser beobachten können."
Anakonda widersprach nicht, ihm war schon alles gleichgültig. Er angelte aus der Jackentasche zwei Fünfzehnkopeken-stücke und ein Zwanzigkopekenstück. Wawik streckte die Hand aus. Konstantin hüllte sich für einen Moment in eine durchsichtig-opalfarbene Wolke.
"Ich danke Ihnen, Juri!" sagte Wawik und nahm das Geld, aber plötzlich schrie er. vor Schmerz auf, ließ die Münzen fallen und blies sich auf die Finger. "Das werde ich Ihnen nicht verzeihen! Mir glühende Münzen zu geben! Eine Unverschämtheit so was!"
"Das war der Ball... Er will meinen Lebensstandard schützen", sagte Juri und bückte sich nach den Münzen. Sie waren überhaupt nicht heiß.
"Eine Unverschämtheit!" wiederholte Wawik. "Sie mit Ihrem dunklen Ball, Sie hätten schon längst vor der Bevölkerung entlarvt werden müssen. Gleich morgen zeig ich Sie bei der Hausverwaltung an!" Er hatte sich das Tonbandgerät und den für Kira gekauften Pullover geschnappt, war aus dem Zimmer gerannt und hatte wütend die Tür hinter sich zugeschlagen.
Ja, heute zog es Juri überhaupt nicht nach Hause. Durchaus möglich, daß dort neue Unannehmlichkeiten auf ihn warteten. Darum nahm er den Rucksack ab, setzte sich aufeineBank und steckte sich eine Zigarette an. Um den Moment des Heimgehens hinauszuzögern, rauchte er langsam, mit Gefühl, mit Verstand, und sann darüber nach, daß ihm wenigstens das Rauchen geblieben war, das hatte ihm Konstantin noch nicht verboten.
So saß er allein auf der Bank, ganz an der Seite, in der Nähe eines gipsernen Aschenbechers. Auf der anderen Seite der Allee dösten auf genauso einer Bank zwei Rentner. Die Grünanlage war fast menschenleer; jedes Jahr im August verwaist Leningrad — viele Erwachsene sind in Urlaub, alle Kinder auf der Datsche oder in Pionierlagern. Es war still. Der Himmel, von leichtem Wolkendunst verhangen, sandte gleichmäßiges mildes Licht.
Von links waren gedämpfte Schritte zu hören. Juri drehte sich um. Die Allee entlang kam Leoncavalla. Er erkannte sie sofort, obwohl sie diesmal ein helles Baumwollkleid trug. In der Hand hielt sie eine kleine Tasche, auf der tanzende Frösche auf weißglänzendem Grund abgebildet waren. Wenn sie sich auf die Bank setzt, heißt das, in meinem Leben ist noch nicht alles verloren, gibt es noch Hoffnung, den Ball loszuwerden, dachte Juri. Sein Herz klopfte plötzlich so, als stürze er in einen Abgrund oder fliege zum Himmel auf, gradenwegs zur Sonne.
Sie ging mit leichtem Schritt an der Bank vorbei, blieb dann plötzlich stehen, als sei ihr etwas eingefallen, trat einen Schritt zurück und setzte sich ans äußerste Bankende, legte die Tasche neben sich.
"Danke, Leoncavalla!" entfuhr es Juri.
Das Mädchen sah ihn erstaunt, aber keineswegs unfreundlich an. Dann trat ein besorgter Ausdruck in ihr Gesicht. Sie rückte näher zu Juri.
"Ist Ihnen nicht gut?" fragte sie sanft und treuherzig. "Warum sind Sie so blaß geworden? Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?"
"Nein, nein, es ist nichts ... Das kommt, weil ich so lange auf den Beinen war... Ich bin stundenlang rumgelaufen ... Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen ..." Juri hatte so lange mit keinem Menschen mehr gesprochen (abgesehen von Wawik), daß er nach Worten suchen mußte.
"Ja, sieht so aus, als ginge es Ihnen wieder besser", sagte das Mädchen. "Sie sind nicht mehr ganz so blaß ... Aber warum haben Sie Leoncavallo zu mir gesagt? Das war doch so ein Komponist. Ich heiße Tanja. Und wie heißen Sie?"
"Eigentlich war ich Anakonda. Wissen Sie, das ist so eine Schlange. Sie kommt am Oberlauf des Amazonas vor. Einzelne Exemplare erreichen eine Länge von zehneinhalb Metern. Aber aus mir ist kein Anakonda geworden."
"War das Ihr Pseudonym?" erriet Tanja.
"Ja, genau. Ich wollte Journalist werden, aber ich hab kein Talent. Also bin ich einfach Juri. Ich wohne in dem Haus da."
"Es gefällt mir, daß Sie so offen über sich sprechen. Ich glaube. Sie sind ein guter Mensch."
"Da irren Sie sich. Ich habe etwas Schlechtes getan, also kann ich nicht gut sein. Diese Sache quält mich sehr ..."
"Nein, ich glaube nicht, daß Sie ein schlechter Mensch sind.
Aber Sie sehen wirklich zerquält aus ... Ich bin Ihnen ein paarmal auf der Straße begegnet. Nur, Sie gucken ja keinen Menschen an."
"Ich kenne Ihr Gesicht auch. Ich hab Sie gesehen ..."
"Ich wohne im Wohnheim, gleich in dem Haus dort. Sie haben mich bestimmt auch manchmal auf der Straße gesehen ..."
"Ja, ja ... Aber warum sind Sie den Sommer über hier? Warum sind Sie in den Ferien nicht weggefahren?"
"Wohin sollte ich fahren? Ich habe kerne Verwandten. Das heißt, in Pskow habe ich eine Tante, doch sie hat im April geheiratet, und ihr Häuschen ist sehr klein ... Aber im Sommer ist es in Leningrad gar nicht so schlecht. Gestern war ich wieder in der Ermitage, und morgen will ich ins Russische Museum gehen."
"Allein?"
"Ja. Was ist? Wenn Sie wollen, gehen wir zusammen."
"Morgen hab ich sehr viel zu tun, da kann ich nicht", schwindelte Juri.
Er hätte das Angebot sehr gern angenommen, doch er wußte, daß man ihn mit dem Rucksack in keine Gemäldegalerie lassen würde.
"Aber ich will übermorgen nach Mochowo fahren, Pilze sammeln. Möchten Sie nicht mitkommen?" Dieser Gedanke an Wald und Pilze war ihm ganz plötzlich gekommen.
"Ja", antwortete Tanja. "Ich gehe sehr gern in die Pilze. Und wo treffen wir uns?"
"Am besten hier, um sieben Uhr morgens."
Juri nahm nicht den Fahrstuhl, er rannte die fünf Stockwerke hoch, ohne die Last des Balls auf seinem Rücken zu spüren. Obwohl er Tanja erst in zwei Tagen wiedersehen würde, wollte er sich^ynverzüglich^ein menschenwürdiges Aussehen geben. Er rasierte sich sorgfältig und putzte seine Schuhe. Dann nahm er den unvermeidlichen Rucksack mit Konstantin und ging ins Bad, um dort sein Nylonhemd und seine Sok-ken zu waschen. Im Korridor lief ihm Wawik über den Weg.
"Juri, ich hab mich gestern wohl ein bißchen hinreißen lassen", sagte er leise. "Ich versichere Ihnen reinen Herzens: Ich werde Sie nicht anzeigen. Aber ich hoffe, auch Sie werden sich nicht über meine optischen Reisen in die Welt des Schönen verbreiten."
"Werd ich nicht", antwortete Juri kurz angebunden.
Wawik ging in sein Zimmer und trällerte:
"Nur Kamele tanzten früher Shimmy,
Botokuden liebten ihn, den Shimmy,
heute tanzt ihn schon die ganze Welt!"
Am nächsten Morgen baute sich Juri neben einem Kommis-sionsladen auf und verkaufte seinen Fotoapparat zu einem Schleuderpreis, er wollte nicht mit leeren Taschen über Land fahren.
Das Gespräch im Wald
Der Morgen des Rendezvous brach an, ein lichter und stiller Morgen. Als Juri in die Grünanlage kam, wartete Tanja dort schon auf ihn. Sie saß auf der Bank; als sie ihn erblickte, stand sie sofort auf und ging ihm entgegen. Sie trug ein einfaches graues Kleid und hatte eine Tasche bei sich, in der für alle Fälle ein Regenmantel lag.
"Na, in Ihr Täschchen gehen ja nicht viele Pilze", sagte Juri. "Dafür haben Sie einen großen Beutel", antwortete Tanja lächelnd. "Was ist da drin?" Sie hob den Rucksack, der aufJuris Schultern hing, leicht an. "Oi, warum ist er denn so schwer?"
"Da ist ein Nylonmantel drin, falls das Wetter umschlägt. Und außerdem noch ein Ball. Er ist sehr schwer. Ich trage ihn zum Training, damit mir später bei Touristenwanderungen das Gepäck nicht soviel ausmacht", antwortete Juri schlagfertig. Aber ihm war mit einem Schlag die Stimmung verdorben, und die ganze Fahn über — in der Straßenbahn und dann in der elektrischen Vorortbahn — antwortete er zerstreut auf Tanjas Fragen. Der Gedanke an Konstantins grenzenlose Macht über ihn ließ ihm keine Ruhe.
Aber noch mehr verfinsterte sich Juri, als sie in Mochowo ausstiegen und in den Wald gingen. Dieser Wald erinnerte ihn an jenen anderen. Auch hier querte ein mit Espengestrüpp zugewachsener Schützengraben ihren Weg, und an halbverfaulten Pfosten hing verrosteter Stacheldraht. Auch hier war Kiefernwald, dann kam eine kleine Erhebung, und dahinter tat sich eine Niederung auf. Und wieder braute sich ein Gewitter zusammen — wie damals. Diesmal prallten am Himmel mächtige Kampfkräfte aufeinander. Anfangs waren die Schläge kurz und leise. Aber bald griff schwere Himmelsartillerie ein — Granatwerfer aus der Reserve des Oberkommandos. Die Entscheidungsschlacht wurde ausgetragen. Der Himmel donnerte und flammte. Auch die Erde bekam etwas ab. Splitter pfiffen durch die Zweige, schlugen auf die Blätter ein. Es roch nach brennendem Torf. Juri und Tanja standen, in ihre Regenmäntel gehüllt, unter einer Birke und suchten Schutz vor dem Hagel.
"Sie haben kein Glück mit mir", sagte Juri düster. "Pilze haben wir bis jetzt noch keine gefunden, sind bloß wieder ins Gewitter gekommen. Haben Sie keine Angst?"
"Ein kleines bißchen, aber ich find's auch lustig", antwortete das Mädchen. "Doch warum haben Sie ,wieder' gesagt?"
"Ich hab mich versprochen. Für Sie ist es nicht — wieder, aber für mich. Ich verbinde eine schlechte Erinnerung mit einem Gewitter."
"Sie sind überhaupt sehr traurig. Als bedrückte Sie etwas."
"Soll ich Ihnen erzählen, was mich bedrückt? Bestimmt werden Sie mich danach verachten und nie mehr wiedersehen wollen — und Sie tun recht daran ... Aber ich habe niemanden auf der Welt, der mich anhört... Bitte, hören Sie mich an. Und dann bringe ich Sie zur Stadt zurück, und dort trennen wir uns für immer." Mit diesen Worten holte Juri Konstantin aus dem Rucksack. Der Ball blieb wie immer in der Luft hängen."Da ist er, sehen Sie? Was glauben Sie, ist es ein guter oder ein schlechter Ball?"
"Ja, ich sehe", sagte Tanja. "Aber ich glaube, er ist weder gut noch schlecht. Er ist entsetzlich fremd."
"Und ob er das ist! Das ist der AEASB. Der alldurchdringende exterritoriale außerirdische selbstgelenkte Ball. Ich habe ihn Konstantin getauft. Jetzt erzähle ich Ihnen, wie ich dazu gekommen bin ..."
In diesem Augenblick krachte ganz in der Nähe ein ohrenbetäubender Donnerschlag. Etwa hundert Meter von Tanja und Juri entfernt qualmte der Wipfel einer Tanne und stürzte zu Boden. Ein Windstoß trug harzigen Rauchgeruch herüber. Konstantin leuchtete rosa auf und wurde wieder dunkel. Er sonderte einen hellgrünen Lichtring ab, der breitete sich aus und stieg nach oben. Gleich darauf tat sich in den dunklen / Wolken ein rundes Loch von zirka einem halben Kilometer Durchmesser auf Die Sonne kam durch. Indes die Himmelsschlacht weitertobte, entstand über Juri und Tanja eine gewitterfreie neutrale Zone.
"Das ist Konstantins Werk, er schützt uns vor Blitzen", erklärte Juri. "Genauer gesagt, er schützt nur mich, andere Menschen kümmern ihn nicht. Aber nun hören Sie mir zu ..." Und er vertraute Tanja an, unter welchen Umständen sich der Ball an ihn gehängt hatte und wie er, Juri, nun unter der Macht des Balls leben mußte. Die Erzählung dauerte lange. Als Juri seinen traurigen Bericht beendete, ging auch die Himmelsschlacht zu Ende. Die eine kämpfende Seite hatte die andere niedergerungen, und im Himmel brach Frieden an. Im Wald wurde es still, nur Vogelgezwitscher war zu hören. Juri blickte Tanja an und sah, daß ihr Tränen übers Gesicht liefen.
"Warum weinen Sie?" fragte er. "Ich hätte dazu allen Grund."
"Sie tun mir so leid, darum muß ich weinen", antwortete das Mädchen. "Man muß irgendwas unternehmen, so kann doch kein Mensch leben."
"Was soll man da schon unternehmen", erwiderte Juri traurig-Er verstaute den Ball im Rucksack, legte den Regenmantel darüber und stapfte durch den schütteren Wald in Richtung Straße. Tanja ging hinter ihm, und auf einmal sagte sie: "Völlig klar, was man unternehmen muß. Man muß die Zentausend durch ehrliche Arbeit verdienen und dem Ball zurückgeben. Sie müssen das Geld in genauso eine Aktentasche legen und an die Stelle bringen, wo Sie sie gefunden haben. Dann wird der Ball Sie freigeben."
"Tanja, ich hab es von Anfang an so gesehen, daß ich mir dieses Geld beim Schicksal leihe. Aber wie soll ich jetzt diese Schuld begleichen?"
"Natürlich, so viel Geld zu sparen, das. ist bestimmt nicht leicht", sagte das Mädchen nachdenklich. "Aber ich werde Ihnen helfen. In einem Jahr bin ich mit dem Technikum fertig und werde nicht schlecht verdienen."
"Danke, Tanja ... Aber wie soll ich denn Geld verdienen? Ein Journalist ist nicht aus mir geworden. Ich hab eine Lehrerausbildung, aber ich kann doch keine pädagogische Arbeit aufnehmen, wie soll ich Menschen erziehen, wenn ich kein reines Gewissen habe! Und in die Produktion kann ich auch nicht gehen — was soll ich dort mit Konstantin machen? Der Pförtner wird mich anhalten und fragen: Zeig mal, was du da in deinem Rucksack hast."
"Juri, Sie müssen sich eine Arbeit suchen, wo es keinen Pförtner gibt."
"Ja, so werd ich's machen... Tanja, sind Sie nicht müde? Geben Sie mir Ihre Tasche."
"I wo, sie ist ja ganz leicht... Na gut, wenn Sie wollen — bitte. Und ich trage Ihren Rucksack."
"Aber er ist doch schwer... Na, probieren Sie's mal zum Spaß. Daß Sie aber nicht weiter als drei Schritte von mir weggehen. Sonst bricht Konstantin aus dem Rucksack aus."
Tanja hängte sich den Rucksack um und ging neben Juri.
Plötzlich rief sie: "Da, ich sehe einen Pilz! Na endlich! Eine Rotkappe!" Und sie rannte auf den Pilz zu. Bis dahin waren es etwa sieben Schritte.
"Vorsichtig, Tanja!" mahnte Juri. "Der Ball wird gleich ..." Aber der Ball blieb im Rucksack. Das Mädchen ging fünf, sechs, acht Schritte — der Ball blieb im Rucksack.
"Tanja, Sie haben ihn dressiert!" rief Juri. "Er hat sich nicht losgerissen! Machen wir noch einen Versuch. Nehmen Sie den Rucksack ab, legen Sie ihn auf den Boden und kommen Sie zu mir."
Sie legte den Rucksack ins Moos und ging auf Juri zu. Aber kaum machte sie den vierten Schritt, schoß der Ball aus dem Rucksack und hing im nächsten Augenblick neben ihr in der Luft, dann flog er zu Juri. Der seufzte betrübt.
"Seien Sie nicht traurig", sagte Tanja. "Wenn wir wieder in der Stadt sind, setze ich einen Flicken auf Ihren Rucksack, und bis dahin tragen wir den Ball in meiner Tasche."
"Mich betrübt etwas anderes. Ich hatte plötzlich gehofft, daß ich Konstantin hier im Wald lassen kann, daß ich ihn endlich los bin. Aber es ist noch viel schlimmer geworden: Nicht nur, daß ich ihn nicht losgeworden bin, jetzt hängt er sich auch noch an Sie. Sieht so aus, als wären wir beide für Konstantin zwei Stiefel eines Paares."
"Was soll's, da werden Sie es von nun an leichter haben", sagte das Mädchen ruhig.
"Und Sie dafür schwerer. Haben Sie-keine Angst davor?" "Nein, ich bin froh, daß ich Ihnen helfen kann. Und wissen Sie, ich wohne doch vorläufig allein im Wohnheim. Da kann ich den Ball für ein paar Tage zu mir nehmen, damit Sie sich ein bißchen von ihm erholen. Niemand wird etwas erfahren." "Danke, Tanja. Aber ich möchte Ihnen einen Rat geben:
Bitte, ziehen Sie abends die Vorhänge zu. In unserm Haus gibt's nämlich einen, der gern in fremde Fenster guckt. Er hat alle möglichen optischen Geräte."
"Danke, Juri, daß Sie mir das sagen. Ich war nie auf den Ge-danken gekommen, daß uns jemand beobachten könnte. Aber wir haben Mullvorhänge; es sieht nur so aus, als wären sie undurchsichtig. Übrigens ziehen wir bald in ein neues Gebäude um. Das Haus hier wird dem Trust "Nordwestfrachttrans" übergeben. Es wird ein Männerwohnheim;"
In die Stadt zurückgekehrt, begleitete Juri das Mädchen bis zum Wohnheim, ging nach Hause und schlief zum erstenmal seit vielen Tagen ohne Ball ein. Aber er schlief nicht sofort ein. Zwar war Konstantin nicht bei ihm, aber das Bewußtsein, daß der real existierte und sich zur Zeit bei Tanja aufhielt, machte ihn auch nicht grade froh. Ich hätte ihr nicht diese Belastung aufbürden sollen, dachte Juri. Morgen hole ich den Ball zurück.
Am Morgen wurde höflich an die Tür geklopft. Wawik kam herein.
"Wo ist denn der liebe Ball?" fragte er zartfühlend. "Ich habe wahnsinnige Sehnsucht nach unserem gemeinsamen runden Freund. Juri, könnten Sie mir nicht etwas behilflich sein, den Kauf jenes optischen Geräts zu beschleunigen, von dem ..."
"Wawilon Viktorowitsch, die Mädchen ziehen bald in ein neues Wohnheim. Und in dem hier werden Baggerführer und Bauschlosser wohnen ..."
"Welch entsetzliche Neuigkeit! Die Welt des Schönen geht zugrunde!" Und der arme Alte verließ mit gesenktem Kopf und feuchten Augen das Zimmer.
Bald darauf ertönte ein zaghaftes Klingeln. Juri öffnete die Wohnungstür, und in den Flur trat Tanja. In der Hand hielt sie die schwere Tasche mit dem Ball.
"Juri, Sie wundern sich wohl, daß ich zu Ihnen komme?"
"Ich freue mich", antwortete er leise.
Im Zimmer ließ Tanja sofort den Ball aus der Tasche, und dieser nahm seinen gewohnten Platz drei Schritt von Juri ent-.fernt ein.
"Geben Sie mir Ihren Rucksack, ich bessere ihn aus", sagte das Mädchen. "Und hier haben Sie zwei Rubel. Der Ball hat sie mir vor zehn Minuten überreicht. Und gleich daraufhat er mit seinem blauen Strahl Ihren Namen und die Adresse an die Wand geschrieben. Noch bevor die Schrift erloschen war, habe ich mich zu Ihnen auf den Weg gemacht."
"Danke, liebe Tanja! Schön, daß Sie gekommen sind, und schön, daß Sie Konstantin mitgebracht haben. Er muß nun mal bei mir sein, denn auf die Zehntausend war ich erpicht und nicht Sie."
"Juri, aber wenn Sie unbedingt mal ohne Ball sein müssen, dann geben Sie ihn vorübergehend mir. Versprechen Sie mir das?"
"Ich versprech's."
Am selben Tag noch schrieb sich Juri in einen Kurzlehrgang für Kesselheizer ein, er bekam ein Stipendium, und Konstantin stellte sofort die Zahlung der täglichen zwei Rubel ein. Dieser Übergang zur wirtschaftlichen Rechnungsführung freute Juri und Tanja. Nach Abschluß des Kurses begann Juri im Heizungskeller eines Wohnhauses zu arbeiten. Und in seiner Freizeit fuhr er zum Umschlagbahnhof Leningrad-Nawalotsch-naja, wo er Güterwagen belud. Im Kesselhaus trug er stets seinen Rucksack auf den Schultern und erzählte allen, das sei zum Training, denn er bereite sich auf eine Touristenwanderung vor. Wenn er jedoch zu den Verladearbeiten ging, ließ er Konstantin häufig in Tanjas Obhut. Richtiger, Tanja saß zu Hause unter Konstantins Aufsicht.
Ein halbes Jahr nach der denkwürdigen Fahrt nach Mocho-wo heirateten die jungen Leute, und Tanja zog zu Juri. Die Hochzeit feierten sie in aller Bescheidenheit, es gab Gebäck, aber keinen Schnaps. Gäste hatten sie nicht eingeladen. Nur ein ungeladener Gast — der unvermeidliche Konstantin — nahm an diesem alkoholfreien Hochzeitsgelage teil.
Der Ball verschwindet
Seit dem Hochzeitstag waren ein Jahr und einige Monate vergangen. Juri und Tanja lebten sehr einträchtig, aber es wäre falsch, zu sagen, daß sie glücklich waren, denn die ständige Anwesenheit Konstantins drückte schwer auf ihr Gemüt. Der Ball war der gleiche geblieben: dunkel, kalt, allmächtig und allwissend. Sich an ihn zu gewöhnen war unmöglich, so wie man sich unmöglich daran gewöhnen kann, mit einer Atombombe in einem Zimmer zu wohnen.
Obwohl die Eheleute durchaus nicht schlecht verdienten (Tanja hatte inzwischen das Technikum abgeschlossen und arbeitete auch), lebten sie äußerst bescheiden, versagten sich alles. Die Arbeitskollegen und die Mieter der Gemeinschaftswohnung hielten sie für geizig und habgierig. Aber Juri und Tanja konnten keinem Außenstehenden erzählen, warum sie so sparsam lebten. Denn das war ihr Geheimnis. Sie sparten, um Konstantin die Zehntausend zurückzuzahlen und sich von seiner unverfrorenen Anwesenlieit zu befreien.
Die Arbeitskollegen hielten die beiden jungen Leute nicht nur für Geizhälse, sondern auch für unsympathische, verschlossene, ungesellige Geschöpfe, die sich in ihre enge kleine Welt eingekapselt hatten. Und das war nicht verwunderlich, die Jungverheirateten luden niemanden zu sich nach Hause ein, besuchten selbst niemanden, beteiligten sich nie an Touristenwanderungen und hielten sich überhaupt von ihren Mitmenschen fern. Die Leute wußten nicht und konnten nicht wissen, daß sich Tanjas und Juris Ungeselligkeit durchaus nicht aus schlechten Charaktereigenschaften erklärte, sondern aus dem Wunsch, Konstantins Existenz geheimzuhalten. Die Leute wußten nicht, daß Juri und Tanja selber sehr unter der aufgezwungenen Zurückgezogenheit litten. Dieses Einsiedlerleben machte besonders Tanja schwer zu schaffen, denn sie war von Natur fröhlich und umgänglich. Aber sie trug die Last dieses Geheimnisses, weil sie Juri liebte. Das Geheimnis blieb ein Geheimnis.
Dieses geschah am 12. Januar.
Juri ging nach der Nachtschicht nach Hause. Unfrohe Gedanken beherrschten ihn an diesem Wintermorgen. Er dachte darüber nach, daß er und Tanja erst eintausendeinhundert-fünfzig Rubel auf dem Sparbuch hatten. Das war natürlich eine hübsche Summe, aber um sich von Konstantin freizukaufen, mußten sie zehntausend sparen. Wie viele entbehrungsvolle Jahre standen ihnen noch bevor? Freilich würde mit der Zeit das Sparen schneller gehen, denn ihr Gehalt würde sich erhöhen, aber trotzdem ... Sich selber bedauerte Juri nicht weiter, aber Tanja tat ihm leid. Sie ging in abgetragenen Kleidern, ihr blauer Wollpullover war völlig ausgeblichen und an den Ellbogen durchgewetzt und ihr Mantel längst aus der Mode. Während ihres ganzen gemeinsamen Lebens waren sie nur dreimal im Kino gewesen, von Theater konnte überhaupt nicht die Rede sein. Zwar beklagte sich Tanja mit keinem Wort, aber er wußte, daß es für sie nicht leicht war. So ging die Jugend dahin.
Juri stapfte quer durch die verschneite Grünanlage auf sein Haus zu, da sah er in seinem Fenster Licht. Das beunruhigte ihn. Denn Tanja mußte um diese Zeit schon zur Arbeit gegangen sein. War sie etwa krank? Er ging schneller, dann rannte er. Da war die Haustür. Der Fahrstuhl... Wie langsam er hochfuhr!
Als Juri ins Zimmer trat, saß Tanja mit gesenktem Kopf am Tisch. Sie hatte verweinte Augen. Vor ihr lag ein Brief. Juri nahm wie gewohnt den Rucksack ab und ließ Konstantin heraus. Der blieb wie gewöhnlich in der Luft hängen.
"Tanja, was hast du? Bist du krank?"
"Nein. Aber ich habe auf dich gewartet. Da, lies das. Von Tante Warja aus Pskow." Sie streckte Juri ein Blatt Papier hin, das mit großer Schrift beschrieben war.
"Tanja, sag schon, was passiert ist."
"Tante Warjas Haus ist abgebrannt, mit all ihrer Habe. Sie wohnt schon eine Woche bei Nachbarn, in irgendeiner Durchgangskammer ... Und ihr Mann ist auf der Stelle zu seiner früheren Frau zurückgekehrt. Tante Warja ist jetzt ganz allein. Sie tut mir so leid, sie hat mich doch aufgezogen, ohne an sich zu denken ... Verstehst du, sie bittet mich, ihr tausend Rubel zu leihen. Aber ich weiß, daß sie es nicht zurückgeben kann."
"Und ihre Kollegen, werden die ihr denn nicht helfen?"
"Natürlich werden sie ihr helfen. Sie haben ihr schon ein Darlehen gegeben. Aber es ist doch alles verbrannt, das Häuschen und alles, alles ... Und sie hatte nichts versichert..."
Juri steckte sich eine "Pamir" an und begann im Zimmer auf und ab zu wandern — vom Fenster zur Tür und zurück. Der Ball folgte ihm. Dann setzte sich Juri aufs Bett, sog gierig den Zigarettenrauch ein und betrachtete ein paar Minuten lang Konstantin, der drei Schritt von ihm entfernt in Augenhöhe hing. Dann richtete er den Blick auf Tanja; sie saß immer noch am Tisch, in ihrem fadenscheinigen einstmals blauen Pullover, der jetzt Gott weiß was für eine Farbe hatte. Dann stand er auf, steckte sich eine zweite Zigarette an und sagte: "Tanja, geh jetzt zur Arbeit, sonst rechnen sie dir's als Arbeitsbummelei an. Und ich leg mich bis elf aufs Ohr."
"Warum bis elf?" fragte Tanja verwirrt.
"Weil die Sparkasse erst um elf aufmacht. Und dann geh ich zur Post. Wie soll ich's schicken: per Postanweisung oder telegrafisch?"
"Telegrafisch ... Danke, Juri. Ich hab auch nichts anderes von dir erwartet... Aber jetzt müssen wir wieder von vorn anfangen. Wirst du es durchhalten?"
"Mit dir-ja!"
In diesem Moment entstand um Konstantin ein sich leise drehender Ring. Daraus kam ein blauer Strahl, der über die Wand glitt. Er hinterließ dort die deutlichen, allmählich wieder verlöschenden Worte:
Ich reise ab, nachdem ich mich von den wertvollen seelischen Eigenschaften eines gewöhnlichen Erdenbewohners überzeugt habe. Von nun an wird die Erde in die Liste der Planeten aufgenommen, mit denen freundschaftlicher Kontakt möglich ist. Danke für die Aufmerksamkeit.
Dann stieg der Ball auf, näherte sich dem Fenster und fuhr zwei schwarze Schienen aus. Sie reckten sich zur Lüftungsklappe, und einen Moment später war der Ball draußen. Der AEASB entfernte sich, erst sehr langsam, dann immer schneller und schneller vom Fenster, vom Haus, von der Straße, von der Stadt, von der Erde. Eine Weile war noch eine leuchtende Spur zu sehen, sie lag über der Grünanlage, über den fernen Dächern und stieg schräg zum Himmel auf, zu den Sternen.
Bald verflüchtigte sich auch die Spur.