Die Erste Jagd


Die Erste Jagd
von Witaly Bianki

Hündchen hatte schreckliche Langeweile.
Den ganzen Tag war es den Hühnern auf dem Hofe nachgejagt.
Nun lag es in der Ecke und dachte:
Ich möchte doch gern einmal Jagd auf wilde Tiere machen.
Gedacht — getan.
Flink huschte es aus dem Tor ins Freie und sprang durch die Wiesen.
Da erblickten es die Vögel, die Insekten und die anderen Tiere.

Die Rohrdommel sagte: „Ich will es an der Nase herumführen!"
Der Wiedehopf antwortete: „Ich will es in Erstaunen versetzen!"
Und der Wendehals zischte: „Ich will ihm einen ordentlichen Schreck einjagen!"
Die Eidechse überlegte: „Ich werde ihm schnell entwischen!"
Raupen, Schmetterlinge und Grashüpfer riefen: „Wir werden uns einfach vor ihm verstecken!" „Und ich werde es fortjagen!" brummte ein dicker Käfer.

„Wir werden uns schon vor ihm schützen können!" riefen alle zusammen.
Indessen ist unser Hündchen bis zum See hinuntergelaufen. Da erblickt es eine Rohrdommel. Sie steht am Schilf auf einem Bein im Wasser.
Die will ich mir gleich fangen, denkt Hündchen und will ihr mit einem Satz auf den Rücken springen.

Doch die Rohrdommel blickt es kurz an und stolziert gemächlich ins Schilf. Übers Wasser streicht ein sanfter Wind. Das Schilf flüstert und raschelt, es wiegt sich hin und her und hin und her ... Hündchen guckt und guckt . . . Doch es sieht nur gelbe und braune Streifen dicht vor seinen Augen, sie schaukeln hin und her und hin und her . . .
Und die Rohrdommel steht im Schilf, hat sich lang ausgestreckt und ist ganz versteckt in den gelben und braunen Streifen. Sie steht da und wiegt sich auch immer hin und her und hin und her . . .
Hündchen späht und sucht, doch die Rohrdommel sieht es nicht. Nun, dann hat mich der dumme Vogel betrogen, denkt es. Ich werde doch nicht ins leere Schilf springen ! Ich kann ja auch einen andern Vogel jagen.

Es klettert auf einen kleinen Hügel.
Als es oben angelangt ist, schaut es sich um und erblickt etwas tiefer einen Wiedehopf. Er ist gerade mit seinem bunten Kopfputz beschäftigt. Er spreizt ihn auseinander, legt ihn zusammen, klappt ihn wieder auseinander und legt ihn wieder zusammen.

Ich springe am besten gleich von hier oben auf ihn los, denkt sich unser kleiner Hund.

Doch der Wiedehopf schmiegt sich auf einmal ganz dicht an die Erde, er breitet seine Flügel aus, offnet den Schwanz und hebt den Schnabel.
Hündchen ist sprachlos.
Plötzlich ist der Vogel verschwunden, und statt dessen liegt auf der Erde ein buntes Tuch, aus dem eine krumme Nadel herausragt. Es wundert sich: Wo ist denn nur der Wiedehopf geblieben? Habe ich wirklich dieses bunte Tuch für einen Wiedehopf gehalten ? Na, jetzt wird es aber Zeit, daß ich mir wenigstens einen kleinen Vogel fange!

Auf einem Baumstumpf sieht es einen kleinen Wendehals sitzen. Es schleicht sich näher, doch der Kleine ist schon in die Baumhöhle gehuscht.
Paß nur auf, denkt unser Hündchen, gleich hab ich dich! Es stellt sich auf die Hinterpfötchen, lugt in die Höhle . . . doch — o weh! Darinnen windet sich eine kleine schwarze Schlange und zischt ganz fürchterlich!

Hündchen ist starr vor Schreck. Ihm sträubt sich das Fell, und voller Entsetzen nimmt es Reißaus.
Da ertönt schon wieder das böse Zischen. Der Wendehals steckt den Kopf aus seiner Hohle und schimpft. Dabei verdreht er seinen Hals so, daß sich auf seinem Rucken ein dicker Streifen schwarzer Federn entlangschlängelt.

,,Uff, hat der mir aber einen Schreck eingejagt! Kaum, daß mich meine Beine noch wegtragen konnten! Nein, auf Vögel mache ich keine Jagd mehr, ich will lieber eine Eidechse fangen."
Die Eidechse liegt auf einem Stein und sonnt sich. Die Augen hat sie geschlossen.
Vorsichtig pirscht sich unser Hündchen heran.

Ein Satz! — Da hat er sie am Schwanz gepackt. Doch die Eidechse windet sich hin und her, und plötzlich — husch! ist sie unter einem Stein verschwunden! Nur ihren Schwanz hält Hündchen noch in seinen Pfoten.
Wütend beginnt es zu knurren. Es wirft den Schwanz fort und will ihr nachjagen.
Doch wo ist sie geblieben? Unter dem großen Stein sitzt sie, und ihr neuer Schwanz beginnt schon zu wachsen.

„Wenn die Eidechse mir ausreißt, fange ich eben Schmetterlinge!"
Hündchen blickt sich um.
Da krabbeln Kafer auf der Erde, im Grase springen die Grashüpfer, an den Zweigen kriechen Raupen, und in der Luft flattern Schmetterlinge.
Hündchen macht einen Satz und will sie greifen. — Doch da ist auf einmal alles verschwunden, wie auf einem Zauberbild. Alles ist da und ist doch nicht zu sehen: Alle Tiere haben sich flink versteckt.

Die grünen Grashüpfer haben sich ins Gras geduckt.
Die Raupen haben sich auf den Ästen aufgereckt und stehen da wie tot. Man kann sie von den Ästen gar nicht mehr unterscheiden.
Die Schmetterlinge haben sich auf den Bäumen niedergelassen und ihre Flügel zusammengeklappt. Es ist überhaupt nicht zu erkennen, was Borke ist, was Blätter und was Schmetterlinge sind.

Nur ein kleiner, dicker Kafer spaziert ruhig auf dem Wege entlang und versteckt sich nicht.
Hündchen schleicht sich an ihn heran und will ihn packen. Da bleibt der Kafer stehen, und plötzlich spritzt unserem Kleinen ein scharfer, beißender Strahl mitten auf die Nase! Hündchen winselt laut auf, zieht den Schwanz ein und dreht sich um.

Und dann geht es heidi! erst über die Wiesen und dann durch das Tor ...
Erst als es wieder in seiner Hütte sitzt, fühlt es sich sicher. Ganz tief verkriecht es sich und fürchtet sich sogar, die Nase hinauszus;tecken.
Und die Vögel und Insekten und all die anderen Tiere gehen nun wieder ihrem Tagewerk nach.


Ende