![]() | ![]() | ![]() |
OLGA LARIONOWA NOTLANDUNG AUF DEM TSCHOMPOT Ωελκσνχθκ Aus dem Russischen von Reinchard Fisher © Der Flug begann einfach und alltäglich wie übrigens die meisten Flüge der Großen Kosmosflotte, bei denen es Havarien, unvorhersehbare Ereignisse und gefährliche Situationen gegeben hatte. Eigentlich bestand seine ganze Vorgeschichte aus dem üblichen Geknurre von Polubojarinow. Ihm mißfielen Anfänger, er mochte keine Wunderkinder, und die Jugend konnte von ihm nichts erwarten. Das war eben sein schwacher Punkt, der von niemandem bemerkt worden wäre, hätte ihn Polubojarinow nicht selbst bei jeder Gelegenheit zur Schau gestellt. So auch diesmal: Der Stützpunkt auf dem Planeten Ter-Dekanosow sollte stillgelegt werden, die Aufgabe war einfach, man mußte lediglich die Expedition und einen Teil der Ausrüstung zurückholen. Polubojarinow machte eine sehr saure Miene, als er die Beförderung Sergej Tarumows zum Raumschiffkommandanten unterschrieb. Für die Beförderung sprach vieles, vor allem Tarumow galt seit langem als einer der besten Gehilfen des Kommandanten. Das hatte er auf mehreren Raumschiffen gezeigt. Man sagte von ihm, er habe den sechsten Sinn. Tarumow war immer dann zur Stelle, wenn es irgendwo brannte. Hielt er sich nach seiner Wache aus irgendeinem Grunde noch in der Kommandozentrale auf, konnte man auf einen Meteoritensturm, einen Neutrinowirbel oder ein Hyperraumloch gefaßt sein. Aber dem mürrischen Polubojarinow genügte das nicht. Er ist zu jung für den Kommandosessel, brummte er, allerdings ohne Nachdruck. Vielleicht nicht nur zu jung, sondern überhaupt ungeeignet. Tarumow ist der geborene zweite Mann. Das stellt sich erst bei einem selbständigen Flug heraus, wandte Fevrier ein. Fevrier, ein alter Chefpilot, kannte Tarumow nur vom Erzählen, Polubojarinows mißtrauischer Charakter war ihm hingegen wohlvertraut. Der Flug zum Planeten Ter-Dekanosow war nicht schwierig erholsame Routine und drei Sprünge durch den Hyperraum , gerade das Richtige, um einen Anfänger zu prüfen. Passieren kann immer etwas! Kommandanten gibt es bei der Kosmosflotte wie Sand am Meer, doch echte Kommandanten ... Gut, sagte Polubojarinow. Tarumow kriegt den ,Nußknacker', damit er sich nicht beklagen kann, er müßte sein Leben lang nur die rechte Hand eines Kommandanten sein. Und Jetzt zu dir, Dan. Du denkst ernsthaft über meinen Vorschlag nach,ja? Ja, ja, wehrte Fevrier ab. Wenn ich Zeit dazu habe. Meinst du, es ist erstrebenswert, hier bei dir in der Verwaltung zu sitzen? Dir kann keiner etwas recht machen. So bekam Tarumow sein Raumschiff, und mit gedämpfter' Begeisterung, wie es sich beim ersten selbständigen Flug geziemte, startete er zum Planeten Ter-Dekanosow, oder zur Deka, wie man gewöhnlich sagte. Dort hielt sich der Nußknacker nicht lange auf. Die Expedition hatte zweifelsfrei bewiesen, daß es auf der Deka nichts auszubeuten gab, und alle waren es einfach leid, auf einem Wüstenstern herumzuhocken. Bei der Ankunft des Raumschiffs waren sämtliche Container bereits sorgfältig gepackt, sie mußten nur noch an Bord gebracht werden. Tarumow hatte schon mehrere Expeditionen kennengelernt, die einen Planeten erschließen wollten und ihre Arbeit aufgeben mußten. Gewöhnlich konnte er an einer solchen Gruppe die ganze Spannweite natürlicher menschlicher Erregung studieren von beherrschter Enttäuschung bis zu völlig ungezügelter Gereiztheit, die in Wut überging. Kein Wunder niemand wußte besser als diese Forschungspioniere, was solche mißlungenen Expeditionen kosteten! Doch hier sah Tarumow nichts dergleichen. Er beobachtete, wie eingespielt und überlegt die Gruppe arbeitete, und kam immer mehr zur Überzeugung, daß der Grund für diese Gelassenheit Lora Zmuidziniatiene war, die Leiterin der Expedition eine füllige kleine Blondine von etwa fünfundvierzig Jahren,. bei der sich unbezähmbare Lebenskraft mit einer merkwürdig sanften und zarten Stimme paarte. Und Tarumow, mit Shakespeare völlig einer Meinung, daß eine solche Stimme bei einer Frau ein köstlich Ding ist, wurde unmerklich von Loras Reizen angezogen. In den letzten Jahrzehnten hatte die Zahl der Frauen im Kosmos beträchtlich abgenommen, und der frischgebackene Kommandant hatte vor dem Flug nicht einmal darüber nachgedacht, wer der Expeditionsleiter mit dem unaussprechlichen Familiennamen Zmuidziniatiene sein könnte. Sie streckte ihm ihre pummlige Hand entgegen und sagte einfach: Lora. Bei den wenigen gemeinsamen Mahlzeiten, wenn alle trotz des Trubels vor dem Start im Speiseraum zusammensaßen, beneidete Tarumow seinen Chefpiloten. Fevrier konnte Lora von der Höhe seiner sieben Jahrzehnte ungezwungen mit Vornamen ansprechen. Dem jungen Tarumow indessen, mit seinen knapp vierunddreißig Jahren, war das irgendwie peinlich, er schwieg steif und gab ein Musterbeispiel an Sturheit in Kommandantenuniform ab. Dieses ungeschickte, verkrampfte Verhalten war wohl Tarumows erster Fehler und die Voraussetzung für alle folgenden Fehlschläge. Ein Mensch irrt eher, wenn er mit sich selbst unzufrieden ist. Anfangs lief alles ausgezeichnet. Nach fünfzig Stunden hatte sich der Nußknacker so weit von der Deka entfernt, daß ihr Gravitationsfeld für den Übergang in den Hyperraum nicht mehr gefährlich war. Die Praxis-hatte gezeigt: Befand sich beim Sprung in den Hyperraum auch nur die geringste Masse in der Nähe des Raumschiffs, so tauchte es nicht beim vorausberechneten Punkt auf, sondern irgendwo in einer anderen Galaxis. Wie in vergangenen Jahrhunderten die Gravitation, benutzte man den Hyperraum, obwohl man darüber nur verschwommene Vorstellungen besaß. Und das rächte sich oft. So erging es auch dem Nußknacker er tauchte an einem anderen Ort auf, allerdings in einem Gebiet, wo er gerade noch die Signale einer automatischen Kontrollboje empfangen und orten konnte. Danach konnte man sich beim nächsten Sprung richten. Doch vorher mußte der Hyperraumumwandler des Raumschiffs überprüft werden. Tarumow und seine Mechaniker plackten sich drei Tage lang, ohne einen Defekt zu finden. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als das falsche Auftauchen dem Zufall zuzuschreiben und den Flug fortzusetzen. Aber da wurde Tarumow unsicher. Erst beriet er sich mit Fevrier, der jedoch zu vorsichtig war, um sich festzulegen, und ihn geradewegs an die Basis verwies. Eine Anfrage bei der Basis auf der Erde war der beste Weg, sich jeglicher eigenen Verantwortung zu entledigen und seine Hände in Unschuld zu waschen, falls etwas geschähe. Dort konnte Tarumow auch den besten Rat bekommen, denn die Frage des jungen Kommandanten würde von einem Kollektiv erfahrener Raumfahrer beantwortet werden. Die Basis hielt das fehlerhafte Auftauchen ebenfalls für einen Zufall, schließlich kam so etwas vor. Später, als Tarumow alle Etappen dieses Fluges überdachte, zweifelte er nichfdaran, daß er allein anders entschieden hätte. Nach dem mißglückten Sprung hätte er den Nußknacker driften lassen und ruhig abgewartet, bis ein Havarieschiff gekommen wäre, um ihn abzuschleppen, ungeachtet der Schmach für ihn, den jungen Kommandanten, wenn sich das als grundlos herausgestellt hätte. Trotz sorgfältigster Vorbereitung war der zweite Sprung mehr als mißlungen, mehrere ungünstige Umstände kamen zusammen. Der Nußknacker wurde ins System der Proginona verschlagen, eines rötlichen Sterns mit drei elenden Planeten, in einem der gefährlichsten Winkel der Galaxis. Das Gebiet war berüchtigt wegen seiner vielen Kometen, es erinnerte an die Küste des Schwarzen Meeres an einem Augustmorgen, wenn die Gallertklumpen der vielen Quallen das Wasser, trüben. Eigentlich können Kometen einem Raumschiff, das driftet oder mit interplanetarer Geschwindigkeit fliegt, nicht gefährlich werden. Die automatische Steuerung verändert bei Gefahr sofort den Kurs oder gibt das Signal, rechtzeitig in den Hyperraum auszuweichen. Ein modernes Raumschiff muß nur dann einen Kometen fürchten, wenn er sich gerade an dem Punkt befindet, wo das Raumschiff aus dem Hyperraum auftaucht oder erscheint, wie man zu sagen pflegt. Im Sonnensystem ist die Wahrscheinlichkeit eines solchen Zusammentreffens praktisch gleich Null, aber in solchen Winkeln des Kosmos wie bei der Proginona ist alles möglich. Und gerade das widerfuhr dem Nußknacker. Im ersten Moment gab es einfach einen Ruck, als hätte das Raumschiff samt seiner Ladung den Schluckauf bekommen. Alle schnallten sich an, falls weitere Stöße folgen sollten. Vorerst ähnelte das eher einem Probealarm als einer Katastrophe. Aber das Wort Komet war bereits in aller Munde, und jeder wußte, daß der Computer schon die Masse der Kometenmaterie berechnete, die sich an der Stelle befunden hatte, wo das Raumschiff erschienen war, und die jetzt im Raumschiff steckte. Auf dem Computerbildschirm in der Kommandozentrale leuchteten die ersten Zahlen auf, und bald heulten überall die Sirenen ein hoher Schwellton, der Gefahr höchsten Grades anzeigte, tödliche Gefahr. Innerhalb des Raumschiffs befanden sich vier Gramm Wasser fremder Herkunft! Hatte der Nußknacker Glück, waren diese unheilvollen vier Gramm irgendwo in den Laderäumen dann würden sie spurlos und ohne Folgen für das Raumschiff verdunsten. Doch es konnte schlimmer ausgehen äußerst selten, immerhin, es war vorgekommen. Die Teilchen der fremden Materie konnten im Körper des Raumschiffs, in seinen Maschinen und Mechanismen stecken. Dann würde selbst ein einziges Molekül, das sich zwischen den Titanatomen der Schutzschicht befände, die sogenannte Hyperraumresonanz bewirken und die superharte Legierung auftrennen. Ein einziges Molekül! Der Nußknacker hatte eine ziemlich große Menge Eisstaub eingefangen möglicherweise nicht in Molekülen verteilt, sondern in Form von winzigen Kristallen , und nun konnte er Löcher haben wie ein Schweizer Käse. Wenn die Triebwerke eingeschaltet wurden, konnte das Raumschiffplatzen wie ein Ei, das man in kochendes Wasser legt. Doch die. Triebwerke mußten eingeschaltet werden, und möglichst bald, schließlich durfte man nicht ewig auf dem Nacken des Kometen sitzen die Generatoren des Schutzfeldes liefen sowieso auf Hochtouren. Der Nußknacker hätte zwar in den Hyperraum tauchen können, aber bei dem starken Gravitationsfeld der Proginona, noch dazu mit einem defekten Umwandler, wäre er möglicherweise in einem völlig unerforschten Gebiet des Weltalls aufgekreuzt. Keine Signalbojen, keine anderen Orientierungspunkte. Wie sollte man dann zur Erde zurückfinden? Die Basis zu fragen war keine Zeit die Schutzgeneratoren hatten sich auf die höchste Stufe geschaltet, und mehrere Stunden würden sie einfach nicht durchhalten. So lange brauchten jedoch Signale zur Erde. Diesmal zögerte Fevrier nicht, als ihn Tarumow um Rat bat. Er rief Lora und Wobbegong, den Gehilfen des Kommandanten, in die Zentrale. Da saß sie nun im Kommandosessel mitten im Raum, und die drei Männer vor ihr sahen aus wie Studenten beim Examen. Sie hatte schon alle Möglichkeiten angehört und blickte nun abwartend auf Tarumow er mußte entscheiden, letztendlich. Soweit ich begriffen habe, sagte sie mit gurrender Stimme, kommen wir entweder gleich um oder dehnen dieses Vergnügen auf einige Jahre aus, und zwar in einem unbekannten Winkel des Weltraums. Nicht wahr? Sie streckte hilflos ihre fleischigen Arme aus. Und diese Frau ist die Chefin von dreißig Männern! dachte Tarumow verzweifelt. Seit er Lora kennengelernt hatte, beneidete er sie um ihre Überlegenheit, aber nie war sein Neid so stark wie in diesem Augenblick. Fevrier blickte die beiden von der Seite an: Die tüchtige Lora, die kluge Lora, sie unterhält sich so ungezwungen, so vertraut mit diesem Grünschnabel, als ob das ganze Problem nicht der Rede wert sei. Sie hüllt diesen Einfaltspinsel einfach in den Mantel ihrer Ruhe ein. Dabei kennt sie ihn gar nicht. Niemand hat ihr gesagt, daß er der geborene zweite Mann ist, unfähig zu selbständigen Entscheidungen. Sie hat das selbst erkannt. Und die Hauptsache sie denkt jetzt am allerwenigsten daran, was der Kommandant für eine Entscheidung treffen wird. Sie hat schon erfaßt, daß das Risiko fünfzig zu fünfzig steht. Ihr geht es darum, daß sich Tarumow nicht seines ersten Fluges schämen muß, wenn er den dritten, vierten, zehnten unternimmt... Nun ja, schloß Lora, die eine Lösung ist nicht das Ei des Kolumbus, und die andere ist auch nicht besser. Warum nehmen wir nicht von jeder die Hälfte? Na? Sie schüttelte den Kopf, daß ihre pechschwarzen Löckchen flatterten. Der Reiz dieser nicht mehr jungen Frau lag auch darin, daß manches nicht zueinander passen wollte ... Endlich sagte Tarumow etwas. Wobbegong, wandte er sich an seinen Gehilfen, wir versuchen, von dem Kometen herunterzukommen, und zwar mit der geringsten Beschleunigung. Kurs? fragte Fevrier. Neunzig Grad steuerbord. Fevrier trat zum Computer, um den Kurs zu berechnen. Tarumow drückte am Hauptpult auf mehrere Knöpfe, die Luken der Laderäume schlugen zu, Signale surrten, jemand kam in die Zentrale gerannt und verschwand gleich wieder ... Die übliche Aufregung vor dem Start. Und Lora, die das ruhig und sogar etwas unbeteiligt vom Kommandosessel aus beobachtete. Dabei bemühten sie sich ihretwegen. Tarumow gab waghalsige Befehle, Wobbegong stampfte mit den Absätzen. Vielstimmig klangen Signale durch die Räume wie bei einem Sinfonieorchester, wahrlich. Sie veranstalteten ein großes Paradekonzert. Die Jungchen. Fevrier drückte auf einen Knopf, und aus der Wand schob sich ein Sessel. Der Chefpilot setzte sich und schnallte sich an. Tarumow und Wobbegong taten das gleiche. Lora merkte .plötzlich, daß sie die ganze Zeit auf dem Kommandosessel gesessen hatte. Außerdem erwarteten alle etwas von ihr. Ja, die Gurte ... Sie griff nach den Sicherheitsgurten und schloß die Schnalle. Triebwerke an! befahl Tarumow. Die Triebwerke eines Raumschiffs besitzen gewaltige Kräfte. Das Vibrieren ist anfangs kaum zu spüren, man errät es nur, weil man es erwartet, manchmal gerät ein Lämpchen in Resonanzschwingungen und beginnt leise zu surren. Aber dann lädt sich der gewaltige Rumpf mit Spannung auf, und ein starkes, kaum zu bändigendes Zittern erfaßt den riesigen Körper, als ob ein Tier aus aller Kraft fortrennt, bis es auf ein unsichtbares Hindernis stößt, und jetzt liegt es unbeweglich da, doch es atmet keuchend, und das Herz droht den Leib zu sprengen ... Erst dann werden die Triebwerke von Leerlauf auf Flug umgeschaltet, das Zittern hört plötzlich auf, von der bleiernen Hand der Schwerkraft erstickt. Pilot, sagte Tarumow, sobald wir uns weit genug entfernt haben, driften wir und lassen den Kometen vorbeiziehen. Der Schutzgenerator hält durch. Dann berechnen wir das Weitere. Schön, sagte Fevrier nicht gerade vorschriftsgemäß. Schön fand er das durchaus nicht. Ihm war schon längst angst und bange zumute, dabei hätte er den Flug nicht mitzumachen brauchen. Polubojarinow wollte ihn ja zu sich ins Koordinationszentrum holen. Aber Fevrier hatte abgelehnt, weil diesmal zu viele Anfänger mitflogen außer dem Kommandanten noch der Mechaniker, der Kopilot und beide Ärzte. Und ihm wurde bange und immer bänger wegen eines einzigen Satzes von Tarumow: Dann berechnen wir das Weitere. Während all seiner Flüge hatte Tarumow also nicht gelernt, Entscheidungen zu fällen. Er hatte nur gelernt, Berechnungen auszuführen. Das sogar in dem kritischen Moment, wo klar und unfehlbar die innere Stimme eines wahren Raumfahrers sprechen muß. Wie alle Alten, die sich lange im Weltraum aufgehalten hatten, besaß auch Fevrier diese innere Stimme, aber jetzt schwieg sie. Er führte automatisch die Verrichtungen aus, er gab fehlerfrei das Programm in den Rechner ein, und als er seineArbeit beendet hatte, blickte er sich unwillkürlich nach Lora um übrigens taten das alle, als erbäten sie ihre schweigende Billigung. Lora lehnte im Kommandosessel, die Hände über der Gurtschnalle gefaltet, und lächelte Tarumow gelassen zu. Achtung, Start! sagte Tarumow. Früher hätte Fevrier diese Worte, seit undenklichen Zeiten das vorgeschriebene Kommando, nicht im geringsten als unpassend empfunden, aber jetzt wünschte er aus irgendeinem Grunde, daß der junge Kommandant etwas Eigenes gesagt hätte und nicht das Übliche. Schließlich konnte viel geschehen nach diesen Worten ... Nichts geschah. Die Übelkeit infolge der Überbelastung nichts weiter. Noch drei Sekunden nichts. Vier. Fünf. Sechs. Sieben ... Ein Stoß erschütterte den Koloß von Raumschiff, als ob im Bug etwas explodiert wäre. Metall schien unter Kreischen und Klirren wie Sperrholz zu zersplittern. Blut drang in Nase und Ohren, mit schwarzem schneidendem Schmerz verdunkelten sich die Augen. Fevrier kam es vor, als risse ihm jemand die Eingeweide heraus und werfe ihn aus dem fünften Stockwerk. Dann stieg und fiel der Nußknacker, wie von Wellen getragen, stieg und fiel. Das war kein schlechtes Zeichen, denn es bedeutete, daß die Stabilisatoren funktionierten. Aber da gab es außer dem Schmerz und der würgenden Übelkeit noch eine andere, von außen kommende Empfindung bei jedem Steigen und Fallen des Raumschiffs schlug dem Chefpiloten etwas gegen die Beine. Fevrier riß die Lider auf, hob mühevoll die rechte Hand und rieb sich die Augen nein, an der Hand war kein Blut. Vorsichtig, ohne die Gurte zu öffnen, wandte er sich zur Seite und erstarrte. Was bei jedem Schwanken des Raumschiffs gegen seine Beine schlug, war Loras Körper. Wahrscheinlich waren beim ersten, stärksten Stoß die Gurte an ihrem Sessel geplatzt, oder Lora hatte aus Versehen auf die Schnalle gedrückt und war in die Kabine geschleudert worden; doch ein Arm hatte sich in der Gurtschlinge verfangen, und jetzt schlug ihr Körper gegen den Sessel, und die Beine in hohen Schnürschuhen berührten Fevriers Knie. Fevrier wußte, daß er sich losschnallen und etwas unternehmen mußte, er fühlte sogar, daß er noch die Kraft dazu besaß, doch die schreckhafte Erstarrung war stärker als die Vernunft, er konnte sich nicht bewegen und wiederholte nur vielleicht laut, vielleicht auch unhörbar: Alle ... Alle ... Tarumow glitt zu ihm hinunter, verharrte ungefähr zwei Sekunden über ihm, in seinen Anzug verkrallt, wartete den Augenblick der Stille zwischen dem Steigen und Fallen des Raumschiffs ab, dann warf er sich nach unten, in die Lücke zwischen den Sesseln. Fevrier sah seine sich krampfhaft bewegenden Lippen und ahnte eher, als daß er durch das Dröhnen im Ohr hörte: Alle Ärzte in die Zentrale! Alle Arzte in die Zentrale!!! Und, wie als Antwort ein dumpfes Poltern und das Aufleuchten der Signaltafel: Dehermetisation erster Sektor. Das ist es also, im Bug zieht es. Die Triebwerke sind außer Gefahr, aber die meisten Versorgungssysteme ... Unter anderem der Notlift, den die Ärzte unbedingt benutzen müssen. Hoffentlich schaffen sie es ... Fevrier ertappte sich dabei, daß er noch ein Unglück erwartete. Wenn schon vier Gramm Eis ins Raumschiff eingedrungen sind, dann bleibt es nicht bei einem Loch. Er schielte zu Tarumow der zerrte schon Lora in den Sessel und überprüfte die Schnallen. Auch er wartet also. Hoffentlich schaffen es die Ärzte ... Während er das dachte, krachte etwas über seinem Kopf, als risse die Decke, und Fevrier merkte, daß sein Körper immer schwerer wurde ... Als Fevrier zu sich kam, flog das Raumschiff ruhig dahin. Hätte er nicht Medikamente gerochen und das Kopfkissen vermißt, hätte Fevrier gedacht, daß er gerade in seiner Kajüte aufgewacht sei. Kurz darauf spürte er etwas Kaltes am linken Arm Manipulatoren massierten seinen Ellbogen. Da ist er also. In der Krankenstation. Aber wo sind die Ärzte? In einer solchen halbdurchsichtigen Truhe, die erste Hilfe ohne menschliches Zutun bot und Medizinsarg oder Hippokrates genannt wurde, hatte Fevrier schon ein dutzendmal gelegen. Er zog einfach den Arm aus der Umklammerung der Manipulatoren und setzte sich auf. Der Medizinsarg war nicht verschlossen, Fevrier hatte also keine ernsthafte Verletzung und konnte den Raum selbständig verlassen. Aber nebenan war es jemandem weniger gut ergangen der Deckel war verriegelt, und durch die Wölbung blinkten unzählige Manipulatoren mit Nadeln und Tampons. Wer konnte das sein? Weder unter der Besatzung des Nußknackers noch bei der Expedition gab es Glatzköpfe, doch im Sarg lag ein kleiner Mann, der völlig kahlgeschoren war. Fevrier beugte sich über die Brüstung und ergriff das Ende eines Papierstreifens, der am Kopfende der Truhe austrat. Der Streifen war schon einmal oder mehrmals? abgerissen worden, und der Satz begann mitten im Wort: ... olge Vibration. Raumschiff unbedingt stabilisieren. Mehrfacher Schädelbruch ... In der oberen Luke, dicht an der Wand, erschienen Beine; die Sturmleiter herunter kam Wobbegong, er riß dem Chefpiloten den Streifen aus der Hand, ohne ein Wort zu sagen, so daß ihn Fevrier nicht einmal bis zur Hälfte lesen konnte, und verschwand wieder in der Luke. Fevrier blieb sitzen, zog die Knie an und schwankte leicht. Er konnte sich immer noch nicht erklären: Warum hatte Wobbegong die Leiter benutzt und nicht den Lift? Mit einem Zipfel seines Bewußtseins wurde ihm klar, daß er sich einfach fürchtete, an das Wesentliche zu denken, und sich an Nebensächlichkeiten klammerte, um das Schreckliche zu verdrängen. Er blickte unwillkürlich auf das Flimmern unter dem Truhendeckel und sah plötzlich in einem Lichtschein das Gesicht des kahlgeschorenen Unbekannten. Es war Lora. Der Schrecken, vor dem er sich hatte abschirmen wollen, erfaßte ihn, fuhr ihm ins Gehirn, wie beim plötzlichen Bremsen, wenn das ganze Blut Nase und Ohren zu sprengen droht. Einen solchen Schreck hatte er noch nie erlebt, bei keiner Katastrophe. Der Grad der eigenen Erschütterung ängstigte ihn, und er begriff auf einmal, daß nur jemand, der wirklich alt ist, so maßlose Angst beim Tode eines Menschen verspürt. So stand es also um ihn. Ein Anfall der schrecklichsten, der unabwendbaren Krankheit des Alters. Er wälzte sich schwerfällig über den Rand der Truhe und schleppte sich zur Leiter, bemüht, nicht zu Lora hinzusehen. Daß sie zum Tschompot flogen dem einzigen Planeten im Proginona-System, der sich zur Landung eignete , war nicht Tarumows Entscheidung. Das war einfach der einzige Ausweg. Die erste Explosion richtiger: das Zerspringen des Titanpanzers betraf den Regenerationssektor. Wasser gab es jetzt nur in der Krankenstation, Luft war noch knapper schließlich befand sich außer der Besatzung die gesamte Expedition Loras an Bord. Allerdings nicht mehr alle ... Während des ersten Stoßes waren die Ärzte im Notlift gewesen. Lebten sie noch, als die Kabine in den Schacht stürzte? Müßige Frage Dehermetisation des Bugsektors. Deshalb war es am vernünftigsten, Lora der Obhut des Medizinsargs anzuvertrauen. Zu seiner Aufgabe gehörte es, die Patienten zu untersuchen und ihr Leben zu erhalten, bis Menschen die Operation übernahmen. Aber es war niemand da, der hätte operieren können. Deshalb eilte der beschädigte Nußknacker zu dem einzigen Planeten, der ihn bis zur Ankunft von Rettern beherbergen konnte. Im ovalen Teleskopbildschirm schimmerte bläulich die beleuchtete Seite des Planeten. Ein Kontinent war völlig mit vereisten Felsen bedeckt, der andere, am Äquator, bestand fast nur aus Sümpfen, so daß sich für die Landung lediglich eine steinerne Plattform eignete, die von einem Gebirge zu einer morastigen Ebene abfiel. Auf diese Plattform steuerte der Pilot zu. Über den Bildschirm des Bordcomputers krochen Angaben über die klimatischen Bedingungen des Tschompot mittlere Temperaturen, jahreszeitlich bedingte Stürme, Funkstörungen infolge der Proginona-Aktivität. Lassen wir das weg? wandte sich Tarumow fragend an Fevrier, der schwer in seinem Sessel ruhte. Das Wetter erfahr ren wir von der Sonde, und ein ganzes Jahr werden wir hier nicht bleiben ... Fevrier konnte sich kaum zurückhalten, die Hände hinter dem Rücken zu verstecken und dort auf Holz zu klopfen. Ja, ja, ließ er sich mit übertriebener Unbekümmertheit vernehmen. Wir haben schließlich sechs Sonden, und auf dem Tschompot hat es bei der Landung noch nie Schwierigkeiten gegeben, soweit ich mich erinnere. Erinnern konnte er sich natürlich nicht. Ein Raumfahrer seiner Klasse wußte über zweibis dreihundert Planeten Bescheid, doch der Tschompot war nicht darunter. Deshalb schlug der Kommandant vor: Wir erkundigen uns nach den bisherigen Landungen ... Gelandet war die Atlantis, ein Forschungsschiff, während die Mjrko Stasic, ein Havarieschiff, den Planeten lediglich ^umkreist] hatte. Den spärlichen Angaben des Computers war zu entnehmen, daß es der Atlantis fast ebenso ergangen war wie dem Nußknacker, allein mit dem Unterschied, daß bei ihr die Triebwerke abgerissen worden waren. Die Atlantis rief ein Havarieschiff und hing solange stationär auf der Umlaufbahn, bis die Mirko ankam. Dabei wurden die Oberfläche und die Atmosphäre des Tschompot gründlich erforscht. Die Zentrale auf der Erde wertete die Daten aus und stufte den Tschompot ein. Er war zur Erschließung kaum geeignet, deshalb landeten keine Menschen auf dem Planeten. Die Besatzung stieg auf der Umlaufbahn ins Havarieschiff um. Die Atlantis war tüchtig beschädigt, man ließ sie zurück das heißt, über Fernsteuerung setzte man das Raumschiff auf dem Planeten auf, wo es als automatischer Leuchtturm oder notfalls als Zufluchtsstätte für Schiffbrüchige dienen konnte. Man müßte das Wrack aktivieren, sagte Tarumow ungeduldig. Ein Funker in die Zentrale! Lodaria, der Erste Funker, kroch aus der Luke. Hinter ihm erschien Wobbegong mit einem neuen Streifen in der Hand. Können Sie das Raumschiff auf dem Tschompot aktivieren? fragte Tarumow, statt zu befehlen. Warum nicht? erwiderte Lodaria, wie so oft eine Frage mit einer Frage beantwortend, was den Kommandanten stets reizte. Dann tun Sie es! Gleich. Ich müßte erst die Verbindung zur Erde herstellen. Ist der Sender nicht in Ordnung? Ich fürchte, die Antenne am Bug streikt. Vor der Landung ist das nicht nachzuprüfen. Das war sowieso klar: Als die Bugsektoren dehermetisiert wurden, hatte sich sofort das automatische Schutzfeld eingeschaltet. Es dürfte einfacher sein, den Sender der ,Atlantis' zu benutzen, schlug Wobbegong vor. Hauptsache, so schnell wie möglich. Hippokrates drängt. Möglichst in der Nähe der .Atlantis' aufsetzen, sagte Tarumow beinahe flehend. Ihre Apparate haben einwandfrei funktioniert. Jedenfalls hat die Basis alle Angaben von der AES bekommen. Ja, die AES die Automatische Erkundungsstation, die mit der menschenleeren Atlantis auf dem Tschompot zurückgelassen worden war, hatte lange Zeit Angaben über Atmosphäre, Boden, Vegetation und andere Eigenschaften dieses wenig anziehenden Planeten gesendet, und jetzt marschierten alle diese Daten, die im Computer jedes Raumschiffes gespeichert waren, als helle Zahlenkolonnen über den Bildschirm. Tiere gab es überhaupt nicht, selbst einfachste Arten fehlten, dabei hätte man bei dem üppigen Pflanzenwuchs Saurierherden züchten können. Aber das interessierte niemanden, und Tarumow wollte schon die Datenübertragung ausschalten, als auf dem Bildschirm die Nachricht erschien: SPUREN AUSSERIRDISCHER WESEN: LEMOIDEN (?!) Was? schrie Tarumow außer sich. Auch noch Lemoiden? Fevrier schüttelte nur den Kopf; das war typisch. Wenn schon bei einem Flug von Anfang an alles schiefging, dann würde es auch mit einem Höllenspuk enden. Wir driften, murmelte Tarumow kaum hörbar. Jetzt bleibt nur eins driften ... Driften ach, wie schön wate das, wie beruhigend, wenn nicht die Generatoren ... Wenn nicht der Sender ... Und Lora... Kommandant! Offenbar war sehr langsam zu Lodaria gedrungen, wer hier zu befehlen hatte. Kommandant, ich garantiere nicht, daß wir innerhalb der nächsten zehn Tage Verbindung zur Erde bekommen. Der .Nußknacker' driftet, wiederholte Tarumow. Wenn meine Untergebenen mich einmal so ansähen wie jetzt Wobbegong und Lodaria ihren Kommandanten, würde ich mich wohl aus dem Raumschiff ins Leere stürzen, dachte Fevrier. Doch worin.bin ich besser als er? Fevrier zwang sich, mit einer anderen, festen und jungen Stimme zu reden. Wobbegong, sehen Sie nochmals nach, wie es um Lora steht. Und Sie, Lodaria, bemühen sich, die Reparatur nicht zehn Tage dauern zu lassen. Die Luke wurde übereilig zugeschlagen. Und jetzt, Sergej: Unter den gegebenen Umständen übernehme ich das Kommando über das Raumschiff. Tarumow schloß die Augen, als ob jemand zum Schlag gegen ihn ausgeholt hätte. Erstens, fuhr der Chefpilot fort, müssen wir alle fragen, wer schon mit Lemoiden zu tun hatte. Gibt es jemanden, dann unverzüglich in die Zentrale mit ihm. Tarumow nickte. Beeil dich nicht mit deiner Zustimmung, du Niete, dachte Fevrier mit Bitterkeit. Überlege erst: Kann ich denn eine solche Bürde auf mich laden? Ich kann es nicht. Und tue es auch nicht. Du hast den Kopf verloren, du weißt nicht, was jetzt das wichtigste ist: das Raumschiff mit dem stummen Sender, die Gefahr des Erstickens oder diese außerirdischen mechanischen Ungeheuer auf dem verdammten Tschompot, wo wir unbedingt landen müssen. Aber das ist nicht das wichtigste, damit werden wir schon irgendwie fertig. Das wichtigste ist um jeden Preis Lora Zmuidziniatiene retten. Wie, wirst du entscheiden. Und zweitens, fuhr der Chefpilot in einem Ton fort, der keine Einwände zuließ, daß eigentlich ich das Raumschiff befehlige, wird nicht ins Bordbuch eingetragen. Entweder das ist nicht die ,Atlantis' , sagte Sungurow, der Mikrobiologe der Expedition, oder sie schwankt wie eine Boje auf dem Meer. Alle sahen gespannt auf den Teleskopbildschirm, der ein fünffach vergrößertes Farbbild von der Oberfläche zeigte. Man kann das Bild noch zirka zwei Kilometer näher heranholen, aber das bringt nichts, sagte Tarumow. Schicken wir eine Sonde? Der fragende Ton wurde nur von einem Mann wahrgenommen von Fevrier. Er nickte unmerklich. Dann los, wandte sich Tarumow an Wobbegong. Hoffentlich sind die Sonden nicht festgeklemmt. Die Sonde löste sich ordnungsgemäß und lautlos vom Raumschiff, ein Signallämpchen flackerte mit grünlichem Licht, und ein Spezialbildschirm, der das Blickfeld der Sonde wiedergab, leuchtete matt auf. Anfangs war er völlig mit Schatten bedeckt, doch als sich die Sonde weit genug vom Raumschiff entfernt hatte, erschien auf der olivfarbenen Mattscheibe das Bild eines vierschwänzigen Pottwals, der immer kleiner wurde so sah der Nußknacker von der Seite aus. Die Sicht war schlecht, denn der Verteiler lieferte kaum Energie. Alle starrten mit angehaltenem Atem auf den Bildschirm, als könne plötzlich ein Lemoid in natürlicher Größe auftauchen. Eigentlich war das Wort Lemoid Kosmosjargon, zurückzuführen auf Stanistaw Lern, einen der beliebtesten Schriftsteller zu Beginn des Kosmischen Zeitalters. Auf eine Kolonie entwicklungsfähiger kybernetischer Organismen stieß man zuerst im System des Beteigeuze, fast vier Jahrhunderte nachdem diese winzigen und durch ihre Vielzahl allmächtigen Kyborgs von dem großen polnischen Schriftsteller beschrieben worden waren, und irgendwie ergab es sich von selbst, daß Lern diese Gebilde auf dem Gewissen hatte, als hätte er sie nicht nur vorhergesagt, sondern auch erschaffen. Der von jemandem hingeworfene scherzhafte Ausdruck Lemoiden wurde bald zu einer allgemein gebrauchten Bezeichnung. Seitdem waren Lemoiden in nicht weniger als zehn verschiedenen Gebieten des Weltraums entdeckt worden auf Planeten wie aufAsteroiden. Meist waren sie hoffnungslos und endgültig tot. Unterschiedliche Entwicklungswege, verursacht durch sehr verschiedenartige physikalische Bedingungen, hatten dazu geführt, daß diese kein einziges Mal einander auch nur entfernt ähnelten. Zwar entstammten sie mutmaßlich der gleichen Zeitepoche, trotzdem war ihr Alter sehr unterschiedlich. So stritten die Wissenschaftler über die Frage: Waren alle Lemoiden anfangs gleich, sind sie Kinder einer Zivilisation, aber zu verschiedenen Zeiten und zu unterschiedlichen Zwekken entstanden, oder sind die einzelnen Lemoidenarten nicht miteinander verwandt? Von der Besatzung des Nußknackers hatte nur Dan Fevrier Lemoiden gesehen, es war jedoch eine tote Kolonie auf einem Wüstenstern gewesen. Dafür erwies sich Peter Sungurow aus Loras Forschungsgruppe als Lemoiden-Spezialist, er hatte schon mit sehr lebendigen, und wie gesagt werden muß, sehr kampflustigen Kyborgs zu tun gehabt. Die Lemoiden hatten den Planeten Krausaite in Besitz genommen und die Menschen in eine beispiellose Flucht gejagt. Inzwischen wurde das Bild des Nußknackers, das von der Sonde übertragen wurde, immer winziger... Höhe dreitausendfünfhundert Meter, meldete Lodaria. Wäre es nicht an der Zeit, die Objektive auf den Tschompot zu richten? Es ist längst Zeit. Und stellt endlich Kontakt zur .Atlantis' her, sie hat sich bewegt, so daß die Apparate ... Fevrier besänftigte Tarumow: Der Tschompot ist ein junger Planet, er wird ständig geschüttelt und gerüttelt. Deshalb wollen wir nicht von vornherein alles auf die Lemoiden schieben, die vielleicht längst verreckt sind. Das hofften alle. Plötzlich schrillte durch die Zentrale ein abgerissenes Pfeifen, als rufe jemand ungeduldig einen Hund. Aha, stellte Lodaria befriedigt fest. Die ,Atlantis' meldet sich doch. Warum sollten ihre Geräte auch nicht funktionieren? Er setzte die Kopfhörer auf und schaltete auf Empfang. Es wurde still. Kontakt zum Atlantiscomputer, meldete Lodaria. Er will den Wetterbericht übermitteln, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Empfang? Später, sagte Tarumow. Hat er Verbindung zur Erde? Lodaria zuckte die Schultern und begann, die Anfrage zu tippen. Bei Kontakten mit Computern war der Lautkode nicht zuverlässig. Ja ... Verbindung zur Erde funktioniert ... Letzte Kontrolle vor einhundertachtzig Stunden ... Augenblicklich keine Verbindung möglich wegen Funkstörungen. Läßt sich das Schutzfeld der ,Atlantis' ferngesteuert einschalten? Lodaria spielte ein bißchen auf den Tasten, lauschte. Alle warteten gespannt die Schutzfeldgeneratoren im Bugsektor des Nußknackers waren fortgeschleudert worden, als das Raumschiff den Kometen verlassen hatte ... Niemand sprach es aus, doch alle wußten es: Ein einziger erbsengroßer Meteorit konnte einen ungeschützten Raumschiffriesen wie den Nußknacker zerstören, sobald er mit üblicher Geschwindigkeit flog. Das Schutzfeld ist ständig eingeschaltet und von hier aus zu steuern. Radius? Dreihundert Meter. Tarumow blickte sich zu Fevrier um es war etwas merkwürdig, daß das Schutzfeld eines Forschungsraumschiffs dieser Klasse eine so geringe Reichweite hatte. Macht nichts, sagte Fevrier. Möglicherweise wurde das Schutzfeld vom zurückfliegenden Havarieschiff aus eingestellt. Die Peilung ist jetzt stabil, und den ,Nußknacker' an die .Atlantis' anzulegen ist eine Kleinigkeit. Dort sind wir dann in ihrem Schutzfeld geborgen. Gut, doch sicherheitshalber schicken wir noch eine Sonde voraus. Es ist höchste Zeit, sich um den Wetterbericht zu kümmern. Wir müssen schließlich so anlegen, als ob wir auf Watte landen. Tarumow wurde mit jedem Kommando selbstsicherer. Fevrier, der ihn die ganze Zeit beobachtete, stellte sich unwillkürlich die Frage: Macht der Kommandant die natürliche und unausbleibliche Entwicklung durch, das Verschmelzen mit dem ganzen Raumschiff, wo man beinahe schmerzhaft spürt, wie jeder und besonders ein beschädigter Mechanismus funktioniert, wo man mit jedem Regenerator atmet und bei jeder kleinen Verstopfung in einer Leitung niest? So wird ein echter Kommandant geboren, doch Tarumow scheint nicht dazu geschaffen zu sein. Und wenn er imstande wäre, in gewissem Maße das Raumschiff zu beherrschen, dann würde er sicher die Menschen vergessen. Doch nun, nach den Worten, die den anderen nichts bedeuteten, begriff Fevrier, daß er seinen Kommandanten unterschätzt hatte. Tarumow wußte tatsächlich, was jetzt das wichtigste war. Und hatte das auch nie vergessen. Weiche Landung. Daunenweiche Landung. Weil davon Loras Leben abhängen konnte. Als ob er Fevriers Gedanken erraten hätte, verschwand Wobbegong in der Luke und tauchte knapp zwei Minuten später wie ein Korken wieder auf. Kommandant, Hippokrates verlangt innerhalb einer Stunde eine Mitteilung über mögliche Erschütterungen, ündder Sauerstoff geht aus ... Höhe der Sonde? fragte Tarumow abgehackt. Eintausenddreihundert. In einer Stunde legen wir an, und dann befinden wir uns in völliger Ruhelage. Fevrier dachte wieder: Auf Holz klopfen? Seltsame Störungen, sagte plötzlich Lodaria. Alle drehten sich zum Sonderbildschirm um. Tatsächlich, die gesamte olivfarbene Oberfläche war mit verschwommenen kurzen Strichen besät. Der längliche Rumpf der Atlantis, der deutlich zu erkennen gewesen war, schien mit Tinte bespritzt zu sein. Und die Spritzer wurden zu Klecksen. Höhe? Eintausendfünfundsechzig. Die Kleckse zerflossen, die Tschompotoberfläche war dazwischen kaum zu sehen, war nur noch ein verbogenes Gitter. Das Bild flackerte auf und erlosch. Zweite Sonde ab! schrie Tarumow, bevor jemand zur Besinnung kam. Gleiche Richtung, danach die dritte mit zweihundert Metern Abstand. Jetzt leuchteten zwei olivfarbene Bildschirme: Der untere zeigte die Oberfläche des Planeten, der obere gab ein Bild von der unteren Sonde, die an eine zusammengedrückte Birne erinnerte. Eintausenddreihundert, diktierte Lodaria leise. Eintausendzweihundertachtzig ... -zweihundertsechzig ... -vierzig .. . Da sind sie! rief Wobbegong. Sie greifen an. Die Bande. Die schwarzen Körper waren etwa einen Meter lang. Sie befanden sich schon in einer Höhe von ungefähr fünfhundert Metern und flogen schnurstracks zur unteren Sonde, wie von einem Magneten angezogen. Die dritte Sonde im Abstand von einhundertfünfzig Metern halten! Verstanden. Eintausendeinhundertacht... Das Bild von der unteren Sonde zitterte und flackerte. Bald war nichts mehr zu erkennen. Dagegen zeigte der obere Bildschirm sehr deutlich, wie der Angriff vor sich ging. Stumpfmäulige, kegelförmige Körper flogen zur unteren Sonde und verkrallten sich mit tödlichem Griff. Natürlich waren alle hervortretenden Teile zuerst betroffen die Antennen, Sender, Objektive, Stabilisatoren. Überall, wo sie sich festklammern konnten, hingen schon mechanische Gebilde, manchmal eines am anderen. Die Lemoiden falls es tatsächlich welche waren rissen die Sonde mit ihrem Gewicht zu Boden. Der untere Bildschirm erlosch, auf dem oberen war zu sehen, wie ein schwarzer formloser Klumpen auf den Tschompot stürzte. Dritte Sonde zurück! Von dem Schauspiel gebannt, hatten alle vergessen, daß die dritte Sonde inzwischen in die Gefahrenzone geraten war. Dritte Sonde zurück auf eintausenddreihundert Meter! Zu spät. Auf dem oberen Bildschirm zuckte und flackerte es, die Sonde war getroffen. Tarumow schätzte, daß den Lemoiden sechs bis sieben Sekunden genügten, um eine Sonde zu zerstören. Von den sechs Sonden des Nußknackers waren nur drei verblieben, und es war nicht gelungen, die Lemoiden richtig zu betrachten. Gut, sagte Tarumow unerwartet, sehr gut. Was haben die hiesigen Lemoiden mit denen gemeinsam, die Sie gesehen haben? Sungurow schien sich zu freuen, daß er gefragt wurde. Äußerlich nichts, unsere Kyborgs waren viel kleiner, sie bewegten sich in Sprüngen, aber nur drei bis vier Meter hoch. Obwohl von den Lemoiden auf dem Krausaite zu erwarten gewesen wäre, daß sie sich leichter fortbewegen dort sind nämlich Insekten die höchste Lebensform, und die Lemoiden sahen aus wie eine Kreuzung von Ameise und Grashüpfer... Der Kommandant unterbrach Sungurow mit einer Handbewegung. Das ist so einfach hat das früher wirklich niemand bemerkt? Sagen Sie, Fevrier, woran erinnerten die Lemoiden, die Sie gesehen haben? Ach, mein Junge, dachte Fevrier, du solltest mich in Ruhe lassen. Ich sitze in der Ecke, nicke dir zuweilen zu, wenn du dich nach mir umblickst und bin völlig abwesend. Wie das die Mediziner nennen, weiß ich nicht Depression, wahrscheinlich , ich bin jetzt nicht siebzig Jahre alt, sondern mindestens hundertvierzig. Meine Kräfte reichen gerade, um mich im Sessel aufrecht zu halten. Aber er dachte nach, an den Lippen kauend, und antwortete langsam: An nichts. Nichts, was auf der Erde vorkommt. Es waren Biomechanismen ... Doch, an Korallen, unterbrach ihn Wobbegong. Ich erinnere mich gut an die Berichte. Entsinnen Sie sich, Sie hatten einen zweiten Mechaniker, Possomai. Er brach einen Ast ab. und entdeckte innen einen Biokondensator, und erst dann kam Ihnen der Verdacht, daß es sich um ein Biosystem handelte. Und wie sieht auf dem Planeten die höchste Lebensform aus? fragte Tarumow, den Blick auf Fevrier und Wobbegong gerichtet. Wenn nichts eingeschleppt wurde, antwortete Wobbegong, gibt es dort nicht einmal Wimpertierchen. Meinen Sie nicht auch, daß die Lemoiden die höchste Lebensform mechanisch imitieren? Ja, es scheint so, ließ sich Lodaria vom Bildschirm her vernehmen, aber das geht über die Kräfte eines kleinen beweglichen Kyborgs. Wenn die Kolonie allerdings von einem Gehirn gesteuert würde ... In den Berichten war die Rede von Überresten eines Biocomputersystems auf dem Krausaite, gab Wobbegong zu bedenken. Nun, wir konnten uns nicht einmal richtig umsehen, gestand Sungurow offenherzig. Unsere Lemoiden waren zu habgierig sie hatten es darauf abgesehen, alles in seine Bestandteile zu zerlegen und in ihre Termitenburgen zu schleppen. Das fahrbare Labor nahmen sie bis zum letzten Schräubchen auseinander, und die .Kaninchen sezierten sie. Da frage ich mich: Woher kommt bei den hiesigen Lemoiden diese Angriffslust, wenn es auf dem Tschompot keine Tiere gibt? J-ja, sagte Sungurow, das ist rätselhaft. Um so mehr, als die ,Atlantis' an derselben Stelle unbelästigt landen konnte. Da ist sie, ganz und heil, mit leichter Schlagseite, und gibt manchmal sogar Pieptöne von sich. Tatsächlich, die Atlantis schimmerte auf dem Bildschirm des Teleskops, und ihre Signale klangen wie ein Metronom, das die Sekunden mißt. Die Zeit verstrich. Tarumow fuhr auf. Gut. Die vierte Sonde auf eine Höhe von eintausenddreihundert, und keinen Millimeter tiefer. Ja? Gewohnheitsmäßig wandte er sich an Fevrier, wartete jedoch das beifällige Nicken nicht ab, sondern fuhr fort: Wir tasten das Gebiet um den Landeplatz ab. Die Sonde lassen wir spiralförmig kreisen. So sehen wir, wie sie springen. Das berechnen wir dann. Vielleicht funktionieren sie nur einmal? fragte Lodaria hoffnungsvoll. Sie steigen auf und werden beim Hinunterfallen zerstört? Das wünschten alle! Die vierte Sonde jagte hinab, ihr war eingegeben, die Höhe zu halten und einen Abstand von fünfzig Metern zu jedem sich bewegenden Gegenstand zu wahren. Die Sonde sank, kreiste in einer sich erweiternden Spirale, aber die Lemoiden wollten noch nicht anbeißen. Erst als die Sonde tiefer hinabgelassen wurde, gingen die ersten Gebilde zum Angriff über. Die Sonde sprang umher, vor jedem Angreifer zurückzuckend, und die Sicht wurde sehr schlecht. Der olivfarbene Bildschirm zeigte einen wahren Veitstanz, und mit dem Teleskop waren keine Einzelheiten zu erkennen. Ich möchte bloß wissen, was sie mit unseren Sonden machen. Auffressen? Lodarias Neugier war wie immer groß, diese Frage beschäftigte jedoch alle. Die Frage verlangte eine Antwort, und die konnte nur vom Raumschiffcomputer kommen, der von Anfang an alle Angaben der Sonden gespeichert hatte. Tarumow gab die Frage ein. VÖLLIGE DEMONTAGE DER KONSTRUKTION lautete die Antwort auf dem Computerbildschirm. Ja, sie fressen sie wirklich auf, stellte Lodaria erschrocken fest. Trotzdem, wie sähe das in der Natur aus? In der Natur wäre das Jagd auf Metall. Warum haben sie dann nicht die .Atlantis' auseinandergenommen? Ein Raumschiff schaltet beim ersten Versuch einer Demontage automatisch sein Schutzfeld ein, antwortete Tarumow zerstreut. Die .Atlantis' konnten sie nicht anrühren. Aber dort waren doch keine Menschen?! Es geht nicht um Menschen ... Darum geht es nicht... Tarumow schien fieberhaft nachzudenken. Jetzt ist etwas anderes wichtig, murmelte er, während er die nächste Frage in den Computer eingab: Waren die Lemoiden gleichmäßig auf der Oberfläche verteilt, bevor sie die erste Sonde angriffen? JA Nehmen alle Lemoiden, die sich in der Nähe befinden, am Angriff teil? JA, OHNE AUSNAHME Wobbegong, schicken Sie eine Sonde auf dieselbe Strecke, aber in einer sich verengenden Spirale. Die schwarzen Gebilde stiegen wieder auf. Ist die Zahl der Angreifer jetzt ebenso groß wie bei der ersten Sonde? fragte Tarumow, seinen Augen nicht trauend. JA Wer hat gesagt, daß die Lemoiden beim Aufprall zerstört würden? Leider stimmt das nicht. Ich glaubte das. Lodaria seufzte. Trotzdem, Kommandant, was meinten Sie, als Sie sagten, daß die Lemoiden die ,Atlantis' nicht anrühren konnten? Sie hat keine Sonden geschickt. Tarumow schien nicht zu hören. Er betrachtete unentwegt den Bildschirm, auf dem kegelförmige Kleckse auftauchten, größer wurden, für eine Sekunde unbeweglich blieben, metallisch aulblitzten und wieder sanken. Sich durch einen solchen Schwärm hindurchzuschlagen wäre undenkbar der ungeschützte Nußknacker, behängt mit den ekelhaften Metallwürsten, geriete aus dem Gleichgewicht. Vielleicht würde er nicht abstürzen, doch die Landung wäre alles andere als weich. Und schrecklich, daran zu denken, was bei einer solchen Landung in der Krankenstation geschähe ... Der Kommandant schwieg. Es schwieg auch Fevrier, der in der letzten Stunde kein einziges Wort verloren hatte. Er war froh, daß niemand etwas von seinem Zustand ahnte, besonders Tarumow nicht. Wenn sich seine und Tarumows Blicke trafen, schloß er nur die Augen, ohne zu nicken, aber Tarumow spürte, daß das bedeutete: Ja, Kommandant. Du machst alles richtig, Kommandant. Du bist ein tüchtiger Kerl! In seinem tiefsten Innern fühlte Fevrier, daß er keine Kraft mehr fände einzugreifen, falls Tarumow nicht richtig handelte. Er würde die Augen schließen Ja, Kommandant und seinen Blicken ausweichen. Seitdem Fevrier die volle Verantwortung für das Raumschiff übernommen hatte, war Tarumow jedoch kein einziger Fehler unterlaufen. Die vierte Sonde über der ,Atlantis' stoppen! befahl Tarumow. David, ständig die Fernsteuerung des Schutzfeldes überprüfen. Wir müssen es abschalten, wenn wir neben der .Atlantis' anlegen. Der Kommandant redete den Funker zum ersten Male mit Vornamen an, aberLodaria schien das nicht zu bemerken. Ja, er überprüft die Fernsteuerung, das ist einfach, doch wie gedenkt der Kommandant die Strecke von ungefähr tausendeinhundert bis grob gerechnet dreihundert Metern zu durchqueren, das heißt von der Reichweite der Lemoiden bis zum Schutzfeld? Da erklang ein melodisches Signal, und auf dem Videophon erschien die Krankcnstation. Bei Katastrophen besaß allein Hippokrates das Recht, sich direkt in die Kommandozentrale einzuschalten. Ich fordere, das Raumschiffdriften zu lassen, ertönte eine metallische Stimme. Die Patientin braucht unbedingt Ruhe. Ein operativer Eingriff ist dringend notwendig. Wo bleibt das medizinische Personal? Beschwerde beim Kommandanten. Eine Beschwerde war überflüssig. Der Kommandant war gleich aufgesprungen und hatte sich vor den Bildschirm mit den unheilvollen stumpfmäuligen Schatten gestellt, als könnte Lora in ihrem Medizinsarg den Höllenspuk sehen. Was sollte er Hippokrates erklären? Daß er statt Ruhe alles geben würde vom letzten Atemzug bis zum letzten Blutstropfen? Denn Ruhe, unbedingte Ruhe, konnte er nicht versprechen. Ich Brauche noch eine Stunde, keuchte er ins Mikrophon. Eine Stunde. Durchhalten um jeden Preis. Und niemand wußte bittet er die Maschine, oder wendet er sich an Lora? Doch Lora konnte ihn nicht hören. Wobbegong, der Kommandant preßte den Rücken gegen die Sessellehne, als fürchte er, das Raumschiff könnte wieder anfangen zu schlingern , Bomben auf den Tschompot, ein Kreis von dreihundert bis zweitausend Metern um die .Atlantis'. 0,25 Tonnen auf hundert Quadratmeter! Diesmal blickte er sich nicht einmal zu Fevrier um. Auf dem Tschompot gab es keine Nachfahren unbekannter Zivilisationen es gab ein mechanisches Hindernis, das beseitigt werden mußte. Und wenn jemand gewagt hätte, ihm zu widersprechen, dann hätte er ihn sicherlich an die alte Legende erinnert, daß vor einigen Jahrhunderten ein allmächtiges Wesen von einem fremden Planeten auf die Erde gekommen war. Es war mitten auf einer Straße gelandet, über die faschistische Panzer fuhren. Der Fremdling erkannte gleich, daß das Vernichtungswaffen waren, aber er durfte sich nicht einmischen; das sind doch Kinder einer anderen Zivilisation, mit ihnen muß man sich erst verständigen, vielleicht treiben sie so den Fortschritt voran ... Die Panzer zu schlagen blieb den Russen überlassen. Vielleicht hätte Tarumow auch nicht an diese Legende erinnert, sondern einfach scharf erwidert: Ich übernehme die volle Verantwortung! Er konnte das schon tun. Fertig! meldete Wobbegong. Feuer! Der Teleskopbildschirm zeigte, wie zielstrebig die Bombenkassetten hinunterflogen. Da tauchten sie schon auf dem Sondenbildschirm auf. Schwarze Gebilde warfen sich ihnen entgegen, aber die Kassetten öffneten sich, und die Lemoiden schwirrten hin und her, offenbar verwirrt von der Masse an Zielen. Manche Lemoiden hielten trotzdem für einige Sekunden inne, als überlegten sie, dann klammerten sie sich an eine Bombe und stürzten hinab in der tödlichen Umarmung, deutlich langsamer als beim freien Fall. Es war unmöglich, ihr weiteres Schicksal zu verfolgen, weil unten schon die ersten kleinen Explosionswolken aufschäumten, harmlos wirkend bei der Entfernung und Stille. Aber alle wußten genau, daß dort,. dreihundert Meter von der ,Atlantis' entfernt, die Hölle los war. Rauch und Staubwolken verdeckten bereits das gesamte Gelände, und nur das Raumschiffselbst war unter der unsichtbaren Kuppel seines Schutzfeldes wahrzunehmen, es sah aus wie ein Bullauge. Die Staubwolken stiegen höher, und bald war nichts mehr zu erkennen. Hält das Schutzfeld? ließ sich Sungurow zaghaft vernehmen. Tarumow zuckte bei dieser Frage zusammen. Wenn das Schutzfeld birst, ist es sowieso aus, ob sie nun landen oder in der Umlaufbahn bleiben. Ohne Hilfe, die nur von der Erde kommen könnte und nur über den Sender der Atlantis, wären Loras Stunden gezählt. Alles andere ist unwesentlich. Wobbegong sagte leise: Die Regeneratoren versagen. Alle die Skaphander anziehen! warf ihm Tarumow über die Schulter zu, als entledigte er sich einer lächerlichen Kleinigkeit. Das war augenblicklich wirklich nicht das schlimmste. Viel schlimmer war, daß sich Hippokrates wieder einmischte: Ich garantiere noch eine Stunde. Der Kommandant hat Maßnahmen zu treffen. Tarumow schaltete die Krankenstation ab und befahl, als wäre das etwas ganz Gewöhnliches und LJnbezweifelbares: Das Parallelhypnophon vorbereiten. Wobbegong, noch einmal Bomben, nehmen Sie einen größeren Umkreis. Man kann ihnen auch eine dritte Ladung verpassen. Das ist noch mein Befehl, das verantworte ich. Jetzt übergebe ich das Kommando des Raumschiffs dem Chefpiloten Dan Fevrier. Ich bin in der Krankenstation. Das ist alles. Nein, sagte Fevrier, nicht alles. Tarumow wandte sich mit solcher Heftigkeit um, daß er beinahe den Sessel aus der Wand riß. Nein, wiederholte Fevrier müde, aber bestimmt. Uns steht eine Landung bevor, bei der jedes Besatzungsmitglied gebraucht wird. Wenn ihm Tarumow widerspricht, wird er sagen, wer hier eigentlich das Raumschiff befehligt. Alle werden erfahren, was sich vor wenigen Stunden zwischen dem Kommandanten und dem Chefpiloten abgespielt hat. Entschuldigen Sie, Kommandant, sagte Sungurow. Sie können nicht wissen, daß Lora und ich schon Psi-Kontakt hatten. Wenn das Hypnophon nicht zu umgehen ist, funktioniert es mit keinem so gut wie mit mir. Lassen Sie mich zu Lora gehen. Dagegen konnte Tarumow nichts sagen. Hätte Sungurow gefordert, bewiesen wäre es etwas anderes. Aber er bat. Da bereits Psi-Kontakt bestanden hatte, wären Einwände sinnlos. Das Hypnophon war eine unklare Sache, es wirkte durchaus nicht immer. Gut, sagte Tarumow. Gehen Sie. Aber beginnen Sie bitte erst in fünfzehn Minuten, vielleicht landen wir bald und ohne Hindernisse. Dann werden wir weitersehen ... Danke, Kommandant, erwiderte Sungurow, wobei er seine langen asiatischen Wimpern niederschlug. Ich gehe. Er zwängte sich schweigend durch die Luke, und alle blickten ihm nach. Bisher war Sungurow ein unauffälliger Mann gewesen. Er ähnelte den Bewohnern Tahitis auf Gemälden von Gauguin plattgedrückte Nase, glänzende große Augen und tropische Lässigkeit der Bewegungen. Jetzt übernahm er das Parallelhypnophon, ein äußerst gefährliches Ding, das nur bei Fernflügen und in aussichtsloser Lage erlaubt war. Es bestand aus einem gewöhnlichen Hypnophon einem Apparat zur Heilung durch Schlaf und einem ebenso ungefährlichen Mnemotransmitter, wie er zum Erlernen von Daten und Sprachen benutzt wurde. Hier wurde er allerdings dazu benutzt, Biound Psi-Rhythmen eines gesunden Menschen zu übertragen. Die Gefahr bestand darin, daß die ungeheure Anspannung, in der sich der Psi-Spender pausenlos mehrere Stunden lang befand, zu schwersten Erschöpfungszuständen führte, und bei lange währendem Kontakt drohten ihm Bewußtseinsstörungen. Das nahm Sungurow auf sich, und wenn der Kontakt mit Lora nicht schon einmal zustande gekommen wäre, hätte Tarumow nie zugestimmt. Alle atmeten schwer, Fevrier war leichenblaß. Warum hat niemand einen Skaphander an? brauste der Kommandant auf. Wobbegong, überprüfen Sie die Sektoren. Der Regenerator arbeitet für die Krankenstation. Tarumow zog den Schlauch des Skaphanders nach oben und hustete ins Mikrophon. Eile tat not; die Baiions enthielten einen Luftvorrat für achtundvierzig Stunden, und das mußte ausreichen für die Verteidigung gegen die Lemoiden, für die Landung, für den Umstieg und, falls es nötig sein sollte, auch für die Reparatur der Atlantis. Ein äußerst knapper Vorrat also. David, lassen Sie die vierte Sonde tiefer, aber auf fünfzig Meter Entfernung von jedem Gegenstand. Die Sonde sank auf dem olivfarbenen Bildschirm wurden die Wolken aus Staub und Asche immer größer. Schon war die Sonde auf der Höhe von sechshundert, fünfhundert, vierhundert Metern. Sie schwebte über der Wolkendecke. Ein wenig tiefer, und sie würde in dem langsam aufsteigenden schweren Dunst versinken. Auf Infrarotsicht umschalten und tiefer lassen! Auf dem Bildschirm wirbelte erhitzte Luft, und durch das Teleskop sah alles aus wie ein ferner, ruhiger Schleier. Nein da flimmerte es kaum merklich ... Sie steigen auf! schrie Lodaria in die Stille. Die Brühe auf dem Sondenbildschirm fing an zu brodeln, als hätte jemand einen riesigen Quirl eingeschaltet. Helle stumpfmäulige Gespenster blinkten auf das bedeutete, unten, auf dem Tschompot, war es heißer. Die Sonde lebte ihre letzten Sekunden. Der Bildschirm leuchtete heller, immer mehr Lemoiden näherten sich, sie waren fast nicht mehr vom Hintergrund zu unterscheiden. Und plötzlich dunkel, abgeschaltet. Sie sind wieder haufenweise da, stellte Wobbegong fest. Vielleicht haben sie unterirdische Verstecke? Die Biester vermehren sich, mutmaßte Lodaria düster. Schluß mit der Panik an Bord! schrie der Kommandant. Wir haben natürlich in dem Brei nichts erkennen können. Aber die Sonde funktionierte, bis sie den Boden berührte. Wenn sie auch herumgeschleudert wurde, unser Computer hat genug Aufnahmen erhalten. Gleich werden wir wissen, was dort unten wirklich vor sich geht. Seine Finger glitten'lautlos über die Tasten des Computers, und in Sekundenschnelle erschien die Antwort auf dem Bildschirm: WÄHREND DER EXPLOSION BEFANDEN SICH ANNÄHERND 75 % ALLER LEMOIDEN IN DER LUFT, DAVON WURDEN NICHT MEHR ALS 10 % BESCHÄDIGT. VON DEN LEMOIDEN AUF DER OBERFLÄCHE WURDEN 80 % VERNICHTET. WIE SIE SICH ERNEUERN UND VERMEHREN, IST VORLÄUFIG UNKLAR. ANZUNEHMEN IST WIEDERHERSTELLUNG DES URSPRÜNGLICHEN ZUSTANDS. Woher nehmen sie nur das Metall? fragte Lodaria. Das ist es ja sie konnten Metall rauben, ohne die .Atlantis' anzurühren, antwortete Tarumow. Die Besatzung hatte das Raumschiff verlassen, doch bevor es landete, schickte es automatische Forschungsstationen aus, die das zurückfliegende Havarieschiff mit allen Nachrichten über den Tschompot versorgten. Biolaboratorien, Wetterstationen, Schürfapparate, schließlich Sonnenbatterien alles, was die Schutzzone verließ, konnte geplündert werden. Dazu unsere eigenen Sonden, und vielleicht sogar die Bomben, brummte Wobbegong. Mir kam es vor, als hätten sie die Bomben in der Luft abgefangen und vorsichtig wie rohe Eier zu Boden getragen. Fragen wir doch den Computer, wie viele Bomben nicht explodiert sind. Die Antwort war wenig trostreich: 40 Prozent. . Wir füttern sie mit Rohstoffen, faßte Lodaria zusammen. Bei der vierten Sonde schienen es sogar mehr zu sein als bei der ersten. Überprüfen? Auf dem Bildschirm kam die Antwort: VON DEN UNBESCHÄDIGTEN LEMOIDEN NAHMEN NUR 33 % AM ANGRIFF TEIL. ANGRIFFSLUST UND GESCHWINDIGKEIT WAREN DREIMAL SO GROSS WIE ANFANGS. 48 % BEFASSTEN SICH MIT ERNEUERUNG. DIE URSPRÜNGLICHE ZAHL DER LEMOIDEN IST WIEDER VORHANDEN. Lodaria bemerkte bissig: Unser Computer hat einen Prozenttick. Achtundvierzig, dreiunddreißig ... Statistik war nie sinnloser als hier. Sie müssen Schlag auf Schlag vernichtet werden, und er macht Abrakadabra mit Zahlen ... Nein, fiel ihm Wobbegong ins Wort, das ist kein Abrakadabra. Das sind streng gesetzmäßige Zahlen, doch ich kann mich nicht erinnern, in welchem Aufsatz ich etwas Ähnliches gelesen habe ... Das hatte nichts mit Lemoiden zu tun. Schicken wir noch eine Sonde, um ihr Verhalten zu erforschen? Noch eine Sonde kriegen sie nicht, sagte Tarumow. Aber eine Ladung Bomben. Wobbegong, die Schlagkraft dreimal so groß, Bereich fünf Kilometer. Feuer! Die Bombenkassetten sausten hinunter. Eine Sonde hinterher, aber nicht tiefer als tausendzweihundert Meter! Der Bildschirm zeigte, wie die todbringenden Kassetten fächerförmig niedergingen. Sie wurden erwartet schwarze Kleckse flogen ihnen entgegen. Da haben wir ihr Verhalten! Tarumow knirschte mit den Zähnen. Die ganze Meute ist in der Luft, und wir können sie nur am Boden vernichten. Nicht alle waren in der Luft. Der Computer meldete: AM ANGRIFF NAHMEN 66 % ALLER LEMOIDEN TEIL. DlE AKTIVITÄT . STIEG UM 150 %. Wobbegong fummelte an seinem Skaphander herum und klopfte die Taschen ab, die es gar nicht gab, als suchte er einen Merkzettel. Ich muß mich erinnern, ich muß es ..., sprach er gequält vor sich hin. Tarumow wandte sich gewohnheitsmäßig an Fevrier, der ebenso automatisch nickte, wobei er auf den Computer starrte. Das deutete der Kommandant auf seine Weise. Er fuhr Wobbegong an: Zum Teufel noch mal! Das ist wahrhaftig nicht Ihr erster Flug! Wenn Sie neulich etwas gelesen haben, dann konnte es kein Buch und keine Zeitschrift sein, höchstens eine Filmkopie, die in unserem Computer gespeichert ist. Er enthält auch Assoziationen erster Ordnung. Sie hätten längst den Computer fragen können, was alle diese Prozentzahlen für Assoziationen hervorrufen . .. Wobbegong tippte schon die Frage. Es war nicht gerecht, ihn so anzuschreien das Assoziationsprogramm wurde bei Flügen praktisch nie gebraucht. Aber es funktionierte. Auf dem Bildschirm leuchtete auf: REGENERATION VON LEBERZELLEN Ja, natürlich! Wobbegong freute sich. Ein Aufsatz von Metkaf! Seine Freude wurde von niemandem geteilt. Na und? brauste Tarumow wieder auf. Was helfen uns Zellen, wo die Lemoiden nie eine Leber gesehen haben? Konnten sie denn die Besatzung der ,Atlantis' aus der Ferne untersuchen, solange sich das Raumschiff auf der Umlaufbahn befand? Wir reden dummes Zeug, und Sungurow ... Nicht doch! rief Wobbegong, beinahe schluchzend. Die Lemoiden zeigen wirklich ein Abbild der Regeneration von Leberzellen, als hätten sie einen Lehrgang in angewandter Biologie mitgemacht. Ich bin ein Idiot! sagte Tarumow auf einmal in versöhnlichem Ton. Verzeihen Sie mir um Himmels willen, Wobbegong, daß ich Sie angebrüllt habe. Lodaria, angeln Sie aus der Videoaufzeichnung ein Bild mit einer Großaufnahme von Lemoiden ... Nein, größer ... Drehen Sie es zurück, dort sind zu viele ... Ja! Stopp. Schalten Sie das Assoziationsprogramm ein. Tarumow schien die Antwort schon zu wissen. Auf dem Bildschirm flimmerte ein Wort: RATTEN In den fahrbaren Labors befinden sich oft Ratten. Wahrscheinlich hat der ,Atlantis'-Computer den Planeten für gefahrlos gehalten und automatische Labors losgeschickt. Die Lemoiden haben sie gründlich auseinandergenommen, und die Tiere sind fortgelaufen. Bei den Lemoiden war eine höhere Lebensform aufgetaucht, die ihnen als Vorbild für ihre weitere Entwicklung diente. Was für ein Glück, flüsterte Wobbegong, daß die Rohstoffvorräte begrenzt waren, sonst hätten sie Ungeheuer von der Größe eines Hauses gebaut! Und die Raumschiffbesatzung war auch blöde; sie hat ihre Gaben im ganzen Weltall ausgestreut, ohne darüber nachzudenken, daß der einfache Kampf ums Dasein aus Kyborgs Bestien machen kann. Und wir... Aufhören! unterbrach der Kommandant Wobbegongs Vorhaltungen. Krankenstation, hören Sie mich? Hier spricht der Kommandant. Sungurow, Sie haben noch nicht... Ich sehe es. Sehr gut. Ich verbiete den Hypnokontakt bis zum nächsten Befehl. Ende. Wobbegong, schnell aus der Küche einen Eimer Wasser. Nein, es braucht nicht zu kochen. Aber möglichst schnell. Fevrier betrachtete Tarumow mit wachsender Verwunderung. Ja, Tarumow war ein Anfänger, doch ein begabter, vielversprechender Anfänger, ein junger Fuchs, der sich an seiner eigenen Allmacht berauscht. Und das war angeboren, ein echter Kommandant, der sich auf seinem ersten Flug erprobt und was für einem Flug! Und jetzt: Alle nehmen ein Mikrophon ..., dort am Pult sind welche ... Wir brauchen eine Stereoaufnahme. Lodaria, Sie sind der Größte. Steigen Sie auf den Sessel! Wobbegong, geben Sie ihm den Eimer. So. Gießen Sie auf den Lukendeckel, das plätschert mehr, und den Strahl nicht zu dünn. Die Mikrophone niedriger ... Aufnahme ab! In weniger als einer Minute war die Aufnahme fertig. . David, beide Raumschiffe auf direkten Kontakt! Das Band als Schleife abspielen und ununterbrochen auf die gesamte Tschompotplattform übertragen. Das geht nicht? Und die Labors der .Atlantis'? Sie haben doch Fünfzigwatt-Verstärker. So-o ... Jetzt veranstalten wir für sie ein Konzert unter freiem Himmel... Wobbegong, alle unsere Knallraketen runter! Wir müssen eine kosmische Sintflut zaubern, um den Landeplatz von der Rattenbrut zu säubern. Fertig? Und jetzt die Hauptsache: Die Verbindung zwischen den Hypnophonen der Raumschiffe herstellen. Ich weiß, das hat man noch nie getan. Ich weiß auch, daß Psychoangriffe auf unerforschten Planeten streng verboten sind. Stellen Sie die Verbindung her, David, auf meine Verantwortung. Ein Psychoangriff ist unmoralisch bei vernunftbegabten Wesen, aber die Lemoiden sind nur mechanische Gebilde, die sich die Merkmale von Ratten angeeignet haben: blinde Gier, tierische Angriffslust und die widerliche Eigenschaft, sich als ganzes Rudel auf ein Opfer zu stürzen ... Aber sie müßten auch so feige sein wie Ratten. Wie sieht es mit der Sintflut aus, Wobbegong? Die Raketen sind weg ... Die Sicht ist sehr schlecht. Gut, wir wollen die vorletzte Sonde nicht schonen. Befehl an alle im Raumschiff: Alle ohne Ausnahme Helme aufsetzen und an den nächsten Kanal der Mnemoaufzeichnung anschließen. Die Membranen an den Schläfen überprüfen! Fertig? Und jetzt strengt eure Vorstellungskraft an: Unser Schiff wird von Wassermassen überflutet. Wasser oben und unten. Wir sinken. Der einzige Ausweg ist Flucht, kopflose Flucht... Los! Das Bild einer Überschwemmung! Schrecken! Flucht! Eine Minute, fünf, zehn bis ich halt sage. Und keinen einzigen anderen Gedanken! Fevrier schloß die Augen. Er wußte, daß die Lösung genial war. Bei den Lemoiden den Ratteninstinkt wecken, den sie sich angeeignet haben, ihn aufstacheln, verstärken, mag er noch so schwach sein ... Für eine gewisse Zeit siegt der Instinkt über den Verstand. Und diese Zeit reicht aus, um im Schutzfeld der Atlantis zu landen. Inzwischen schwebte die Sonde über der Staubwolke, die vom Dunst über den Bergen anschwoll. Da durchdrangen die ersten grellen Blitze die dichte Wolkendecke ... Die Sintflut begann! Achtung! Übertragung! schrie Tarumow. David, die Gerausche tausendfach verstärken! Wobbegong, wo sind die fahrbaren Atlantis-Labors? Bereit? Für dreißig Sekunden das Schutzfeld ausschalten, damit sie durchkommen ... Gut, wieder einschalten! Niemand unterbricht die Übertragung! Wasser! Überall Wasser! Nichts als Wasser!!! Das Wasser stieg, überflutete alles, es reichte schon bis an die Knie, bis zu den Hüften ... Trübes, rauschendes Wasser, das von oben herabstürzte und von unten hervorsprudelte Wasser... Tarumow erwachte wie aus einem Traum. Wenn es den anderen mit ebensolcher Kraft gelungen war dann war es gut. Er blickte sich um. Alle hatten die Augen zugekniffen. Auf den Gesichtern las er Schrecken und Anstrengung und die Entschlossenheit, in blinder Angst schnell zu fliehen ... Ein Augenpaar war nicht geschlossen. Kraftlos blinzelnd, tränend, greisenhaft. Sehr schlecht? fragte Tarumow, nur die Lippen bewegend. Gleich landen wir. Sie flüchten, Dan, sie flüchten ... Die Sonde tauchte furchtlos in die Wolken ein, und auf dem Infrarotbildschirm flimmerten die letzten geisterhaften Schatten, an fette Ratten erinnernd. Dann hörte das Flimmern auf. Der Kommandant wartete noch einige Minuten. Sie rissen aus, aber lieber sichergehen ... Jetzt war es genug. Halt. Befehl zurück! Tarumow wandte sich an Fevrier: An die Steuerung, bevor sie sich besonnen haben. Setzen wir uns, Dan! Wir landen. Wir, dachte Fevrier. Wir. Soll ich ihm die Wahrheit sagen? Ihm sagen, daß er die ganze Zeit selbständig gehandelt hat, und zwar hervorragend, wie ein echter Kommandant? Ihm sagen, daß ich gleich zu Anfang, nach dem ersten Stoß, alles aufgegeben habe, daß mir das widerfahren ist, was ich einfach nicht glauben wollte, obwohl es mir ältere Freunde gesagt haben daß über mich, nicht allmählich, wie es auf der Erde geschieht, sondern plötzlich, mit einem Male, das hohe Alter gekommen ist, wo der Mensch nichts mehr vermag weder der Geist noch der Körper ... Das müßte ich ihm sagen er hat es verdient. Eigentlich hat er alle gerettet, nicht allein Lora. Nur wenn ich ihm das sage, bleibt er Kommandant. Er stürzt sich in den nächsten Flug, der gut ausgehen wird. Auch beim dritten Flug wird ihm alles gelingen. Und beim zehnten. Mißgeschicke wie dieses sind äußerst selten. Aber irgendwann beim ungefährlichsten, alltäglichsten Flug wird sich alles wiederholen. Dann wird kein alter Raumfahrer dasein, der sieht, daß der Kommandant ein Ersatzmann ist, zweite Garnitur, und der sagt: Ich bin jetzt der Kommandant. Handle so, als stündest du hinter meinem Rücken. Bleib ruhig, der Kommandant hier und bis zur Landung das bin ich, und du bist nur sein Gehilfe ... Nein. Nichts werde ich ihm jetzt sagen. Wir landen in der Gewißheit, daß wir das zum letzten Male tun. Nach der Heimkehr hören wir beide auf: ich, weil ich als Raumfahrer zu alt bin, und er ..., er wird kein Raumschiff mehr befehligen können, ohne eine Minute zu vergessen, wie er sich hinter meinem Rücken versteckt hat, als er den Nußknacker auf dem Tschompot landete. Der Boden des Tschompot war mit Trichtern wie mit riesigen Pockennarben besät. Nur im Bereich des Schutzfelds war die Oberfläche glatt. Auf dem Bildschirm tauchten die zerschmolzenen Düsen der Atlantis auf. Schutzfeld abschalten! befahl Tarumow. Der Nußknacker setzte so weich auf, daß es niemand spürte. Schutzfeld wieder einschalten, Verbindung zur Erde herstellen ... Krankenstation, wie geht es Lora? Lora hält durch.
|