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KIRILL BULYTSCHOWEINE LOKOMOTIVE FÜR DEN ZARENAus dem Russischen von Aljonna Möckel © 1983
Das kleine Raumschiff landete in der Puschkinstraße Nr. 16, mitten auf dem Hof. Schneeregen fiel der Herbst neigte sich seinem Ende zu. So lautlos glitt das Schiff zur Erde, daß Korneli Udalow, der auf dem Weg zur Arbeit war, gar nicht gleich mitbekam, was sich da von oben seinem Haus näherte. Im Niedergehen beschädigte der Flugkörper den Schuppen, platschte dann in eine Pfütze, so daß ringsum der Schmutz aufspritzte, und erstarrte. Udalow, der sich bereits am Tor befand, machte kehrt und drehte, durch einen kleinen bunten, von seiner Frau entliehenen Sonnenschirm vor dem Regen geschützt, eine Runde um das Raumschiff. In Erwartung eines Antwortsignals klopfte er mehrfach gegen die Seitenverkleidung, da sich aber drinnen nichts rührte, ging er schließlich los, um seinen Nachbarn Alexander Grubin zu wecken. "Sascha!" rief Udalow und stieß ohne Schwierigkeiten mit einem Finger die kleine Tür im Parterre auf, "steh auf, Sascha, in unserm Hof ist ein Raumschiff gelandet." "Ist ja so früh", ertönte die verschlafene Stimme Grubins, "noch nicht mal acht." "Da drin meldet sich niemand", fuhr Udalow fort, "ob ihnen was zugestoßen ist?" "Ist es groß, das Raumschiff?" fragte Grubin. "Nein, höchstens drei Meter lang. Eine Art fliegende Untertasse." "Sind Kennzeichen dran?" "Davon hab ich nichts gesehn." "Geh raus und halt Wache, ich zieh mich nur an. Regnet es?" "Ja, ein Hundewetter. Und grad heute muß es landen! Ich hab um neun eine Besprechung." Udalow ging zum Raumschiff zurück, suchte die Luke und klopfte dagegen. "Stemiwuram sass?" fragte jemand von drinnen. "Ich bin's, Udalow", sagte Korneli Iwanowitsch. "Sind Sie absichtlich bei uns gelandet oder mehr zufällig?" "Posliti, maratakra", sagte die Stimme. "Ja ja, mach auf, ich wart solange", antwortete Udalow. Die Luke gab ein Klicken von sich und schnellte hoch. In der öffnung stand ein zerzauster Kosmonaut im Schlafanzug und rieb sich die Augen. Wenn man von seinem außerordentlich kleinen Wuchs absah — er reichte Udalow gerade bis zur Taille —, von der grünlichen Haut und dem spröden Haar, das in Büscheln auf Stirn und Nasenspitze wuchs, besaß er durchaus ähnlichkeit mit einem Menschen. "Prekgrani wsluka!" rief der Kosmonaut aus, dabei zunächst den Himmel, dann Udalow und schließlich die Bauten rings um denHof musternd. "Nun ja, so ist das Wetter eben. Um diese Jahreszeit ist in unseren Breiten nichts Besseres zu erwarten." Der Fremde fröstelte im Wind und sagte: "Struku, krapataka." "Zieh dich ruhig erst an", erwiderte Udalow, "ich hab Zeit." Er schloß sorgsam die Luke hinter dem Kosmonauten und stellte sich so neben den Flugkörper, daß er vor dem peitschen den Regen geschützt war. Der rosafarbene Anstrich des Raumschiffs blätterte bereits ab — es war ihm anzumerken, daß es die kosmischen Weiten nicht erst seit heute durchpflügte. Dann traf Grubin ein, der sich eine Soldatenzeltplane übergeworfen hatte. "Das da?" fragte er und zeigte auf das Raumschiff. "Ja", sagte Udalow. "Ist ja wirklich nicht groß. Hat inzwischen jemand auf dein Klopfen reagiert?" "Er zieht sich nur an, dann kommt er raus." "Was will er eigentlich hier? Uns einfach besuchen?" "Das hab ich noch nicht rausgekriegt. Unser Wetter scheint ihm jedenfalls nicht zu gefallen." "Wem gefällt das schon! Aber wir sind hier nun mal nicht in Sotschi." "Weißt du", sagte Udalow, "wenn Gäste aus dem All kommen, erwarte ich immer irgendwas Interessantes. Auf dem Gebiet der Technik zum Beispiel, der Wissenschaft, der Kunst. Von all den Aussichten bleibt mir fast das Herz stehn." "Erst mal abwarten", erwiderte Grubin. "Vielleicht kommt er in feindlicher Absicht." "Sieht nicht so aus. Er war im Pyjama und hat ganz offensichtlich die Landung verschlafen." "Was für eine Sprache spricht er denn?" "Ist mir auch noch nicht klar. Aber das kriegen wir schon raus." Doch damit brauchten sie sich nicht mehr lange abzumühen. Erst öffnete sich knarrend die Luke, dann hüpfte der Raumfahrer zu ihnen herunter, diesmal mit durchsichtigem Regenmantel und ebensolchem Hut bekleidet. "Na da wollen wir uns mal bekannt machen", sagte Udalow. "Strpechjurka tik", entgegnete der Kosmonaut. "Immer schön langsam, wir haben Zeit", sagte Udalow. "Das heißt, so viel nun auch wieder nicht. Ich hab um neun eine Besprechung." Der Fremde zog ein schwarzes Kästchen mit Löchern, über die sich ein Netz spannte, aus der Tasche. Mit einem Knopfdruck schaltete er das Gerät ein. "Das ist wohl dein Dolmetscher?" fragte Grubin. "Wokrotschituk pa la-tam-prakawa?" ertönte es aus dem Kästchen. "Wosta", bestätigte der Raumfahrer, und das Kästchen wiederholte: "Stimmt." Von diesem Moment an wurde die Unterhaltung zwischen dem Kosmonauten und den Menschen einfacher. Auch erwies sich Udalows Vermutung als richtig, der Raumfahrer gehörte einer hochentwickelten Zivilisation an. Der Kontakt mit einem solchen Abgesandten versprach interessant zu werden. "Wie heißt Ihr Planet?" erkundigte sich der Kosmonaut. Da ihm kalt war — er trat von einem Fuß auf den ändern —, schlug Grubin vor: "Gehn wir doch zu mir und unterhalten uns im Warmen weiter. Weshalb bei diesem Wetter draußen stehn!" "Natürlich nur, wenn Sie nicht in Eile sind", fügte Udalow hinzu. Der Fremde winkte mit seiner kleinen Hand ab, was hieß: Weshalb sollte ich in Eile sein. Dann gingen sie über den Hof zu Grubin. Der Raumfahrer benahm sich sehr manierlich, er wischte sich zum Beispiel ordentlich die Schuhe ab. Nur eins klappte nicht bei ihm. Da er sehr klein war, mußte er zum Sitzen auf den Stuhl gehoben werden. "Unser Planet heißt Erde", sagte Udalow, als alle Platz genommen hatten. "Möchten Sie frühstücken?" "Nein, danke", antwortete der Kosmonaut. "In welchem Sektor ist das ?" "Sie werden gewiß verstehen, daß Sie und wir eine ganz unterschiedliche Sektorenberechnung haben", erklärte Udalow. Inzwischen brachte Grubin eine Flasche Kefir an. Er goß sich und dem Gast ein Glas ein. Udalow lehnte ab, da er bereits gefrühstückt hatte. Der Fremde schnupperte am Kefir, dann meinte er, das sei ihm zu sauer, er habe einen schwachen Magen. "Und wo kommen Sie her?" erkundigte sich Udalow. "Von der Wapraxila", erwiderte der Raumfahrer. Doch dieser Name sagte Udalow nichts. übersetzt hätte das genausogut Alpha Ptolemäi wie Beta Centauri heißen können. "Was ist der Grund für Ihren Besuch? Eine Expedition?" "Nein", antwortete der Kosmonaut, der Wußz hieß, "es war mehr Zufall. Mir muß da was kaputtgegangen sein, an den Instrumenten oder am Triebwerk. Eigentlich wollte ich meine Tante auf der Krupissa besuchen, erst als ich hier rauskletterte, merkte ich, daß ich woanders bin." "Ja, Sie sind wirklich woanders", bestätigte Udalow. "Augenblick", fuhr Grubin dazwischen, "ist doch nicht ausgeschlossen, daß unsre Erde bei ihnen Krupissa heißt!" "Nein, nein", entgegnete Wußz, "auf der Krupissa war ich schon öfter. Dort ist alles ganz anders, auch die Bevölkerung. Vom Wetter gar nicht zu reden." "Tja, eine unangenehme Geschichte", sagte Udalow. In diesem Moment wurde an die Tür geklopft. "Wer ist da?" fragte Grubin. "Ich bin's, Loshkin", antwortete jemand hinter der Tür. "Komm mal schnell raus, bei uns auf dem Hof steht ein verlassenes Raumschiff. Wer-weiß, vielleicht sind die Fremden schon in Wohnungen eingedrungen, um sie auszuräumen!" "Komm rein, Loshkin, kannst ganz beruhigt sein", sagte Grubin. Loshkin trat ein und wurde beim Anblick des Kosmonauten mächtig verlegen. Er war immer so voreilig und hatte, ohne es zu wollen, den Gast beleidigt. "Das kränkt mich sehr", sagte Wußz. "Sind etwa alle Erdenbewohner so schnell mit Verdächtigungen bei der Hand? Ich muß schon sagen, das zeugt von einer sehr niedrigen Zivilisationsstufe." "So war's ja nicht gemeint", verteidigte sich Loshkin. "Sie müssen das verstehen. Ich komm raus und seh das leerstehende Raumschiff. Wenn da man nicht unsre Lausebengel reinklettern, denk ich." Der Kosmonaut seufzte. "Ach, es ist schon ein Elend, in einer so zurückgebliebenen Gesellschaft zu landen, wo man den unmöglichsten Verdächtigungen ausgesetzt ist. Hätt ich mehr Zeit, ich würde euch manches beibringen." "Wenn's was zu lernen gibt, sind wir immer dabei", sagte Udalow. "Und was nun?" fragte Grubin. "Tja, was?" Wußz guckte aus dem Fenster. Es hatte aufgehört zu regnen, eine fahle Herbstsonne kam zum Vorschein. "Ist jemand unter euch, der sich in Gravitationstriebwerken auskennt?" "Für Technik interessier ich mich schon", sagte Grubin, "doch mit Gravitationstriebwerken hatte ich's noch nicht zu tun." "Schade", sagte Wußz. "Bei uns gibt's an jeder Ecke Werkstätten und Millionen, ach was, Billionen von Mechanikern, die sich hervorragend mit solchen Triebwerken auskennen." "Ist doch klar", sagte Loshkin, der seinen Fehler wiedergutmachen wollte. "Das kann bei eurem Stand der Zivilisation ja gar nicht anders sein!" "Gehn wir trotzdem mal rüber zum Schiff und schaun uns den Schaden an", schlug Wußz vor. Grubin griff nach Schraubenzieher und Flachzange, dann begab er sich mit dem Gast zum Flugkörper. Loshkin und Udalow folgten ihm. "Haben Sie auf Ihrem Planeten eigentlich große Erfolge in der Wissenschaft erzielt?" fragte Udalow. "Riesige", erwiderte der Kosmonaut. "Im Vergleich zu euren sind sie sogar umwerfend." "Sie sollten uns davon erzählen", bat Udalow. "Wir trommeln die Leute zusammen, es kommen bestimmt eine ganze Menge. Dann berichten Sie." "Na schön, vielleicht findet sich eine freie Minute", sagte Wußz. Er forderte Grubin mit einer Haridbewegung zum Betreten des Raumschiffs auf. Grubin kroch mit einiger Mühe durch die Luke, doch kaum waren seine Sohlen verschwunden, tauchte auch schon wieder sein Gesicht auf. "Sie müssen entschuldigen", sagte er, "aber allein find ich mich da nicht zurecht. Wo ist denn bloß der Lichtschalter?" Wußz seufzte tief und rang die kleinen Hände, als wollte er den Anwesenden zu verstehen geben, wie zurückgeblieben sie doch waren. Konnte man vielleicht Vertrauen zu ihren Mechanikern haben, wenn sie nicht mal den Lichtschalter fanden?! Die Anwesenden schämten sich, und Udalow sagte vorwurfsvoll zu Grubin: "Na du stellst dich vielleicht an, Sascha!" "Der Schalter ist in der Kajüte rechts", sagte der Kosmonaut und fügte, als Grubin wieder verschwunden war, hinzu: "übrigens werden die Reparaturen bei uns ausgeführt, ohne daß der Auftraggeber dabeizusein braucht. Der Mechaniker benutzt die Telepathie. Er schaut einem gewissermaßen in die Seele, erfährt so, was man beanstandet, und macht sich ans Werk. Fünf Minuten dann ist jeglicher Schaden behoben." "Tja", gab Udalow zu, "bis dahin haben wir's noch Zeit." "Diese Methode wird neuerdings auch in der Medizin angewandt", fuhr Wußz fort. "Was denn, in Abwesenheit des Patienten?" platzte Loshkin heraus. "Nicht ganz", sagte der Raumfahrer und schüttelte unwillig den Kopf, "die Telepathie wird nur zu Hilfe genommen." Er hat's schon schwer mit uns, dachte Udalow mitfühlend, die Kluft zwischen unseren Zivilisationen ist gar zu groß. In der Luke erschien abermals Grubins Kopf "Hören Sie", sagte er, "was ist denn eigentlich kaputt an Ihrem Schiff? Vielleicht könnten Sie mir die Stelle zeigen? Ehrlich gesagt, weiß ich nämlich nicht mal, was hier das Triebwerk und was die Küche ist." "Auf mich brauchen Sie da nicht zu rechnen!" fuhr ihm der Raumfahrer über den Mund. "Schließlich bin ich kein Mechaniker. Wenn sich bei uns jeder mit Dingen befassen wollte, von denen er nichts versteht, hätten wir nie und nimmer unsere bedeutenden Erfolge erzielt." "Nun, dann will ich auch nicht mehr ...", sagte Grubin. Er hatte sich bereits zur Hälfte aus der Luke gezwängt, als er von Udalow und Loshkin wieder zurückgestopft wurde — er solle weitermachen. "Aber was kann ich denn ausrichten!" protestierte Grubin. "Sie sind uns mindestens hundert Jahre voraus, und ich hab nicht mal 'ne Spezialausbildung. Außerdem hängen an sämtlichen Instrumenten Plomben!" "Weshalb haben Sie uns denn nichts von den Plomben erzählt?" wandte sich Udalow an Wußz. "Woher soll ich wissen, was an den Geräten hängt", erwiderte der Kosmonaut entrüstet. "Ich war einfach auf dem Weg zur Krupissa, als der Defekt auftrat. Ohne daß ich was dazu getan hätte! Wieso muß gerade ich auf einem so wilden, zurückgebliebenen Planeten bei lauter ungehobelten Leuten landen, die kein Verständnis für mich haben und mir noch nicht mal helfen wollen!" "So beruhigen Sie sich doch", beschwichtigte ihn Udalow, "wir verstehn alle sehr gut, in welcher Lage Sie sind. Ich geh gleich mal rüber in unsre Autowerkstatt zu Meister Mischutin, der hat goldne Hände." "Na dann los, schaffen Sie ihn her!" forderte der Kosmonaut. "Ich werde bei meiner Tante erwartet!" Udalow, der durchaus begriff, was die Menschheit diesem Zufallsgast schuldig war, hastete durch zwei Häuserviertel zur Werkstatt und traf bald mit Frol Mischutin wieder ein. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits alle Mieter des Hauses Nummer 16 in den Hof heruntergekommen und hatten Bekanntschaft mit dem Gast aus dem All geschlossen. Ein Schuljunge, Kolja Gawrilow, hatte ihm sogar einen Apfel geschenkt. Frol Mischutin war ein seriöser Mann; er musterte kurz das Raumschiff und fragte dann: "Welches Flugprinzip?" "Ich glaube, leichte Gravitonen", antwortete Wußz. "Aber da bin ich mir nicht sicher. In der Schule haben wir durchgenommen, daß es leichte sind. Wenn's schwere wären, müßte wohl die Form des Raumschiffs anders sein." "Soso", sagte Mischutin. "Den Triebwerktyp habt ihr in der Schule nicht durchgenommeh?" "Ausgeschlossen", sagte Wußz. "Ich hab mich auf Geographie und Buchhaltung spezialisiert." "Da bist du freilich zu nicht viel nütze", sagte Frol Mischutin. "Was fällt Ihnen ein, so mit mir zu sprechen!" entrüstete sich der Kosmonaut. "So weit seid ihr noch nicht, daß ihr Kritik an einer über euch stehenden Zivilisation üben könntet." "Gut, sollst recht haben", lenkte Frol Mischutin ein und kletterte durch die Luke. Da er lange auf sich warten ließ, begaben sich alle wieder zu Grubin, um sich den Bericht des Raumfahrers anzuhören. Wußz zierte sich anfangs zwar, gab an, daß seine Zeit sehr knapp bemessen sei, war dann aber doch einverstanden. "Erzähl uns doch von deiner aufgeklärten Welt, teurer Gast", wandte sich Udalow an ihn. "Führ uns, wie man so sagt, in die Geheimnisse der Zukunft ein." Der Kosmonaut holte ein Taschentuch hervor, putzte sich die Nase und bemerkte schließlich: "Unsere Welt hat, eure in der Entwicklung weit hinter sich gelassen." Doch das wußten alle schon. Sie warteten, was der Gast weiter zu sagen hätte. "Wir haben überfluß an allen Dingen und technischen Höchststand erreicht. Ich zum Beispiel besitze ein Arbeitszimmer ganz für mich allein, wo ich bloß ein paar Knöpfe zu drücken brauche. Von Zeit zu Zeit übermittle ich die Ergebnisse meiner Arbeit gedanklich an eine Spezialmaschine, die ihrerseits das Nötige ordnet und dem Leiter unserer Institution auf den Tisch legt." "Das find ich aber toll", sagte Udalow, um den Gast anzufeuern. "Ach was, es ist ganz normal", berichtigte Wußz. "Ich würde mich wundern, wenn es anders wäre. Den Weg zur Arbeit und zurück bewältige ich in Sekundenschnelle. Ich brauche nur eine Kabine neben meinem Haus zu betreten und auf einen Knopf zu drücken, schon befinde ich mich in genau der gleichen Kabine direkt neben meiner Dienststelle." ^ "Nach welchem Prinzip arbeitet diese Kabine denn?" fragte Grubin. "Dafür hab ich mich nie interessiert", antwortete Wußz. "übrigens, Häuser errichtet man bei uns in einer Nacht. Am Abend wird der Bauplatz vorbereitet, und am nächsten Morgen steht das Haus bereits komplett da, dreißig Stockwerke hoch-." "Wundervoll!" rief Loshkin aus. "Wie macht ihr das bloß?" "Das müssen Sie schon unsre Bauleute fragen", sagte Wußz und fuhr fort: "Meine Mittagspause nutze ich, um mir die neuesten Filme anzusehn, die ich während des Essens nach einer Liste auswähle. Das Essen aber bestelle ich durch einige Knopfschaltungen an meinem Tisch." "Und wie funktioniert das?" erkundigte sich Udalow, der die langen Schlangen in der Kantine haßte. "Keine Ahnung", erwiderte Wußz, "ist auch unwichtig. Wichtig ist einzig das Ergebnis. Wenn ich zum Nachbarplaneten reisen muß, fordre ich ein Raumschiff an, das mir direkt vors Haus geschickt wird. Ich drücke lediglich die Taste, die den Planeten bezeichnet, die übrige Zeit schau ich mir Filme an." "Ach ja", sagte von der Tür aus Frol Mischutin, der unbemerkt hereingekommen war und sich die Hände an einem Lappen abwischte. "Wenn du dich dazu noch ein bißchen für das Innere eines Triebwerks interessiert hättest, wärst du unbezahlbar." "Wieso, was ist denn?" Der Gast schreckte hoch. "Ein Leck im Gravitonentank. Kein Treibstoff mehr da. Und dieses Teil hier ist gesprungen. Wozu es dient, hab ich allerdings nicht herausgefunden." Frol griff in die Tasche und holte eine walnußgroße Kugel hervor, die in der Mitte gesprungen war. "Wofür ist die", fragte er, "habt ihr das in der Schule auch nicht durchgenommen?" "Spotten Sie nicht", entrüstete sich Wußz. "Wir haben eine hochentwickelte Gesellschaft, in der sich jeder mit seinem Fachgebiet befaßt. Ich zum Beispiel bin Beamter. Ein anderer ist Techniker, ein dritter Bauingenieur. Das ist doch ganz natürlich. Was ich herstelle, brauchen die ändern, was die ändern herstellen, brauche ich." Frol steckte die Kugel zurück in die Tasche und sagte: "Nä schön, ich schau mich noch ein bißchen im Schiff um." Die Anwesenden schwiegen. Udalow empfand Mitleid mit dem Fremden, der aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen war. Der alte Loshkin jedoch, der dem Raumfahrer heimlich grollte, brummte nicht ohne Schadenfreude: "Großes Glück haben wir ja nicht mit unserem Gast. Muß sich doch ausgerechnet jemand zu uns verirren, der von nichts eine Ahnung hat." "Das ist nicht wahr!" protestierte Wußz. "Ich weiß sehr wohl, welchen Knopf ich wann zu drücken habe." "Genau das meine ich", sagte Loshkin spöttisch grienend. "Was legst du dich mit ihm an", wies ihn Udalow zurecht. "Wenn du nun an seiner Stelle wärst..." "Ich werd mich hüten, mir das vorzustellen", erwiderte Loshkin. "Dieser Kontrast. Zum derart unbedarften Vertreter einer so hochentwickelten Zivilisation würde ich nie und nimmer absinken! Und wir Dummköpfe kommen hier zusammen, weil wir glauben, daß da einer von einem fernen Planeten eingetroffen ist, der uns erleuchten kann." "Daß Gäste aus dem All kommen und unsereinem sofort was beibringen, findet man nur in phantastischen Erzählungen", sagte Grubin. "Gäste aus dem All gibt's sone und solche!" erwiderte Loshkin. "Die Sache ist doch ganz einfach, Loshkin", sagte Udalow und sah zu Wußz hinüber, der sich mit untergezogenen Beinen betrübt auf seinem Stuhl zusammenkauerte. Er bot den mitleiderregenden Anblick eines Kindes, das seine Mutter im Zentralen Kaulhaus von Moskau verloren hat. "Ich beweise dir im Handumdrehn, daß du unrecht hast; Soll ich?" "Bitte sehr." "Dann stell dir vor, ich war Zar Iwan der Schreckliche." "Das fehlte gerade noch!" "Nun mach schon, zier dich nicht. Und Grubin ist, sagen wir mal, sein Vertrauter Maljuta Skuratow." "Ja und, was weiter?" "Du aber bist nach wie vor Nikolai Loshkin, der sich in seinen Shiguli setzt, durch unglückliche Umstände vom Weg abkommt und statt in Wologda im Schloß Iwan des Schrecklichen landet." "Aber du weißt genau, daß ich gar keinen Shiguli habe!" wehrte sich Loshkin. "Was sollen diese Märchen!" "Das ist nur ein Gedankenexperiment", beharrte Udalow. / "Hast du denn kein bißchen Phantasie?" "Also schön, von mir aus", meinte Loshkin ergeben. "Und nun?" "Nun bitte ich dich, mir von den technischen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts zu erzählen. Also los, fang an." "Womit denn?" "Ist mir egal. Nimm an, ich, Iwan der Schreckliche, wollte mir eine Kalesche bauen, wie du sie hast. Erklär mir's." "Meinst du den Shiguli?" "Wenn's dir lieber ist, nimm auch was Einfacheres. Ein Motorrad zum Beispiel." "Nichts leichter als das", sagte Loshkin. "Die Maschine steht vor dir, bau sie nach und fahr los." "Wie soll ich sie denn nachbauen? Ich versteh ja das Prinzip nicht." "Als erstes braucht man Benzin", begann Loshkin. Er wollte seinen Freunden beweisen, daß ihr Raumfahrer Wußz ein Reinfall war, und bemühte sich, alles besonders anschaulich zu erklären. "Dieses Benzin füllt man in den Tank." "Moment mal", sagte Korneli Iwanowitsch der Schreckliche und strich sich über den nicht vorhandenen Bart, "was ist das überhaupt — Benzin?" "Benzin? ... Nun, Erdöl kennst du ..." "Erdöl ja." "Du mußt es reinigen ..." "Reinigen wovon?" "Was heißt wovon? Von den Rückständen natürlich." "Das versteh ich nicht. Wie soll ich das machen? Mit der Bürste?" "Ach was... Dafür gibt's einen speziellen Industriezweig ..." Bei diesen Worten stutzte Loshkin. "Fahr nur fort", der Zar lächelte, "erzähl mir mehr von diesem Industriezweig. Und bei der Gelegenheit gleich noch was über die Reifenherstellung." "Also gut", sagte Loshkin, der sich nicht gern einem Zaren auf Gedeih und Verderb auslieferte, "ich erklär dir lieber eine Lokomotive." "Was meinst du", wandte sich Udalow an Maljuta Skuratow, "wollen wir uns was über die Lokomotive anhören?" "Einverstanden", erwiderte der Favorit des Zaren, "aber wenn er's nicht richtig erklärt, werden wir ihn hinrichten.' "Die Lokomotive bewegt sich durch komprimierten Dampf vorwärts", begann Loshkin. "Da geht ein Kolben hin und her, der die Räder antreibt." "Wie interessant", sagte der Zar. "Und wo geht dieser Kolben hin und her?" "Na wo schon, im Kessel natürlich." "Hör mal, Zar", sagte Maljuta Skuratow, "sollten wir ihn nicht sofort hinrichten? Wir verplempern nur unsre Zeit." Loshkin schwieg. Mischutin kam herein. "Das wird nichts", sagte er. "Kannst es mir hundertprozentig glauben, deine Maschine liegt fest. Ruf den Abschleppdienst an." "Aber wieso denn?" rief der Gast aus dem All. "Machen Sie mich nicht unglücklich! Könnten Sie nicht ein paar Spezialisten aus Ihrer Hauptstadt anfordern?" "Nein", erklärte Mischutin kategorisch. "Gravitonen werden bei uns nicht hergestellt, das ist Fakt." "In der Lokomotive gibt es zwei Kolben", redete Loshkin dazwischen, "auf die abwechselnd der Dampf drückt." "Du sei ruhig, du bist bereits tot", sagte Grubin. "Iwan der Schreckliche wird so nie zu seiner Lokomotive kommen." Der Raumfahrer brach in Tränen aus — er konnte sich nicht damit abfinden, ein Robinson Crusoe geworden zu sein, der von lauter Freitagen umgeben war. Nasser Schnee fiel und bedeckte das rosafarbene Raumschiff bald mit einer dicken Schicht. Seither sind vier Monate vergangen. Der Raumfahrer Wußz arbeitet fürs erste als Buchhalter in Udalows Kontor, er hat Russisch gelernt und erfüllt seine Pflichten leidlich. Sterne holt er freilich nicht vom Himmel. Auf Anraten Grubins wollte er sogar nach Wologda gehn, um im Zirkus als Liliputaner aufzutreten, doch er überlegte sich's anders; er hat Angst, sich von seinem Raumschiff zu trennen. Vielleicht finden sie's eines Tages und holen ihn zurück. Das Raumschiff selbst ähnelt inzwischen einer riesigen Schneewehe. Einer mit Rodelbahn; die Kinder sausen auf ihren Schlitten hinunter. Im Frühjahr wird, wenn nichts dazwischenkommt, Kamarinski aus Archangelsk anreisen. Er ist ein guter Freund von Frol Mischutin und ein berühmter Mechaniker. Wenn der nicht helfen kann, wer dann?
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